artAkus - Aphorismen, Apercus & Philosophische Miniaturen

 

 

Aphorismen

 

 

Ute Becker

Apercus

 

 

Ute Becker

Philosophische Miniaturen

 

Ute Becker

 

 

Aphorismen, Apercus und Miniaturen dürfen Sie zitieren – unter Angabe des Autorinnennamens „Ute Becker“:

 

 

Aphorismen

Ute Becker

 

 

  • Ich will die Stille, um ihr lauschen zu können

 

  • Schall schläft nicht

 

  • Lautstärke ist eine Anleihe an die Macht

 

  • Lautstärke“ könnte man auch lesen als „laute Stärke“

 

  • Wenn Ruhe laut Bundesregierung ein schützenswertes Gut ist, dann muss sie auch gepflegt werden

 

  • In einer Stadtwohnung wacht man nicht auf - man wird aufgeweckt

 

  • Liebe geht durch den Magen. Subwoover auch - nur verursachen die Übelkeit

 

  • Die Menschen haben seit jeher versucht, die Natur mit Lautstärke zu übertrumpfen: Lautstärke als Herrschaftsanspruch

 

  • Durch die Tonwiedergabegeräte vervielfachte sich die Menschheit, was in Ballungsräumen zu kritischen Situationen geführt hat

 

  • Eine Beschallungsanlage in der Hand eines Menschen kann eine Waffe sein. Es ist leicht, mit ihr Mitmenschen zu quälen

 

  • Die normative Kraft des Faktischen setzt den Lärmgeschädigten rettungslos ins Unrecht

 

  • Wieder schlägt das gesunde Volksempfinden zu: Richtig ist, was laut ist

 

  • Mit Radio und Musikanlage begann Homo sapiens sein Revier akustisch zu markieren

 

  • Lautstärke macht die Erde virtuell kleiner und enger

 

  • Der satte Bürger schaffte sich seine „Satt-Kultur“ und dazu gehören auch satte Bässe

 

  • Ich glaube, bei uns piept's

 

  • Früher schlugen die Fäuste zu, heute sind es die verstärkten Bässe

 

  • Die Orgel – das Keyboard Gottes

 

 

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Apercus

Ute Becker

 

  • Lärm ist das, was wir NICHT hören wollen: Lärm ist akustischer Hausfriedensbruch, Körperverletzung, Redundanz, Umweltverschmutzung, Vandalismus, Gewalt, Müll; Lärm ist indiskret, aufdringlich und verletzt die Privatsphäre. Lärm ist Passivhören

 

  • Es ist erstaunlich, wie sehr so genannte Zivilisationen der Droge Lautstärke erliegen. Alle Diktaturen konnten sie erfolgreich gegen das Denken einsetzen. Heute herrscht das Event-Diktat über die Menschen

 

  • Rhythmischer Klang hat Menschen schon immer in Schwingungen versetzt, aber bis zur Geburt der Tonwiedergabegeräte konnten sie dieser Droge ausweichen. Heute werden die Menschen gezwungen, diese Droge zu sich zu nehmen: Muzak in Supermärkten, Nachbars Radio-, Fernseh- und Musikprogramme, Ghettoblaster im Strandbad, Beschallung von Fußgängerzonen und Märkten, ...

 

  • Reiseprospekte sind prinzipiell unzureichend, weil sie nichts über die akustischen Verhältnisse am Urlaubsort aussagen. Ehrliche Lautbilder des Urlaubsziels würden den Tourismus um die Hälfte reduzieren.

 

  • Die künstliche Beschallung der modernen Gesellschaft ist flächendeckend. Wenn wir uns Lärm und Lautstärke nicht mehr vom „Leibe halten“ können, ist das ein gesundheitsschädigender Zustand.

 

  • Die Crossover-Konzerte häufen sich (von Rock bis Barock etc.) und damit die Präsentation klassischer Musik über bässeverstärkende Beschallungsanlagen. Die kontrastreichen Klanglandschaften der Klassik werden jetzt auch durch den Sound (durchgängig vibrierende Bässe) zu Klangbrei nivelliert. Die Hörperspektive geht dem Zuhörer mehr und mehr verloren, auch Klassik soll mehr gespürt als gehört und letztlich auch nur noch als Droge konsumiert werden. Den Rest besorgt die Lautstärke.

 

  • Der Mensch glaubt, angebliche Klänge des Universums nachdudeln zu müssen: Aber Schall ist ein Ergebnis von Luftbewegungen, der uns bekannte Schall ein Ergebnis der Luftzusammensetzung auf unserer Erde. Ich befürchte, Menschen würden im Raum wahnsinnig werden, wenn sie seine Stille „hören“ könnten.

 

Flügelschlag

Wenn ein Stadtmensch einen Schwarm Stare beim Abflug hört, regt er sich über tausendfaches Schreien und Flügelschlagen auf. Für ihn ist das Lärm. Tausendfaches Grölen von Menschen ist ihm willkommen.

 

McDonalds

Ein Sonntag im September 1999 - Geltow, Baumgartenbrücke. MacDonalds veranstaltet am Wasser eine so genannte „Spaß-Party“ für Kinder. Das bedeutet Bouletten und dröhnend laute Musik. Alle - Eltern und Kinder - sitzen herum und lassen sich mit der ungesunden Musik und den ungesunden Bouletten vollstopfen. Wie soll man diesen akustisch so versauten Kindern noch ein Bedürfnis nach Ruhe vermitteln?

 

Sound

Die Crux ist, dass sich durch die Apparatemusik das Hörverhalten fast aller Menschen zu den tieffrequenten Tönen hin verschoben hat. Das trifft nicht nur auf die Jugend zu; der Jugend allerdings wird der „Sound“ als Lebensgefühl verkauft. Der Sound, die vibrierende Atmosphäre, das Aufstören anderer Menschen – der Schall als Waffe.

 

Funkausstellung

Internationale Funkausstellung 1999 in Berlin: Schon vor dem Messegelände kochte die Atmosphäre. Die Autofahrer demonstrierten, welche potente Anlagen sie sich seit der letzten IFA zugelegt hatten. Das Haus des Rundfunks hatte leichte atmosphärische Störungen zu vermelden. Die IFA-Kakophonie wird ab 2005 jedes Jahr stattfinden.

 

Kapitalismus/Vergnügungsindustrie

Die Jugend, die so gegen Kapitalismus, Imperialismus und ähnliches wettert, verschließt die Augen davor, dass gerade die HiFi-Industrie ein hochkapitalistischer, imperialistischer Wirtschaftszweig ist. Keine menschliche Siedlung ohne Radio, TV, Verstärkeranlage.

 

Einsame Insel

Am 1. September 1999 wurde im SFB Frauenfunk gemeldet, dass einer Umfrage zufolge jedes zweite deutsche Kind auf eine einsame Insel sein Radio und TV mitnehmen würde. Die Schönredner werden sofort antworten: „Beruhige Dich! Auf einer einsamen Insel gibt es doch keinen Strom!“ Ich hingegen antworte: „Die Energieversorgung ist in absehbarer Zeit kein Problem mehr. Solarenergie wird an jedem Ort der Erde und ihres Orbits für ausreichend Strom zum Betrieb von Tonwiedergaberäte sorgen. Dafür wird die HiFi-Industrie schon sorgen. Hat sie doch ein Interesse an der flächendeckenden Versorgung der Menschen mit irgendwie gearteter Tonwiedergaberäten. Heute sind 50 % der Kinder süchtig nach Tonwiedergabe. Morgen werden es 100 % sein. Die Tonwiedergaberäte werden immer potenter werden. Ich habe Angst vor der kommenden Generation

 

Die ersten Computer werden in Kleidung eingenäht und auf den Laufsteg geschickt. Die Russen arbeiten an einem Sonnensegel, das die Erde in der Nacht erhellen soll. Warum nicht einen Sonnenlautsprecher, der die Erde von oben beschallt? Eine amerikanische Raumkapsel wurde mit einem Beatles-Konzert akustisch vollgestopft.

 

Apropos: Gibt es überhaupt noch „einsame Inseln“?

 

Gesamtfete

Meldung der Morgenpost vom 29.8.99: „Ganz Berlin eine Fete“. Gerade noch gelingt es, den dröhnenden Berliner Gesamtfeten zu entfliehen. Wann werden sie in jedem Wohngebiet angekommen sein?

 

Ghettos

Die gleichen Menschen, die gegen Ausgrenzung Einzelner, gegen Diskriminierung von Randgruppen wettern, sind die ersten, die diese Hebel ansetzen, wenn es darum geht, hörbewusste Menschen, die sich gegen Lärm wehren, auf das Land hinaus zu komplimentieren. Früher wurden Unbequeme, Außenseiter, Dissidenten in die Verbannung geschickt. Hoffentlich gibt es um die Ghettos der Zukunft hohe Schallschutzmauern.

 

Schall schallt

Menschen sind sich durchaus bewusst, dass Stimmen sehr weit tragen können. Sie exerzieren das zum Beispiel in Stadien. Die Stimme entwickelte sich zu dem Zweck, in Entfernungen gehört zu werden. Aber diese Entfernungen gibt es in Ballungsgebieten, in Mehrfamilienhäusern kaum noch. Was wäre die Konsequenz?

 

Gleichzeitig leugnen Menschen die Reichweite ihrer Tonwiedergabegeräte. Hier wollen sie uns glauben machen, der Schall käme drei Meter hinter der Quelle zum Stehen oder zum Versiegen. Kommt er nicht. Schall schallt so lange und so weit, wie er nicht daran gehindert wird.

 

Propheten

Meine Warnungen hinsichtlich der Inflation und des Schädlichkeitscharakters von verstärkter „Musik“ werden zu meinen Lebenszeiten nicht ernst genommen werden. Der Mensch kann nicht nachvollziehen, dass so genannte technische Errungenschaf­ten, wie Radio, Lautsprecher, Verstärker und andere Tonwiedergaberäte sich zum Schädling entwickelt haben sollten. Musikapparate sind dem Menschen an den Leib gewachsen.

 

Cato modern

Cetero censeo, das Ohr esse delendam“. Jugendliche sind der Meinung, dass das Ohr nicht mehr zum Überleben notwendig sei. Sie haben Recht. Die moderne Gesellschaft hat eine Umwelt geschaffen, in dem das Ohr eher Last ist als Sinn macht. Aber ich habe noch Ohren und zwar gute. Rette mich, wer kann.

 

Diktatur

Diktaturen bedienten sich immer der Lautstärke für ihre Diktate. Seit 80 Jahren ist das über Tonwiedergaberäte, Verstärker und Lautsprecher, möglich. Die Ideologie des Dritten Reiches konnte wegen des Radioempfanges so erfolgreich verbreitet werden. Lautgestellte Volksempfängerempfang sollten aus offenen Fenstern der Wohnungen schallen. Nach dem Zusammenbruch dieses "Reiches" sollte auch die Diktatur des Radios gebrochen werden. Der Gesetzgeber verbannte den privaten Radioempfang in die Wohnung und verordnete den Empfang bei Zimmer­lautstärke. Heute ist diese Segnung durch potente Anlagen in Gefahr geraten.

 

Beschleunigung

Kein Buch über ökologische Katastrophen, Prognosen, Abhandlungen etc. ohne die Feststellung, dass sich im vergangenen Jahrhundert alles - ausnahmslos alles - beschleunigt habe. Dass das auch auf Schall und Lautstärke von Massenveranstaltungen zutreffen müsste, wird verdrängt. Der Lärm scheint die Ausnahme von der Regel zu sein. Lautheit ist die heilige Kuh des Menschen.

 

Ambivalenz

Hundebesitzer erachten den auf der Straße liegenden Kot ihres Hundes nicht als Dreck. Autofahrer erachten die von ihrem Wagen erzeugten Luftschadstoffe nicht als Gestank und Luftverschmutzung. Betreiber von Beschallungsanlagen erachten die weit in die Umgebung schallenden Resttöne und Musikruinen nicht als akustischen Müll. Besitzstand macht blind gegen dessen Schadstoffe. Aber alle sind ja so sensibel gegen die Schadstoffe der Mitmenschen.

 

Wärmesinn

Warum ist der "Wärmesinn" des Menschen nicht bekannt. Der Mensch ist fähig, Wärmegrade zu empfinden, feine Unterschiede in der Lufttemperatur festzustellen. Nicht nur Kälte und Hitze und Frost und Eis und Feuer. Es geht um Schwankungen der Luftmoleküle. Bewegte Luftmoleküle erzeugen Wärme, die der Mensch wahrnimmt und empfindet. Die Wertung ist wie bei allen Sinneswahrnehmungen unterschiedlich, individuell verschieden. Ein Fußballfan, der sich inmittten eines gefüllten, brüllenden, röhrenden, dröhnenden, kreischenden, schreienden Stadions wohlfühlt, braucht viel Wärme, braucht diese "kochende" Atmosphäre für sein Wohlbefinden. Andere gehen daran zugrunde, fallen um, werden ohnmächtig, bekommen Herzschmerzen u.a.m. Vergleichbar einer Sauna mit einem 100 Grad heißem Raum. Niemand würde einen anderen Menschen zwingen, in diesem Raum zu verweilen, wenn er nicht will. Großstädte, die moderne Gesellschaft, Ballungsgebiete schicken sich jedoch an, diesen Zwang auszuüben:

 

 

Philosophische Miniaturen werden aufgebaut

 

 

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