artAkus - Des Basses Grundgewalt

 

 

Auf dieser Seite lernen Sie Meinungen von Mitstreiterinnen und Mitstreitern
zum Thema „missliebiger Schall“ kennen.

 

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artAkus empfiehlt, diese Satire mit Vorsicht zu genießen;

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aus: „Das Elfte Gebot - Du sollst nicht lärmen“

von Robert Gernhardt

 

„ ... Und Gott redete nur diese Worte: „Du sollst nicht lärmen.“ Und Gernhardt tat wie ihm geheißen und stieg hinab und sprach also zum Volk: Dies sind die Lärmvorschriften, die der HERR euch auferlegt hat:

 

Gesetze über reine und unreine Instrumente

... Alle Instrumente aber, die geschlagen werden oder bei denen sich eure Backen blähen oder solche mit elektrischen Verstärkern, sollen euch unrein sein, und ihr sollt sie nicht spielen in euren Wohnungen. ...

 

Vergehen gegen Ohr und Seele

... So du in geschlossenen Ortschaften dein Autoradio einschaltest, so sollst du die Fenster und das Verdeck deines Wagens fest verschlossen halten. ...

 

... So jemand Tiere hält, welchen die Natur die Gabe verliehen hat, zu lärmen, so soll er sie so halten, dass sie keinen Grund haben zu lärmen, oder so, dass ihr Lärmen nicht zu hören ist. Das gilt für Hunde und alles Getier, das den Mond anbellt oder auf Erden winselt, sowie für Papageien und alles gefiederte Volk, das da pfeift, wenn es tagt. ...

 

Todeswürdiger Lärm

... So ein Mann seinen fahrbaren Untersatz frisiert, auf dass der mehr Lärm mache, so ist er unrein. ... Und er und seine Maschine sollen dem Bann verfallen. ...

 

Von den Geräten

... Ihr sollt nicht am Lautsprecher sparen, auf dass ihr eure Anlage schön leise stellen könnt. ...

 

... Ihr sollt keinen Walkman in Bahnen und Zügen benutzen, denn siehe: Der Walkman ist ein Blendwerk des Satans, zu verwirren die Sinne des Menschen, auf dass er glaube, er könne seinen Kopf mit Musik vollknallen, ohne dass sein Nächster davon höre.

 

Ich aber sage euch: Und ob der was mithört! ...

 

... Macht euch nicht selbst zum Gräuel an dem kleinen Gerät, das wummert, zirpt und dudelt, und macht euch nicht unrein an ihm, so dass ihr dadurch nicht unrein werdet.

 

Diese sollen euch in Bahnen und Bussen ebenfalls unrein sein unter den Piepsgeräten, welche Knöpfe haben und die man in die Tasche stecken kann: Das Computerspiel, das Handy und der Laptop. Denn alles, was ihr Pieps beschallt, das wird unrein. Und alles Gerät, das gepiepst hat, soll man ins Wasser tun, es ist unrein bis zum Abend und danach unbrauchbar. ...“

 

 

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Faust Erster Teil, Auerbachs Keller in Leipzig, Zeche lustiger Gesellen

von Johann Wolfgang von Goethe

„...

Frosch:

„Will keiner trinken? Keiner lachen?

Ich will euch lehren Gesichter machen!

Ihr seid ja heut wie nasses Stroh,

Und brennt sonst immer lichterloh.“

 

Brander:

„Das liegt an dir; du bringst ja nichts herbei,

Nicht eine Dummheit, keine Sauerei.“

 

Frosch (gießt ihm eine Glas Wein über den Kopf):

„Da hast du beides!“

 

Brander:

„Doppelt Schwein!“

 

Frosch:

„Ihr wollt es ja, man soll es sein!“

 

Siebel:

„Zur Tür hinaus, wer sich entzweit!

Mit offner Brust singt Runda, sauft und schreit!

Auf! Holla! Ho!“

 

Altmayer:

„Weh mir, ich bin verloren!

Baumwolle her! Der Kerl sprengt mir die Ohren.“

 

Siebel:

„Wenn das Gewölbe widerschallt,

Fühlt man erst recht des Basses Grundgewalt.“

 

Frosch:

„So recht, hinaus mit dem, der etwas übelnimmt!

A! tara lara da!“ …”

 

 

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Die Huster von Köln

von Alfred Brendel

 

„Die Huster von Köln

haben sich mit den Kölner Klatschern

zu einer Hust- und Klatschgesellschaft zusammengeschlossen

deren erklärtes Ziel es ist

die Hust- und Klatschrechte

der Kölner Konzertbesucher wahrzunehmen

Der Versuch verständnisloser Künstler und Veranstalter

solche Privilegien in Frage zu stellen

mußte eine Hust- und Klatschinitiative

zur Folge haben

Den Mitgliedern des Hust- und Klatschvereins

obliegt genaueste Kenntnis der Musikstücke

damit nach feierlichen Schlüssen unverzüglich geklatscht

und bei leisen Stellen

zumal in der lähmenden Stille von Generalpausen

deutlich gehustet werden kann

Die Deutlichkeit des Hustens

ist oberste Vereinspflicht

schamhafte Verbergung desselben

oder gar selbstquälerische Unterdrückung

eines so natürlichen Vorgangs

bei Strafe des Ausschlusses untersagt

Wiederholter Serien- oder Dauerhusten

wird mit der "Huste nur"-Medaille prämiert

Der neuerdings stattfindende Kontakt der Kölner HKG

mit den New Yorker Niesern

und den Frankfurter Jungpfeifern

läßt für das Kölner Musikleben

auch in Zukunft

Großes erwarten.“

 

 

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(Der folgende Essay ist in Word 13 Seiten lang)

 

Eine schauerliche Schallsinfonie von grauenvollem Missklang
von Dr. Gerhard Fitzthum, 35457 Lollar

 

„Der Tag beginnt mit einem gnadenlosen Rrrrrrrt! Irgendwo im Haus werden die Rollläden hochgezogen. Das Geräusch kriecht durchs Mauerwerk, frisst sich durch das Holz des Bettgestells und trifft das schlafende Opfer unvorbereitet. Doch das ist erst der Anfang - ein erster Gruß aus der Krachhölle, die draußen längst zu toben begonnen hat. Einmal wach, fragt man sich, wie man bei dieser Geräuschkulisse überhaupt schlafen konnte - beim Schlagen der Autotüren, dem metallenen Krächzen der Anlasser, dem Wummern der Bässe, mit dem pubertäre Golf- und Opel-Piloten ganze Straßenzüge beschallen. Dazu kommen die Töne aus der Arbeitswelt: das Dröhnen eines Pressluft­hammers, das An- und Abschwellen des dazugehörigen Kompressors, das sonore Mahlen eines Betonmischers, das Kampfgetöse der städ­tischen Motorsensen-Infanterie, die am nahegelegenen Friedhof gegen Unkraut zu Felde zieht. Das Lamento einer fernen Kreis­säge wirkt vor diesem Schallszenario geradezu anheimelnd. Es hört sich an wie ein Zitat aus einer Film-Elegie Andrej Tarkowskijs, erinnert an die ver­trauten Geräuschwelten der Kindheit.

 

Gewiss- nicht jeder empfindet das so. Wer zur arbeitenden Bevölkerung gehört und längst auf den Beinen ist, hat ganz andere Sorgen. Ist das Lärmproblem eines der Zuhausegebliebenen, einer Elite der Nichtstuer, der häuslichen Kopfarbeiter? Oder ist es ein Problem der Zeit, das jeden betrifft? Auch fragt sich, ob hier nicht unkorrekterweise ganz verschiedene Geräusche unter „Lärm“ subsummiert werden. Sind sie alle gleich lästig oder gibt es eine Hierarchie der akustischen Aufdringlichkeit? Gibt es gar auditive Ereignisse, die von allen Menschen aller Kulturen als störend, d.h. als Lärm betrachtet werden?

 

Da freilich wird es schwierig. Was für den einen Lärm ist, ist für den anderen bekanntlich Musik und umgekehrt: Musik, die diesem Genuss verschafft, bringt jenen auf die Palme. Das gilt für Technoklänge genauso wie für Zwölftonmusik – oder eine Mozart-Sinfonie. Eine allge­meingültige Definition von Lärm zu finden, bleibt aussichtslos. Dennoch soll hier versucht werden, sich dem Phänomen auf definitorisch-analytischem Wege zu nähern. Die Arbeitshypothese lautet: Lärm ist nicht nur das je persönliche, subjektive Problem, das er auch ist - er ist ebenso das Resultat einer heillosen Dynamik, die die Welt objektiv verändert hat. Lärm ist zum Zeichen der Zeit geworden, zum Erken­nungs­merkmal einer Gesellschaft, die sich als modern begreift, in Bezug auf den Schutz ihrer Bürger vor auditiver Gewalt aber barbarischer kaum sein könnte.

 

Dabei ist Lärm zunächst nichts anderes als eine Luftdruckschwankung – ein physikali­sches Phänomen, ein unschuldiges akustisches Ereignis. Nur durch menschliche Ohren wir ein solches Ereignis zu Lärm, also durch ein Individuum, das sich an ihm stört, sich zu ihm in ein Verhältnis setzt und glaubt, dass es auch leiser ginge. Lärm ist jenes Geräusch, das man nicht für naturwüchsig, unumgänglich, gottgegeben hält, das vielmehr des­halb Zumutungscharakter hat, weil man sich vorstellen kann, unter anderen Rahmen­bedingungen davon verschont zu bleiben. Nur weil das so ist, weil die Abstellbarkeit oder Dämpfung des Krachs als möglich erscheint, macht es Sinn, sich über das Geräusch zu beklagen, das heißt, es als Lärm zu bezeichnen.

 

Für das meteorologische Phänomen des Donners lässt sich der Begriff deshalb nicht anwenden, wie laut auch immer es sein möge. Es wird nicht hergestellt, kann deshalb auch nicht abgestellt werden. Als notwendige Folge natürlicher Prozesse, auf die Men­schen keinen Einfluss haben, ist der Donner kein Produkt einer wie auch immer verstan­denen Handlungsrationalität, kein Ausdruck der Rücksichtslosigkeit seines Verursachers und bietet so auch keinen Grund zur Reklamation. Folgerichtig machen auch Tiere kei­nen Lärm, sondern allenfalls Krach. Den Schafen auf dem Nachbargrundstück zu unterstellen, sie könnten genauso gut auch nicht blöken, ist Unfug. Es sei denn, man geht davon aus, dass sie falsch gehalten werden. Deshalb werden auch Hunde gerne als Quellen von Lärm betrachtet. Wer sich über ihr Bellen auf­regt, geht stillschweigend davon aus, dass es ihnen an jener Erziehung und Fürsorge mangelt, zu der sich ein Hun­debesitzer verpflichtet fühlen sollte. Er hält im Grunde nicht den Hund, sondern den Menschen für den Verursacher – und hat damit auch Recht: als Verursacher von Lärm zu gelten, ist das Privileg des Menschen. Denn im Unterschied zum Tier ist er nicht auf Instinktreaktionen und spezielle Hand­lungsmuster festgelegt, sondern fähig, sich so oder so zu verhalten. Lärm ist ein Produkt von Freiheit.

 

Das ist er auch dann, wenn nicht der Mensch selbst, sondern eine seiner Maschinen die aufdringlichen Geräusche produziert. Einmal ange­schaltet, folgen technische Geräte zwar ihrer Eigengesetzlichkeit und ähneln darin akustischen Naturereignissen, doch die dabei entste­hende Schallenergie ist nichts anderes als die direkte oder indirekte Nebenfolge einer Zweckbestimmung, die auf den Schöpfer der Maschine, den Men­schen, zurückweist. Sobald das Gerät und mit ihm der Krach angestellt ist, kann man sich fragen, warum es nicht wieder abgestellt wird. Es ist diese Fraglichkeit, das Fehlen von zwingenden Gründen für die Fortdauer der Schallwellen, die diese als Lärm erscheinen lässt.

 

Maschinen sind also herausragende Kandidaten für Klagen über Lärm – sie sind es aber nicht immer und nicht für jeden. Eine Maschine macht nämlich nur dann „Lärm“, wenn man nicht mit ihr arbeitet. Bohrt jemand Löcher in die Wand, um ein Regal zu befesti­gen, so vernimmt er nur ein lautes Brummen, ein negatives Verhältnis zu den akusti­schen Nebenfolgen seines Tuns stellt sich aber nicht ein. Mit Heidegger gesprochen ist das Gerät zuhanden, es fügt sich rücksichtslos in die Bewandtnisganzheit des Besorgens, wird benutzt, nicht etwa belauscht oder begrübelt. Das wird vom Nachbarn, dessen ganz anderer Bewandtnishorizont durch das Bohrgeräusch durchkreuzt wird.

 

Für den, der seinen Berufsalltag im Schallkreis von Maschinen verbringt, bleibt Lärm ebenfalls unauffällig, geradezu ungehört. Er empfindet es am Arbeitsplatz nur laut, steht selbst dann nicht in einem Spannungsverhältnis zu seiner akustischen Umwelt, wenn sie ihn auf Dauer krank macht, hält sie schlimmstenfalls für ein notwendiges Übel, immer aber für die conditio sine qua non seines Jobs. Würde er anders denken, die Geräusch­kulisse nicht als bloßen Krach, sondern als Lärm zu betrachten, so könnte er an dieser Maschine gar nicht arbeiten, zumindest nicht auf Dauer. Es ist deshalb auch nicht irrati­onal, wenn dieser Fabrikarbeiter nach Hause kommt und sich dort über den Staubsau­ger der Nachbarin aufregt. Den Krach in der Fabrik hält er für unvermeidbar, den seiner Nachbarin nicht. Warum muss diese Frau gerade jetzt Staub saugen – sie hatte doch den ganzen Tag Zeit! Nicht in der Fabrik, sondern hier zuhause, trifft er auf Lärm.

 

Damit ist nicht- im Sinne einer zynischen Arbeitgeberperspektive- gemeint, dass es dem Arbeiter in der Fabrik gut geht. Das Leben an der dröhnenden Maschine ist für ihn die Hölle, um sie zu ertragen muss er den Lärm aber normalisieren, das heißt, er muss ihm seine Aufmerk­samkeit entziehen, ihn zu unschuldigem Krach verharmlosen – und das tut er auch. Denn Menschen wollen eo ipso keinen Lärm, wer ein bestimmtes Geräusch „Lärm“ nennt, sagt schon, dass er in einem ablehnenden Verhältnis dazu steht, sagt also weniger über das in Frage stehende Schallereignis als über sich selbst.

 

[[Es genügt deshalb ein Wandel der inneren Einstellung, und man hört den Lärm nicht mehr, den man eben noch beklagt hatte. Ein extremes Beispiel lieferten die so genann­ten Rosinenbomber, die zu Zeiten der amerikanischen Luftbrücke in Minutenabständen am Berliner Flughafen Tempelhof landeten: Sie machten eine fürchterlichen Krach, aber keinen Lärm. Das Geräusch galt den hungernden Berlinern als beruhigendes Sig­nal, dass Lebensmittel unterwegs waren, alles in ihrem Sinne lief, die Flieger einen aner­kennenswerten, nützlichen Job taten, der Lärm sinnvoll, also kein Lärm war. Diese Ein­schätzung teilt kaum jemand, der heute in der Einflugschneise eines modernen Flug­hafens wohnt, auch wenn die Geräuschentwicklung nur ein Bruchteil derjenigen der Rosinenbomber ausmacht.]]

 

Lärm ist also Ansichtssache, die entsprechende Klage hochgradig subjektiv und niemals konsensfähig. Es macht deshalb auch keinen Sinn, die Störungswirkung quantifizieren, ihr durch Messen der Phonzahl auf die Spur kommen zu wollen. Es gibt keinen Krach, der sich beim Überschreiten einer gewissen Dezibelmarke automatisch in Lärm verwandelt. Die terminologische Trennung von Krach und Lärm ist keine physikalische oder medizini­sche. Krach ist nicht weniger laut oder weniger schädlich als Lärm. Krach istLärm, über den man sich nicht aufregt, Lärm ist Krach plus Kritik. Es sind zwei Reaktionsweisen auf ein- und dasselbe physikalische Phänomen; Bewertungen, keine nüch­ternen Feststel­lungen, die sich mit wissenschaftlichen Mitteln untermauern ließen.

 

Andererseits braucht ein Geräusch aber auch eine nicht näher zu bestimmende Laut­stärke, um „Lärm“ genannt zu werden. Bleibt es unter­schwellig wie etwa das Blätterrau­schen im Abendwind oder das Laufgeräusch eines PC, so käme niemand auf die Idee, das akustische Ereignis mit diesem Begriff zu belegen, auch wenn es ihm auf die Nerven geht. Das Wort meint also nicht das subjektive Gestörtsein durch auditive Ereignisse gleich welcher Art, vielmehr ein spezifisches Gestörtsein durch Schallwellen mit einer evidenten Intensität. Derjenige, der still in seiner Wohnung sitzt und Wut auf jedes hör­bare Signal nachbarschaftlichen Lebens entwickelt, hat deshalb kein Lärmproblem, sondern braucht einen Therapeuten. Ein Lärmproblem hat er erst dann, wenn er sich in Zimmerlautstärke eine Sinfonie anhören will, dies aber nicht kann, weil ihn sein Nachbar mit ungleich lauterer Popmusik beschallt.

 

Damit deutet sich an, was im Folgenden gezeigt werden soll: Obwohl Lärm subjektive Reaktion auf objektive Gegebenheiten ist, also gleichsam im Bewusstsein des Betroffe­nen entsteht, führt er gleichsam ein Doppelleben. Er gehört auch der Welt an, in der er produziert wird, hat mit der realen Umgebung zu tun, der man vorwirft, zuviel davon zu enthalten. Die moderne Gesellschaft ist nicht deshalb eine Lärmgesellschaft, weil ihre Individuen immer empfindlicher und anspruchsvoller würden, sondern weil Zahl und Intensität der Störungen zugenommen haben oder – präziser formuliert - weil die Wahr­scheinlichkeit mit Schallwellen konfrontiert zu werden, zu denen man sich noch affirma­tiv verhalten kann, abgenommen hat und täglich abnimmt. Unter den akustischen Realbedingungen der Gegenwart genügt es nicht mehr, seinen Frieden mit dem Lärm zu machen, indem man ihn mit den Transformationsregeln des positiven Denkens in bloßen Krach zurückverwandelt. Die Ruhestörung hat Dimensionen angenommen, die jenes gesellschaftliche Umdenken erfordern, das zur Zeit freilich nicht im Entferntesten in Sicht ist.

 

Die schlagendsten Indizien für die nicht- subjektive Seite des Lärmproblems sind natür­lich die wissenschaftlich nachgewiesenen Gesund­heitsschäden, die durch die Geräuschflut der urbanen Gesellschaft entstehen: Um an den Folgen von Lärm zu erkranken, muss man sich nicht zuvor an ihm bewusst gestört haben. Gegen den beliebten Versuch, den Lärm als Problem der jeweils Betroffenen und Belästigten, d.h. als Folge individueller Konstitutionen und persönlicher Tagesform abzutun, sprechen aber noch weitere Gründe. Zum einen die Tatsa­che, dass ein Teil des heute erzeugten Krachs nicht nur subjektiv, sondern auch objektiv unnötig ist. Die Behauptung, dass es sich bei der gegenwärtigen Geräuschkulisse um den Spiegel nötiger Arbeits-, Produkti­ons- und Fortbewegungsprozesse handelt, ist unhaltbar. Lärm ist nicht der unvermeid­liche Rückschlag einer zweckrationalen Praxis auf das fühlende Subjekt, sondern er ist hochgradig irrational. Doch dazu später.

 

Zum anderen kommt es unter den Bedingungen der Lärmgesellschaft zu Veränderun­gen im Lebensumfeld, von denen keineswegs nur einzelne betroffen sind. So ver­schwindet die polare Spannung zwischen Lärm und Stille, vor deren Hintergrund eine laute Umwelt über­haupt erst Sinn machen kann. Lärm ist heute nicht nur von anhalten­der Dauer, sondern auch omnipräsent. Verlärmt sind nun auch jene Nischen, in denen man bislang vor akustischen Belastungen verschont blieb, abgelegene Alpentäler etwa, in denen nun Handys bimmeln oder ständig Hubschrauber mit Sightseeing-, Ret­tungs- und Versorgungsflügen unterwegs sind. Damit wird die Unfreiheit total - Unfreiheit, weil die sensorische Leistung des Hörens im Unterschied zu der des Schauens nicht-intentional ist, man aufgrund der fehlenden Abschalt­barkeit der Hörorgane ununter­brochen zur Rezeption gezwungen ist, weil man hören muss.

 

Ein banaleres, aber nicht weniger folgenschweres Beispiel für die neue Omnipräsenz des Lärms ist die zunehmende Industrialisierung der Vorgärten. War man früher nur mit den periodischen Schallwellen von Gartenpartys oder dem Furor von Motor-Rasenmä­hern konfrontiert, so hat hier in den letzten Jahren eine beispiellose Aufrüstung mit Lärm­kampfwaffen stattgefunden, die die Baumärkte inzwischen für klei­nes Geld anbieten. Das Laub wird nicht mehr zusammengerecht, sondern mit einem dröhnenden Laubblä­ser durch den Garten getrieben, mit einem Gerät, das die Geräuschentwicklung eines Presslufthammers übertrifft. Dazu gibt es den Häcksler, den Vertikulierer, den Rasen­kan­tentrimmer, den Hochdruckreiniger und vor allem die Kettensäge – für den lärmemp­findlichen Zeitgenossen die schrecklichste Erfin­dung seit der Erfindung des Schießpul­vers.

 

Der Terror herrscht nun auch und gerade an den vermeintlich ruhigen Lebensorten, den Dörfern in der Provinz. Wie in der Stadt ist Stille auch hier inzwischen der spektakuläre Sonderfall, vor dem man fast am meisten erschreckt. Sie ist weniger die Abwesenheit von Lärm als die Vorbedingungen seines Wiedereinbrechens, bloße Zwischenzeit und Pause, aber eine aktive Pause, in der man nicht ruhig durchatmet, sondern sich auf das gefasst macht, was als nächstes kommt, von dem man im Moment nichts weiß, außer, dass es mit Geräusch ver­bunden, laut sein wird. Zudem hört man in solch friedlichen Augenblicken nicht nichts, sondern Zivilisationsgeräusche, die man vor lauter Lärm sonst gar nicht mehr hört: Den Ferienflieger, der durch den Äther sirrt, den ICE, der von der weit entfernten Neubaustrecke herüber­schallt, den Schwingschleifer, mit dem sich irgendein Nachbar im Keller vergnügt.

 

Zum Verschwinden der häuslichen Stille addiert sich die zunehmende Verlärmung des öffentlichen Raums. Der war zwar ex definitione noch nie ein Ort der Ruhe, aber er war ein Raum der Öffentlichkeit, in der das Verfolgen seines Gegenteils, der persönliches und intimen Angelegenheiten, nur in sehr begrenztem Maße gepflegt wurde. Dieser Raum wird heute in nie da gewesenem Umfang von Elementen der Privatsphäre koloni­siert, in erster Linie von vertontem Lärm, also von Musik, als Autofahrer im Straßenver­kehr, mit Ghettoblaster auf der Parkbank oder mit Walkman in der U-Bahn. Straße, Platz und Park werden auf diese Weise zum Resonanzraum je eigener Musikvorstellun­gen, zu denen die Allgemeinheit sich kaum affirmativ verhalten kann, selbst dann nicht, wenn man – wie im Falle des Walkman –nicht vom vollen Sound, sondern nur von einem monotonen Zischrhythmus genervt wird.

 

Zur Lärmverschmutzung des öffentlichen Raums trägt auch die kommunikative Obszöni­tät des Mobiltelefons bei. In Zugabteilen, auf der Straße und in Cafés ist man heute von Menschen umgeben, die mit Leuten reden, die gar nicht da sind, und das – da öffentli­che Orte schon grundsätzlich von einem gewissen Geräuschpegel bestimmt sind – im Brüllton. Die Rücksichtslosigkeit der realen Umgebung gegen­über liegt dabei in der Natur der Sache, d.h. im Wesen der verwendeten Technik. Der Platz oder das Abteil wird für den so Kommunizie­renden zu einer Art zweiten Wirklichkeit, in der er sich nur zufällig aufhält und der er nichts schuldet. Hatte eine solche Fern- Kommunika­tion früher noch ihren Ort, nämlich das Telefonhäuschen, in dem man der Sondersituation Rech­nung trug und sich für die Zeitdauer des Gesprächs aus dem öffentlichen Raum zurück­zog, exekutiert man seine allerprivatesten, da von sonst niemand zu verstehenden Dia­loge, nun mitten in der Öffentlichkeit. [[Wer immer Ohrenzeuge dieses Schauspiels ist, er wird durch synthetischen Klingelton, lautstarke Artikula­tion und offenkundige Absurdität einer Unterhaltung mit einem Phantom zur Aufmerksamkeit gedrängt, kann deshalb nicht umhin, sich gestört zu fühlen.]]

 

[[ Dabei erhöht das Handy-Telefonat nicht nur einfach den allgemeinen Lärmpegel - es dementiert auch den Klangraum Öffentlichkeit. Dieser ist durch Geräusche und Artiku­lationen bestimmt, die auf Akteure der Öffentlichkeit, also auf Menschen in Modus ihrer Anwesenheit bezogen bleiben. Die Geräuschkulisse, die etwa auf der Terrasse eines Kaffeehauses herrscht, wird von ihren Besuchern nicht nur als unver­meidliches Übel in Kauf genommen, sondern regelrecht begrüßt. Sie entlastet das Individuum von der Schwerkraft des Selbstbezugs, kann inspirierend wirken, eine entspannte Neu-Zuwen­dung zur Welt und zu sich selbst in die Wege leiten – vorausgesetzt, es gibt eine prinzi­pielle Symmetrie zwischen den Anwesenden und sie fügen sich dem Hier und Jetzt des gemeinsam geteilten Raums. Deshalb sitzt man auch nicht in Straßencafés, die an einer Schnellstraße liegen. Eingesperrt in ein mobiles Blech- und Glasgehäuse und ganz auf das Privatinteresse der Fortbewegung fixiert, sind die Vorbeirasenden vom Leben am Straßenrand abgetrennt. Das Geräusch, das sie beim Vorbeifahren pro­duzieren, gehört nicht mehr dem Raum an, den es beschallt. Nicht anders verhält es sich mit dem Monolog des Handy-Besitzers. Übersteigt er eine gewisse Lautstärke, so handelt es sich um idealtypischen Lärm, um anzügliches, aber beziehungsloses lautes Geräusch.]]

 

Das zweite Charakteristikum des modernen Lärms ist seine Irrationalität. Damit ist gemeint, dass kein direkt proportionales Verhältnis zwi­schen Lautstärke und Dauer eines akustischen Ereignisses und der zugrundeliegenden Zweckerfüllung besteht. Am extremsten zeigt sich das beim Gebrauch der Kettensäge: Jeder kennt den bedauerli­chen Zeitgenossen, der „nur ein paar Äste“ zurückschneiden will, sich bei einem Nach­barn das entsprechende Gerät ausleiht – und seinen Garten in weniger als einer halben Stunde nahezu kahl rasiert. Verdutzt steht er nun da und schaut auf das vollbrachte Werk, das seines ist und doch auch wieder nicht. Er hatte gedacht, die Maschine genau so nutzen zu können, wie er es zuvor geplant hatte, als Mittel zu einem festge­setzten Zweck. Aber kein technischer Apparat erschöpft sich in seinem bloßen Mittel-Sein, und schon gar nicht eine Motorsäge. Vielmehr wird der Benutzer Opfer einer Eigendynamik, die ihn ungewollt über das Ziel hinaus schießen lässt. Subjekt der Hand­lung ist gleichsam nicht mehr der Mensch, sondern die Maschine – ganz so wie es Günter Anders 1956 für das technische Zeitalter prophezeit hatte. Diese unterschwellige, aber spürbare Selbstentfesselung der Schallwellen erzwingt gera­dezu die Wahrneh­mung des Krachs als Lärm- er ist nicht lediglich subjektiv, auch wenn es Subjekte braucht, die sich zum Gehörten nega­tiv verhalten.

 

[[Das Gegenstück, ein adäquates Verhältnis zwischen praktischer Bewandtnis und Geräuschentwicklung, ist das Holzhauen im Wald in früheren Zeiten. Hier entstand kein überflüssiges Geräusch, jeder Hieb mit der Axt war unmittelbar zweckgebunden und bot deshalb keinen Grund, sich gestört zu fühlen. Ging ein Schlag daneben, so war dies eine Ausnahme von der Regel – ein Ausrutscher, ein Versehen. Allein aus Gründen der Ökonomie der Körperkräfte wird man derartige Fehler weitestgehend vermieden haben. Das Gewerbe dürfte im Laufe der Zeit in die Hände solcher Holzfäller geraten sein, die ihr Handwerk verstanden, die also keinen Lärm machten, auch wenn ihr Tun kilo­meterweit zu hören war.]]

 

Im Beispiel der Kettensäge kann man nun davon ausgehen, dass der zusätzliche Lärm ebenso wenig intendiert war wie das Ergebnis des Arbeitsprozesses. Er ereignet sich gleichsam im Rücken des Benutzers, entmündigt diesen, bleibt nicht auf die zugrunde­liegende Absicht bezogen. Dies ist ein klarer Fall der Irrationalität von Lärm, es ist Krach, den nicht einmal sein Produzent will.

 

Typischer ist freilich der viel häufigere, entgegengesetzte Fall von Irrationalität, jener, bei dem der Gerätenutzer in einem direkt positiven Verhältnis zu dem Geräusch steht, das er produziert. Die Maschine bedienend, verlangt er von ihr nicht nur das ordnungsge­mäße Funktio­nieren, sondern auch ein entsprechendes Klangszenario. Dieses wird nicht gezwungenermaßen in Kauf genommen, sondern regelrecht gewünscht. Moderne Staubsauger etwa könnten nach Auskunft von Entwicklungsingenieuren nahezu lautlos arbeiten - nur würde sie nie­mand kaufen. Deshalb arbeiten heute weltweit Akustik-Designer an der Herstellung des guten Tons - das ist nicht der leise, sondern jenes Brum­men, Surren, Knattern, ohne das man an der Leistung des Gerätes zweifelt. Was gut funktionieren soll, muss auch klingen, als ob es gut funktioniert. Das auditive Profil ran­giert unter den fünf wichtigsten Gründen, warum sich ein Kunde für ein Gerät entschei­det. Der Hauptauftraggeber für derartige Studien ist die Auto- und Motorradindustrie: Sie lässt sich von den Klangdesignern die passende Moto­renmusik komponieren. Dass das nicht ein kaum wahrnehmbares Schnurren ist, sondern ein Sound, der sich gleich­sam gewaschen hat, muss nicht extra betont werden. Aber auch Haushalts-, Hobby- und Gartengeräte, die lärmterroristischen Waffen harmlosester Mitbürger, unterliegen der Pflicht zum eindeutigen Schallreiz. Wer würde schon eine Waschmaschine kaufen, die beim Schleudern keine rhythmischen Stampfgeräusche macht, wer eine Motor­säge, die dem Benutzer nicht mit ihrem aggressiven Ton klarmacht, dass sie den Kampf mit der Natur aufzunehmen in der Lage ist?

 

Auch die sachgemäße Verwendung der marktgängigen Geräte führt also nicht aus der Sackgasse der akustischen Irrationalität. Sie entwi­ckeln ein Klangvolumen, das ersicht­lich unangemessen ist. Die auf die Umwelt abstrahlenden Schallwellen gründen nicht in der prakti­schen Bewandtnis, sondern in der Eigendynamik der Technik oder in der Ver­fassung des Subjekts, des gemeinen Geräte-Benutzers - jenes Durchschnittbürgers, den die Akustik-Psychologie aufgrund von Fragebogenreihen genau zu kennen meint.

 

Fazit: Gleich ob die Schallwellen ungewollte Nebenfolgen des Geräteeinsatzes oder direkt intendiert sind: Durch die Mechanisierung der Arbeitsvorgänge entsteht stets mehr Lärm als nötig. Es ist keineswegs so, dass sich in der Praxis der technischen Welt hinter jeder akusti­schen Regung irgendeine funktionelle Notwendigkeit verbirgt. Trotz allem Anschein profaner Nützlichkeit und banaler Zweckorientierung ist das Reich der Geräte durch und durch irrational.

 

Der mit Hilfe von Apparaten erzeugte Geräusch-Pegel ist folglich nicht nur darin über­flüssig, dass er dem Betroffenen überflüssig erscheint, sondern er ist de facto überflüssig. Deshalb braucht es nicht den jeweiligen subjektiven Unmut, um die entsprechenden Schallereignisse als „Lärm“ zu bezeichnen. Sie sind in ihrer Sinnlosigkeit durchsichtig und sind deshalb Lärm. Die irrationale Geräuschflut der technischen Zivili­sation ist die objek­tive Seite des Lärmproblems. Durch sie wird der private Wunsch, vor Lärm geschützt zu werden, zu einem nachvollzieh­baren und legitimen gesellschaftlichen Anliegen.

 

Politik und Gesetzgebung, die diesem Anliegen Geltung verschaffen müssten, bleiben jedoch untätig, auch und gerade in Deutschland. Ein einheitliches Anti-Lärm- Gesetz, das an den Quellen des Lärms ansetzt, gibt es nach wie vor nicht. Viele Regelungen datieren noch aus den Siebziger Jahren, in denen die Sirenen der Polizeifahrzeuge noch halb so laut sein konnten, um aus dem allgemeinen Lärmteppich herausgehört zu werden. In den zuständigen Behörden wird Lärm heute nicht bekämpft, sondern ledig­lich verwaltet. Die Hauptbeschäfti­gung der Beamten besteht darin, Durchschnittspegel zu berechnen und Sondergenehmigungen zu drucken – für die absurd laute Love Parade etwa. Natürlich ist eine solche Veranstaltung mit der gesetzlichen Lärmschutz­verordnung unvereinbar – die mobilen Lautsprecher­batterien emittieren schließlich Dauer-Schalldruck von weit über 120 Dezibel, der zu irreversiblen Gehörschäden führen kann.

 

Warum wird so etwas gestattet? Warum setzt eine Gesellschaft, in der die Mehrheit inzwischen zugibt, unter Lärm zu leiden, nicht alles daran, die Belastungen auf das not­wendig Mindestmaß zu beschränken? Warum gibt es keine Anti-Lärmbewegung ana­log zur Friedens­bewegung der Achtziger Jahre, oder der Ökobewegung? Warum wird Natur- und Tierschutz zum Staatsziel erhoben, die Produktion unnö­tigen Krachs aber als Kavaliersdelikt abgetan?

 

Für die Asymmetrie des Problembewusstseins gibt es mindestens drei Erklärungsmöglich­keiten. Die erste ist: Man hat sich an den Lärm gewöhnt, ist gegenüber den immer zahlreicher werdenden Umweltgeräuschen längst immun geworden. Doch so einleuch­tend diese Erklärung erscheinen mag, sie trägt nicht weit. Die Biologen jedenfalls gehen davon aus, dass sich der Organismus an laute Umweltgeräu­sche zwar adaptieren, nicht aber gewöhnen kann. Medizinisch nachgewiesene Folgen wie Schwerhörigkeit, Tinnitus, chronischer Konzent­rationsmangel und erhöhte Herzinfarktgefahr sprechen eine deutli­che Sprache. Die zweite Erklärung wäre, dass man den Kampf gegen den Radau der modernen Welt für aussichtslos hält, man resigniert hat und sich in sein vermeidliches Schicksal fügt, mit immer umfassen­deren Beschallungen leben zu müssen. Selbst die Gepeinigten könnten insgeheim davon überzeugt sein, dass es sich bei der zunehmen­den Verlärmung um eine Dynamik handelt, die durch keine Macht der Welt mehr auf­zuhalten ist.

 

Faktisch stimmt auch das nicht: Niemand hindert die zuständigen Stellen daran, die ille­galen Manipulationen an Motorrädern, die einzig der Erhöhung des Motorengeräuschs dienen, den Gesetzen entsprechend zu sanktionieren und das auf den Markt-Kommen von Hobby-Geräten über Lärmschutzauflagen zu steuern. Dass die schwindelerregend billigen Produkte damit unerschwinglich würden, ist ein Ammenmärchen. Oftmals könnte auch schon mit geringstem Mitteleinsatz viel erreicht werden. Zum Beispiel hätte man die VW Käfer-Modelle der Sechziger bis Achtziger Jahre, die zu den lautesten PKW der Welt gehörten, mit fünf Gummidichtungen im Wert von insge­samt 50 Pfennigen hörbar leiser machen können - wenn man gewollt hätte, d. h. wenn der Gesetzgeber darauf bestanden oder es eine kritische Öffentlichkeit verlangt hätte.

 

Bleibt die dritte, eher psychologische Erklärung, dass es einen unter der Oberfläche wir­kenden, affektiven Bezug zum Lärm gibt und die Verantwortlichen in Politik und Gesetz­gebung diesem geheimen Faible indirekt Rechnung tragen. Denkbar wäre zweierlei: Entweder ein unauslöschliches, im Wesen des Menschen liegendes Bedürfnis nach einer lauten Umwelt oder eine kultur- bzw. zeitgeschichtlich bedingte Ehrfurcht vor dem Lärm. In letzterem Fall würde die moderne Gesellschaft den Lärm genau deshalb respektie­ren, weil sie ihn als Beweis für die freie Selbstentfaltung des Individuums braucht oder als Zeichen der Emanzipation des Menschen von der Natur zu feiern gewohnt ist. Der zeit­genössische homo faber wäre demnach nicht so souverän, wie er auf den ersten Blick erscheint. Er hätte nur deshalb für das Übermaß an Krach so viel Verständnis, weil er sich von seinem Gegenstück, dem lautlosen Eigensinn des Universums, ungleich mehr bedroht fühlt.

 

[[Der typische, technikbegeisterte und lärmunempfindliche Italiener etwa. Warum stellt er den Motor nie aus, wenn er aus dem Auto steigt und eine Zeitung kaufen geht, oder als Busfahrer unterwegs eine Kaffeepause macht? Ist das wirklich ein Symptom purer Lebensfreude und südländischer Unbeschwertheit, oder nicht vielleicht doch auch indirekter Ausdruck der Sorge um eine reduzierte Realität, eine Realität, in der man bloß da, aus der beruhigenden Betriebsamkeit der Apparatewelt gestürzt, in jenen Naturzu­stand zurückgefallen ist, in dem man mit seiner Kreatürlichkeit und damit auch seiner Sterblichkeit konfrontiert wird?]]

 

Solche Gedanken sind unbequem, lenken sie doch den Blick auf die weltanschauli­chen Grundfesten der christliche-abendländischen Moderne – die Naturfeindschaft und die Todesverdrängung. Populärer als die Reflektion auf die selbstverschwörerischen Momente der technischen Zivilisation ist deshalb die andere, erstgenannte Ableitung des Lärms, jene die ihn als Problem beschreibt, das so alt wie die Zivilisation selbst. Selbst Theodor Lessing, der vehementeste Lärmkritiker im deutschsprachigen Raum, fühlte sich dazu bemüßigt, den Lärm auf diese Weise, nämlich anthropologisch zu erklären. Er war für ihn kein „bloß zeitgeschichtliches Symptom der Unrast und Heimatlosigkeit moderner Seele (...), sondern Ausdruck unausrottbaren, allmenschlichen Triebes“, eines Triebes, den man auch „nicht mit polizeilichen Vor­schriften und staatlichen Maßregeln ausmer­zen“ könne. Demnach würde es eine geradezu genetische Faszination des Menschen für selbstgemachten Krach geben, eine immer schon ambivalente Einstellung zum Lärm, eine Einstellung, die ihn auch dann respektiert, wenn sie ihn beklagt. Laut zu sein wäre ein unzähmbarer Impuls, ein gattungsgeschichtliches Urbedürfnis! Und der gesell­schaftliche Druck, auf diese Formen allzumenschlichen Selbstausdrucks zu verzichten, eine widernatürliche Zumutung, der kaum Erfolg beschieden sein könne.

 

Dieser Annahme ist die Plausibilität nicht zu bestreiten: Durch den Siegeszug der christ­lich-abendländischen Naturwissenschaft hat sich die technische Entwicklung über Kul­turgrenzen hinweg vereinheitlicht, und es ist zu jener Globalisierung des Lärms gekom­men, die man für den Beweis seiner anthropologischen Fundierung halten könnte. Doch was besagt es schon für die Lärmdiskussion, dass Menschen die Stille unheimlich ist, wo man doch nur Beispiele aus der neueren Geschichte des abendländischen Men­schen beibringen kann? Ist dieses Unbe­hagen an der Stille nicht vielmehr das Produkt eines kulturellen Selbstverständnisses, in dessen Zentrum nicht mehr, wie noch bei den Grie­chen, die lautlose Schönheit des Kosmos steht, sondern das Wort – das Wort jenes Gottes, der den Menschen aus dem Ganzen der Schöp­fung herauslöst, ihn zur „ton“angebenden Instanz erhebt, auf die die Natur nicht nur im metaphorischen Sinn „hören“ muss?

 

Wie dem auch sei: Das Hauptproblem der anthropologischen Sichtweise liegt darin, dass sie das akustische Tohuwabohu zu einem zeitlo­sen Problem verharmlost, den Begriff in Zeiten zurückdehnt, als von „Lärm“ noch gar keine Rede sein konnte. Im Sta­dium primitiver Stam­mesgesellschaften ist so etwas wie `Ruhestörung` jedenfalls undenkbar. Idealtypisch betrachtet, haben alle Geräusche hier noch einen Informati­onsgehalt: Im Donner spricht eine erzürnte Gottheit, das Brüllen eines verletzten Mam­mutbullen macht deutlich, dass man sich Pfeil und Bogen zurechtlegen muss. Im Grunde kann der frühgeschichtliche Mensch für derartige Schallwellen dankbar sein: Sie alarmieren ihn, bereiten ihn auf die Gefahr vor, dienen seinem Überleben. Sie haben einen nachvollziehbaren Sinn – und sind deshalb kein Lärm.

 

Erst in komplexeren Gesellschaftssystemen wird es möglich, lautstarken Schall in Frage zu stellen. In den altrömischen Städten etwa. Sie verbieten den Wagenverkehr in ihren Zentren und eine Bauverordnung untersagt es den Kupferschmieden, ihre Werkstätten in Straßen ein­zurichten, in denen gesellschaftlich hochstehende Personen wohnen. Spä­ter beklagt sich Horaz über den Straßen- und Baulärm, der ihn beim Dichten seiner Verse stört, und Juvenal schimpft, dass es sich nur die Reichen leisten können, Wohnun­gen zu bauen, die ausreichend Schutz gegen störende Geräusche bieten.

 

Freilich unterliegt die Lärmentwicklung hier noch einer organischen Begrenzung: Es bedarf jeweils einer menschlichen Handlung, z. B. eines Schlages mit dem Hammer, damit das störende Geräusch entsteht. Oder es bedarf lebendiger Pferde, die den eisenbeschlagenen Wagen über das Pflaster ziehen. An diesem Schallszenario einer immer schon lauten Stadt ändert sich bis ins 19. Jahrhundert hinein praktisch nichts. Hauptstörquelle bleibt der Mensch selber. Durch sein Schreiben, Singen, Hämmern, Sägen und Peitschenknallen entstehen zwar par­tielle Ruhestörungen, aber es entsteht kein andauernder Lärmpegel, der zu einer systematischen Auseinandersetzung Anlass gegeben hätte. Der erste Umbruch geschieht in der Epoche der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts, als mechanische Webereien und andere Fabriken in die Städte einziehen – und mit ihnen neuartige Maschinen-, Turbinen- und Sirenengeräusche. Durch den hohen Materi­albedarf und Produktionsausstoß solcher Anlagen entstehen in der Folgezeit Verkehrsprobleme nie gekannten Ausmaßes – vor allem durch Pferde­fuhrwerke, die Rohstoffe und fertige Waren an- und abtransportieren. Dazu gesellen sich gegen Jahrhundert-Ende Pferdeomnibusse und Pferdeeisenbahnen, die Vorläufer eines öffentlichen Nahverkehrsystems, das Pendler und Ausflügler von einem Ende zum anderen der immer größer werdenden Stadt bringt: Die Pferde ziehen dabei auf Schie­nen laufende Waggons, die Wagenräder machen jeweils in Kur­ven und auf Weichen höllische Quietschgeräusche.

 

Der Verkehrslärm ist zum Erkennungszeichen der modernen Stadt geworden, und damit auch zum gesellschaftlichen Problem. Die Klagen der Anwohner nehmen jetzt massiv zu und auch in den Kommentar- und Leserbriefspalten der Zeitungen wird die seinerzeit noch auf die Tagesstunden beschränkte Ruhestörung thematisiert. Den entscheiden­den Impuls erhält die Lärmkritik aber erst durch den unaufhaltsamen Aufstieg des Automobils. Nicht nur produziert es mit Theodor Lessings Worten „ein neues Geräusch, das unvergleichlich schrecklicher ist als aller lärmende Trubel, den die einst lebenden Geschlechter von toten oder lebendigen Radauinstrumenten erdulden mussten“, es indivi­dualisiert auch die maschinelle Fortbewegung und macht sie somit zu Privileg und Privatvergnügen. Im Unterschied zur Eisenbahn, der man den von ihr ausgehenden Krach wegen ihrer enormen Transportleistung nachsieht, gilt das zunächst hauptsäch­lich zu Freizeitzwe­cken eingesetzte Auto als nervtötendes Modespielzeug der Besserge­stellten, als Luxus, der auf Kosten derer geht, die den Staub und die Abgase schlucken müssen. Der unerhörte Krach, der von den über Stadt und Land knatternden Sport- und Sonntagsfahrern ausgeht, hat den Charakter der Mutwilligkeit, er ist für alle, die nicht im Wagen sitzen, Lärm. Genau darauf, und nicht auf einen allgemein gestiegenen Geräuschpegel, reagieren die neugegründeten Lärmschutzvereine von New York, London und Hannover. Jetzt erst nämlich sind die Vor­raussetzungen für die Bezeichnung auditiver Ereignisse als „Lärm“ wirklich erfüllt: Sie sind akustisch penetrant – und durch keinen über die Befriedigung privatere Sonderinteressen hinaus gehenden Sinn mehr zu rechtfertigen. Die kritische Auseinandersetzung mit aufdringlichen Geräuschen, die sich Anfang des 20. jahrhundert in den Lärmschutzvereinigungen manifestiert, ist folglich nicht einfach ein nostalgischer Reflex auf die Tatsache der technischen Modernisierung, sondern eine in der Sache liegende und deshalb konsequente Reaktion – eine Reaktion auf die schleichende Emanzipation, die sich mit dem Wandel der klassischen Industrie­gesellschaft zur Freizeitgesellschaft abzu­zeichnen beginnt.

 

Die Lärmkritik war also nicht immer schon tabu. In Deutschland jedenfalls war sie vor und nach dem ersten Weltkrieg im Ansatz vorhan­den und gesellschaftsfähig, was die zwischen 1908 und 1911 im Hannoveraner Büro des Lessingschen Anti-Lärm- Vereins reichsweit gesam­melten Zeitungsartikel eindeutig beweisen. Um den Absturz der Lärm­diskussion zur gesellschaftspolitischen Marginalie zu verstehen, braucht es keine Anlei­hen bei der Anthropologie, sondern den Blick auf die weiteren zeitgeschichtlichen Ent­wicklungen: Die Revolutionierung des Verkehrs durch den Einsatz lautstarker Explosi­onsmaschinen führt die ohnehin schwammigen Anti-Lärm-Gesetze des Deutschen Reichs vollends ad absurdum: als entscheidendes Kriterium gilt hier, ob der Lärm „vor­sätzlich, unnötigerweise oder ungebührlicherweise“ ausge­übt wird. Bei den Ausfahrten der Herrenfahrer der Zeit trifft natürlich alles gleichermaßen zu, was den Automobilisten vor allem auf dem Land, wo man mit Verkehrslärm noch nicht vertraut ist, auch Stein­würfe und ausgelegte Nagelbretter einbringt. Die Augen vor der neuen Herausforde­rung verschließend, kapriziert sich die Obrigkeit aber weiterhin auf die Aburteilung von betrunkenen nächtlichen Randalierern, auf Zeitgenossen, die durch negativ-soziale Verhaltensauffälligkeiten die öffentliche Ordnung der braven Bürger stören. Auf den eigentli­chen Störfaktor, das Automobil, wird die wilhelminische Grundregel „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ dagegen nicht angewandt.

 

Die Nationalsozialisten scheinen dann das Problem anzugehen. Sie bedienen die fort­schrittskritischen Stimmungen und Bewegungen der Zeit, ihr großstadtfeindliches Selbst­verständnis suggeriert eine Rückkehr zu einem Frieden mit der Natur – und damit auch den Rückbau der mechanisierten Welt. Indes entpuppt sich der Nationalsozialismus sehr schnell als gigantische Modernisierungsbewegung, die den Lärm nicht etwa bekämpft, sondern ihn als notwendige Nebenwirkung eines naturwüchsigen völkischen Willens zur Macht einmal mehr legiti­miert. Weil die geschichtliche Wirklichkeit als Kampf der Kultu­ren interpretiert wird und folglich durch und durch sinnvoll erscheint, kann es etwas so Sinn-loses wie Lärm überhaupt nicht geben und jeder, der sich all zu laut über die Fabrik in seiner Nähe beklagt, macht sich ver­dächtig.

 

Nach dem 2. Weltkrieg verschwindet die Lärmkritik – und auch dies lässt sich aus der Zeitgeschichte erklären. Zum einen hatte die Nach­kriegsgeneration natürlich erst ein­mal anderes zu tun. Zum anderen brachte die sich abzeichnende Demokratisierung des Autoverkehrs den Einzelnen in die paradoxe Lage, sowohl Opfer als auch Täter der Ruhestörung sein zu können, was einem Protest gegen den Lärm natürlich die Spitze genommen hätte. Und schließlich wäre die Beschwerde über die anwachsende Geräuschflut eine Form der Zivilisati­onskritik gewesen. Zivilisationskritik aber was out. Nicht nur für die Apologeten der Wirtschaftswunderwelt, sondern auch in den Kreisen, die für den kritischen Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit offen waren. Dort wurde Zivilisationskritik als Aufstiegsideologie des Natio­nalsozialismus betrachtet – sie galt als historisch widerlegt. Weil Gesellschaftskritik im Gravitationsfeld der 68er- Bewegung nur noch als Kritik der Produktionsverhältnisse legitim war, hatte die Protestgeneration kei­nerlei Berührungsängste mehr mit der Lärmquelle Nummer Eins, dem Auto. Dieses war vielmehr identitäts- und statusbildend, nicht der Ford Taunus oder Opel Rekord freilich, sondern die rostige Ente oder der buntbemalte VW-Bus. Das Fahren mit lecker Ölwanne und kaputtem Auspuff galt nicht einmal als Kavaliersdelikt, vielmehr als legitimer Protest gegen eine heimat- und ordnungssüchtigen Elterngeneration, in der auf gesetzliche Lärmvorschriften pochende Rentner das Gruselkabinett der Ewiggestrigen anführte.

 

Die konservative Zivilisationskritik, die die Folgeschäden des technischen Fortschritts Anfang des 20. Jahrhunderts zum Thema gemacht hatte, war dagegen bereits in den Sechziger Jahren zum Auslaufmodell geworden. Weiterverfolgt wurde sie nur noch von einer Handvoll versprengter Einzelkämpfer wie Max Picard und Ehrenfried Muthesius. Sie hielten der technisch beschleunigten Welt das Glück des Schwei­gens oder das der Langsamkeit entgegen – Positionen, mit denen man in den nächsten Jahrzehnten kei­nen Blumentopf gewinnen konnte.

 

Sie blieben ohne Einfluss, weil sich auch und gerade im konservativen Milieu bald nach dem Krieg ein gänzliche affirmativer Bezug zur industriegesellschaftlichen Dynamik ein­gestellt hatte, eine Einstellung, die den technischen Fortschritt für sakrosankt erklärte. Ihr philosophi­scher Gewährsmann war Arnold Gehlen. Als aktives NSDAP-Mitglied hatte sich der bekannte Anthropologe 1940 dazu verstiegen, den Menschen als „Wesen der Zucht“ zu bezeichnen, also als genuin formbare Geschöpf, das im Dienste eines gesell­schaftlichen Ganzen instrumentalisiert gehört, dem man die subjektiven Bedürfnisse aus­treiben, den man also „führen“ muss. Dieses Menschenbild galt es nun, an die nachfa­schistische Zeit anzupassen. Die Selbstzurücknahme zugunsten von Volk und Vaterland war natürlich nicht mehr gesell­schaftsfähig, so dass es eines neuen Systems, neuer „Superstrukturen“ bedurfte, in deren Dienst sich das Individuum stellen konnte. Kandi­dat für diese Rolle war die Produktion, der technische Fortschritt selbst. Unter den Bedingun­gen des Kapitalismus funktionierte er geradezu eigendynamisch und stand deshalb nicht in Verdacht, von irregewordenen Einzelsubjekten gesteuert zu werden. Man konnte sich seinem Eigensinn getrost anvertrauen, sich einem System von Sachzwängen unterwerfen, das die beste aller möglichen Welten herbeiführt – sofern man dem men­schenfreundlichen Prozess nicht mit Sinn- und Sonderansprüchen, d.h. mit Kritik, in die Speichen zu fallen versucht. „Wer kritisiert, stört den reibungslosen Gang der Produk­tion“, hatte Gehlen dem Technikkritiker Günther Anders vorgehalten, der in den Fünfzi­ger Jahren als einsamer Rufer in der Wüste die Selbstentfesselung der Technokratie zum Thema machte.

 

Wer kritisiert, übersieht nach Gehlen die segensreiche Wirkung der Institutionen. Obwohl, ja gerade weil sie stets in „selbstzweckhafte Eigengesetzlichkeit“ umschlagen und „vom direkten und unmittelbaren Nutzerfolg für die eigene Person abzusehen“ verlangen, garantie­ren sie die grundsätzliche Beibehaltung der Bedürfnisdeckungslage, die sogenannte „Hintergrundserfüllung“ – und gestatten auf diese Weise ein Leben „in wohltuender Fraglosigkeit“.

 

Ein Indiz dafür, dass der menschenfreundliche Mechanismus sich verselbständigender Institutionen noch im Gange ist, sind natürlich die Betriebsgeräusche, gleich ob im Ver­kehr oder in der Fabrik. Kritik an ihnen wäre eine Form der Undankbarkeit, Sabotage am Gang der Produktion, die eo ipso im Dienst des Menschen steht und deshalb am Laufen gehalten werden muss. Vor dem Hintergrund solcher Vor­stellungen wird die Beschwerde über Lärm zu jener Privatsache, die sie für viele ältere Zeitgenossen noch heute ist – zur legitimen Empö­rung, wenn Leergut nach 20 Uhr eingeworfen oder der Rasen in der sogenannten Mittagsruhe zwischen ein und drei Uhr gemäht wird.

 

Sich als kulturinvariante Wissenschaft missverstehend, ist Gehlens Institutionenlehre nichts anderes als eine sozio- psychologische Bestandsaufnahme der bundesdeutschen Nachkriegsgeneration, einer strukturkonservativen Generation, die an die pro- mensch­liche Eigendynamik des Fortschritts glaubt und der „Produktion Vorfahrt einräumt“, wie Gehlen 1960 schreibt.

 

Man muss sich über die noch heute währende Toleranz gegenüber unnötigen Schall­wellen deshalb nicht wundern. Sie ist eine Schwund­form jener zeitspezifischen Blickver­engungen, die am Lärmproblem beinahe fünfzig Jahre vorbei schauen ließen – einer­seits der blinden Fortschrittsgläubigkeit der Nachkriegsgeneration und andererseits der ideologischen Verblendung ihrer Kritiker, jener selbsternannten „Pro­gressiven“, denen es beliebte, das wertkonservative Bedürfnis nach vermeintlich vormodernen Gütern wie Heimat, Natur und Stille unbe­sehen als reaktionär einzustufen.

 

Wenn Wahrnehmungen durch den weltanschaulichen Konformitätsdruck gesellschaftli­cher Gruppen niedergehalten werden können, können sie natürlich irgendwann auch wieder ins Bewusstsein rücken. Man sollte deshalb erwarten, dass es nach dem Zusam­menbruch der Frontstellung zwischen der fortschrittskonformen Bevölkerungsmehrheit und linken System-Kritikern zu einer Neubewertung des Lärmpro­blems kommt – analog zur Renaissance des Umweltproblems in den 80er Jahren. Doch das ist erstaunlicher Weise nicht der Fall. Während der Natur- und Umweltschutzgedanke zumindest zeit­weise in aller Munde war, bleibt das Lärmthema das Problem Einzelner,[[die sich damit gesellschaftlich genau so isolieren wie Umweltaktivisten in den frühen 70er Jahren, als ihnen Hans Magnus Enzenberger, das Sprach­rohr der gesellschaftskritischen Intelligenz, vorhielt, das sie „über ihre wahren Bedürfnisse noch aufzuklären“ seien.]]

 

Einer der Gründe für die Schwierigkeit, Lärm zum öffentlichen Thema zu machen, liegt freilich in der Sache selbst. Im Unterschied zum klassi­schen Umweltschutzdiskurs lässt die Lärmkritik direkte Rückschlüsse auf den zu, der sie erhebt. Sie hat den Charakter einer Selbstoffenba­rung, zeigt, dass es dem Kläger ganz offenbar an Kraft fehlt, die Umwelt­geräusche klaglos zu ertragen – was unter den Bedingungen des gegenwärtigen Jugendkultes kein kleines Problem darstellt: Sich über Lärm zu beschweren käme dem Eingeständnis gleich, zu jenem alten Eisen zu gehören, gegen das man sich zeitlebens definiert hatte. Das kommt für Zeitgenossen, deren Weltbild von der Jugendbewe­gung der Sechziger Jahre beeinflusst ist, auch dann nicht in Frage, wenn der Rentenantrag bereits auf dem Tisch liegt. [[Die Raster der Sozial- und Meinungsforschung sind damit um einen marktwirtschaftlich interessanten Sozial-Typus reicher geworden, den es nie zuvor gegeben hatte: den Neuen Alten. Das ist der, der im Alter nun genau das macht, was vor einer Generation noch den Jüngeren vorbehal­ten war: Genussorientiert kon­sumieren, grenzenlos reisen, aus vollen Zügen leben. Damit fällt er aus der passiven Rolle des Seniors in die aktive Rolle – und schlägt sich damit direkt oder indirekt auf die Seite der Lärmproduktion, die zu reklamieren ihm genau deshalb schwer­fällt.]]

 

Was die heute Zwanzig- bis Dreißigjährigen angeht, so ist auch von ihnen kein Aufstand gegen den Lärm zu erwarten. Eine kritische Ausein­andersetzung mit der akustischen Umweltverschmutzung würde in diametralen Widerspruch zum Selbstverständnis jener Generation füh­ren, die gemeinhin Erlebnis- und Spaßgesellschaft genannt wird. In die­ser nimmt sich der Einzelne das Recht heraus, jederzeit und überall seine persönliche Erfüllung zu suchen – indem er sein Auto zu einer mobilen Diskothek umbaut, an jedem nur erdenklichen Ort seine Handy-Telefonate führt, abends spontane After-Work-Parties ausrichtet, über die die Nachbarn naturgemäß nicht rechtzeitig informiert werden kön­nen. Nicht nur für wirklich Junge, auch für vermeidlich Junggebliebene gilt Selbstentfal­tung nun als höchstes Gut, die Freizeit wird zum eigentlichen Sinn des Lebens aufgela­den, zur heiligen Pflicht, und die zahllosen Special Interest Magazine avancieren zu Hir­tenbriefen, mit denen die Ausstattungsindustrie im Monatsrhythmus die neuen Konsum- und Verhaltens-Sakramente liefert. Gegeben ist mit der maßlosen Sinnerwartung natür­lich auch die Gefahr des Schiefgehens, der Sinnleere, die abgewehrt werden muss, koste es was es wolle. Nicht weil es sich um eo ipso rücksichtslose Zeitgenossen handelt, sondern weil es gleichsam um alles geht, kann es nun keine Rücksicht auf Verluste mehr geben. So wird der Nachbar, der zur besagter spontaner After-Work-Party klingelt und um etwas mehr Ruhe bittet, mit den Worten: „In meiner Wohnung kann ich machen was ich will“ abgespeist.

 

Im fortgeschrittenen Stadium der Lärmgesellschaft dient es zugegebenermaßen auch dem Selbstschutz, sich mit dem Thema Lärm gar nicht erst zu befassen. Gemeint ist nicht nur die unterschwellige Angst, vom plötzlichen Wiedereintreten von Ruhe überfordert zu sein, son­dern auch und vor allem die Ahnung, dass eine bewusst kritische Haltung die Sache nur noch schlimmer macht. Man bleibt deshalb ruhig, weil einem der Lärm schon unruhig genug macht, weil man befürchtet, eine innere Lawine loszutreten – und hat damit sicher auch Recht. Die permanenten Attacken auf die Trommelfelle ins Bewusst­sein zu holen und sie auf ihre Vermeidbarkeit hin zu überprüfen, hieße sie stär­ker wahr­zunehmen, also noch mehr Krach in Lärm zu verwandeln. Der psychologische Mecha­nismus der Normalisierung des Lärms, der stets den wirksamsten Selbstschutz bot, würde unterlaufen und außer Kraft gesetzt.

 

Die einschlägige Reaktion auf das Schallvolumen der Alltagswelt ist deshalb die periodi­sche Flucht – ins Wochenende oder in den Urlaub. Schon der Beginn des Tourismus Ende des 19.Jahrhunderts gehörte in diese Fluchtgeschichte. Die vornehmlich aus bür­gerlichen Kreisen stammenden Menschen flohen vor Gestank und Lärm der wachsen­den Städte auf die Wanderwege der deutschen Mittelgebirge – in die Gefilde der Ruhe und der Ursprünglichkeit. Heute ist diese Bewegung noch viel extremer. Ein immer grö­ßerer Teil der Urlauber sucht nach Orten der Stille, was den ins Maßlose gewucherten Tourismusstationen der Vergangenheit zunehmend einen Wettbewerbsnachteil ver­schafft. Ihnen laufen nun abgelegene Nischen der Zivilisation den Rang ab, unverbaute Gebirgstäler etwa – oder halbvergessene Klöster, die sich plötzlich mit ganz profanen Ruhesuchern füllen. Natürlich hat die Suche nach der Nische eine bittere Dialektik: In der Regel moto­risiert unterwegs, bringt der Tourist den Lärm dorthin, wohin er vor ihm flieht. Die Flucht vor den Krach der Zivilisation ist banalerweise keine Variante seiner Bekämpfung, nicht einmal eine Vorstufe dazu. Zu aller erst sie ermöglicht dessen welt­weite Ausbreitung. Die Einsicht ist freilich nicht neu. Schon 1908 klagte das Heidelberger Tagblatt über die Sommerfrischler, die in Massen über das Neckartal herfielen, um – wie es dort heißt - „der Lärmplage der Städte zu entfliehen. Da fallen sie nun aber eben so schön herein, wie weiland jene antiken Seefah­rer, die, im Bestreben der Charybdis zu entgehen, der Szylla zum Opfer fielen.“

 

Die Freizeitgesellschaft ist also konstitutiver Teil des Problems, für dessen Lösung sie sich hält. Sie ist System und Rückseite der Lärmgesell­schaft. Statt Fluchtwege für den wochenendlichen Exodus ins Grüne zu ebnen, die Strände der Dritten Welt in Refugien für gestresste Nordamerikaner und Westeuropäer umzubauen und auch noch das Weltall touristisch zu erschließen, bräuchte es Bemühungen, solche Fluchten unnötig zu machen, indem man die akustische Lebensqualität an den Orten des Alltags verbes­sert. Dazu würde es gehören, die Beweislast, die heute allein das belästigte oder geschädigte Individuum hat, an die Hersteller des Lärms, die Geräteindustrie zurückzu­ge­ben. Doch von solchen Bemühungen ist nichts zu sehen. Selbst die, die darunter lei­den, betrachten den Lärm als privates Problem gegen das man mit Ohropax oder Rechtsanwalt kämpft. Ein weitergehendes Engagement wird nicht ergriffen, von einzel­nen Solidargemein­schaften an den Einflugschneisen von Flughäfen abgesehen, leidet jeder für sich allein.

 

Und die Zukunft? Zweifellos wird die Nötigung durch Lärm weiter zunehmen, zur Zeit erhöht sich der durchschnittliche Schallpegel in den Industrienationen jährlich um ein halbes Dezibel. Damit steuern wir auf eine Welt zu, in der öffentliche Räume ihre einstige Anziehungskraft verlieren und sich die Menschen zunehmend in Sphären der Virtualität wie im Fernsehzimmer und künstliche Freizeitwelten zurückziehen werden. Zugleich steuern wir auf eine SMS–Welt zu – eine Welt, in der die Dialoge – mangels ungestörter Orte - vom Kommunikationstypus der Short Massage bestimmt sein werden. Am Rande der allgemeinen Unterwerfung unter die Diktatur des Lärms dürfte es allerdings auch zu Protestbewegungen kommen, vielleicht sogar zum Beginn eines Guerrillakampfes gegen Störer und Störquellen analog den Attacken militanter Tierschützer auf Pelztier­farmen und Hühnerfabriken. Eine Figur wie der verzweifelte französische Bauer, der unlängst vor Gericht stand, weil er auf Hubschrauber schoss, die über sein Haus hinweg­zudonnern pflegten, hat dann gute Chancen, zu einem Freiheitskämp­fer, zu Robin Hood der Lärmgepeinigten zu avancieren. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Einstweilen scheinen nur die Tiere den Aufstand zu proben. In Slowenien hat ein Braun­bär im letzten Sommer einen Mann zerfleischt, der in der Nähe seiner Höhle mit einer Ket­tensäge hantierte, und in einem südfranzösischen Zoo fielen Schimpansen zwei Wär­ter an, die neben ihrem Käfig mit einer Bohrmaschine gearbeitet hatten. Sie zerschlu­gen ein drei Zentimeter dickes Trennglas und zerbissen einem der beiden Männer Hals und Gesicht. Zwei Stunden dauerte der Amoklauf der Tiere, nur mir einem Betäubungs­gewehr gelang es, sie wieder in ihre Käfige zurück zu bringen. Wer auditive Gewalt sät, braucht sich über Gegengewalt eben nicht zu wundern. Wer nicht hören will, muss fühlen.“

 

 

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