artAkus - Essay - 1

 

 

Ute Becker – die Essayistin

 

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Essay 1

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Essay 3

Essay 4

Der Rattenfänger von Berlin

 

 

Ute Becker

Wir werfen uns weg

 

 

 

Ute Becker

Schuldig

 

 

 

 

Ute Becker

Die Goldadern von Berlin

 

 

 

Ute Becker

 

 

 

 

Essay 5

Essay 6

Essay 7

Essay 8

Worte schaffen Welten

 

 

 

 

Ute Becker

Die Erde und ihre Peiniger oder das Zeitalter des Verzichts

 

 

Ute Becker

Beate berichtet- ein Essay zur Altersarmut

 

 

Ute Becker

Herr Welle -
er kam, nahm und kriegte

 

 

 

Ute Becker

 

 

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Der Rattenfänger von Berlin

 

 

Mit einem japanischen Bassgenerator in Chicago begann 1988 das, was seit 16 Jahren in Berlin tobt: die Love Parade. "Dr. Motte, Vater Unser, let love shine in our heart in one world in one fu­ture with Friede, Freude, Eierkuchen. Amen."

 

Die Politprominenz ist begeistert über die Berlin-Werbung. Gereichte ihr die Love Parade 1989 auf ihrem sakrosankten Ku'damm noch zum Ärger, so lieferte sie 1995 schon Beschallungs-Anlagen mit 90.000 Watt Verstärkerleistung. Heute dröhnen niedliche, friedliche 1,5 Millionen Watt bis hinter den Lehrter Bahnhof. Die Love Parade strahlt über Berlin hinaus und sie bombt nach Berlin hinein. Das kennen wir.

 

Auch die BZ ist begeistert und erlässt 10 Gebote für anstän­dige Raver. Gesegnet sei Gott Dr. Motte. Ruft er doch an der Siegessäule sein Raver-Volk auf, alle zu lieben, sich die Hände zu reichen und das Glück zu suchen. Was unter dem massenhaften Drogeneinfluss übrigens kein Problem ist. Dr. Motte, dem Rattenfänger von Berlin, beliebt es, viele hunderttausend Menschen zu einer bombigen Familie zusammenzusippen.

 

Alle Behörden zeigen sich paradenfreundlich: Das Metereologische Institut betet um Sonne. Der Umweltsenator hält sich im Hintergrund, und der Kultursenator bedeckt. Dem Innensenator bedeutet die Parade immer noch politische Demonstration. Die Polizei schützt eine umwerfende Mehrheit vor einer ewig nörgelnden Minderheit. Die Sozialsenatorin bezeugt Verständnis, sogar für den gigantischen Missbrauch chemischer Drogen.

 

Aufgefahren werden 50, an sich schon dröhnende, tonnen­schwere Tieflader mit Lautspre­cherboxen von mindestens 30.000 Verstärkerleistung, betrieben von 50, an sich schon dröhnenden, Generatoren. Mehr als 1,5 Millionen Watt Schall- und Verstärkerleistung werden in den Himmel über Berlin gedröhnt, nicht mitge­rechnet der andere Krach. Sogar ein 30 Tonnen schwerer Panzer begleitete einst diese Straßen-Armada, besetzt mit dem Berliner Ensemble und Jacques Lang. 30.000 Watt hämmer­ten Brecht-Verse auf die Menge. Völker, hört die Signale! Literatur wurde zum Sound. Wer Texte nicht hören will, muss sie fühlen. Beide Teile der Stadt sind ihrer Militärparaden verlustig gegangen, da springen schon mal die 30- bis 40-Jährigen ein mit ihrer Ignoranz der späten Geburt. Sie kennen das Inferno des Krieges nicht und holen es sich freiwillig ins Haus.

 

Die zeitgleichen Fuck- und Hate-Paraden sind ehrlicher. Sie schlagen mit ihren aggressiven 400 Beats per Minute auf alles ein, was ihnen im Weg steht.

 

Tragikomisch aber sind die Raver oder die Tinnitus-Liga, die glauben, Gehör und Organismus durch Pfropfen im Ohr vor einem derartigen Beschuss schützen zu können.

 

Sonderzüge nach und von Berlin werden zu rollenden Discos, Zuglautsprecher pulsen 200 Beats per Minute auf die Fans. In Etappenstädtchen oder an Unfall­stätten auf der Autobahn werden Love-Parade-Quickies auf die Straßen gelegt: Hecktür, Verdeck und Scheiben geöffnet, und schon wummern potente Anlagen monotone Bässe in die Provinz. Straßen und Parkplätze werden zur akustischen Vor­hölle. Keiner stellt auf Bitten die Anlage leiser. Der Sound - die Waffe. Wo liegt der Unterschied zwi­schen randalierenden Fußballfans und den Fans, die ich beobachtete? Die obligate Bierdose in der Hand, grölten und pöbelten sie sich durch die Straßen und die Menschen und soffen weiter.

 

Also: Nachdem die Paraden über uns grollen - jedes Jahr einen Tag früher - und zurückrol­len - jedes Jahr einen Tag später -, könnten wir uns doch ein Jahr lang entspannen, die Behörden die Urin-Liter, die Kot-Zentner, die Müll-Ton­nen zählen lassen. Wir könnten den BUND die schallgetöteten Vögel und die bebengeschädigten Klein­tiere zählen lassen, Naturschützer und Anwohner wegen der Grün­anlagen obligate Klagen anstimmen lassen, die Ärzte Hörstürze und Tinniti be­handeln lassen, die BZ den Frie­densnobelpreis an Dr. Motte vergeben las­sen ...

 

Aber können wir das wirklich? Warum dieser Nachruf? Die Antwort ist: Die Love Parade verlässt uns keine Minute, sie weilt mitten unter uns!

 

Die militanten Liebesanbeter bedienen sich eines akustischen Apparates, dessen Verstärker­leistung von Jahr zu Jahr fühl­bar gesteigert wird. Jede Love Parade legt mit jedem Jahr neue Maßstäbe und Schwellen für das Hörverhalten der Teil­nehmer, für den Rhythmusgeschmack und die Lautstärke der Beschallung fest. Mit steigender Verstärkerleistung sinkt die Hemmschwelle für den Konsum an Laut­stärke. Das Jahr hat 365 Tage, und an jedem Tag des Jahres begegnen wir dem Resultat dieser Hem­mungslosigkeit. Teilnehmer der Love Parade sind Nach­barn überall. Im Laufe des Jahres wollen sie natürlich das aus ihren pri­vaten Anlagen herausholen, was ihnen HiFi-Technik und Love Parade vorge­geben.

 

Das Problem sind also die anhaltenden akustischen Folgeerscheinungen jeder Love Parade. Mich erzürnt das durchaus Nachhaltige dieser jährlichen Veranstal­tung.

 

Auch die Nähe des Massenereignisses Love Parade zu anderen Massenereignis­sen gibt mir zu denken. Der Vergleich mit dem verblendeten, ex­statischen Tanz um das Goldene Kalb drängt sich auf. In der Masse hat das Individuum eine an­dere Psycho­logie. Sein Großhirn ist blockiert. Monotone Musikrhythmen spre­chen Zwischen- und Stammhirn direkt an, waren eh und je der unmittelbarste Weg, die Men­schen gleich­zuschalten. Der Parademarsch führt den einzelnen Soldaten mit dem Heereskörper auf das Schlachtfeld.

 

Alle Verführer und Anführer wissen um die Manipulierbarkeit des Menschen durch Lautstärke und mono­tone Rhythmen. Die Ausschaltung des Neokortex durch die Gleichschal­tung der Bewegung. Die Musik als Droge.

 

Vor "AcidHouse", vor "Tekkno", war die chemische Droge "Ecstasy" da. Im Rausch von Ecstasy tobte man sich in den Rausch der Bässe von AcidHouse. Die von mir so genannten "akustischen Beate-Uhse-Vibrationen" erfordern - in ihrer extrovertierten, pornographischen Natur - zur Befriedigung immer weitere Steigerung. Bis der Organismus streikt, sei es durch Hörstürze, durch Schwerhörigkeit, durch Stresserkrankungen.

 

Ist es nicht höchste Zeit, zu fragen, wer unwidersprochen wie lange, wie oft und mit welchen Mitteln wie viele Menschen wie Puppen tanzen lassen darf? Welchen Verführern geht die heutige Demokratie mit ihrer kurzsichtigen Toleranz auf den Leim? Welche Zu­kunftsgesellschaft will die Demokratie heranzie­hen: Schwerhörige, selbstverliebte, drogenabhängige, laute Dauertänzer und Wirmenschen - oder mündige Individuen, die sich dem "Mitlaufen" entziehen?

 

Stimmt es, dass die Love Parade 2000 durch Villenviertel in Grunewald, Zehlendorf, Potsdam und Babelsberg führen soll?

 

 

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