artAkus - Essay - 3

 

 

Ute Becker – die Essayistin

 

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Essay 1

Essay 2

Essay 3

Essay 4

Der Rattenfänger von Berlin#Schuldig

 

 

Ute Becker

Wir werfen uns weg

 

 

 

Ute Becker

Schuldig

 

 

 

 

Ute Becker

Die Goldadern von Berlin

 

 

 

Ute Becker

 

 

 

 

Essay 5

Essay 6

Essay 7

Essay 8

Worte schaffen Welten

 

 

 

 

Ute Becker

Die Erde und ihre Peiniger oder das Zeitalter des Verzichts

 

 

Ute Becker

Beate berichtet- ein Essay zur Altersarmut

 

 

Ute Becker

Herr Welle -
er kam, nahm und kriegte

 

 

 

Ute Becker

 

 

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Schuldig

Alle unsere Einsichten sind nachträglich.“ - Rainer Maria Rilke

 

 

Liebe Schuldige!

 

Dass die Menschheit in Schwierigkeiten ist, ist offensichtlich. Dass die Mensch­heit selbst Ver­ursacherin ihrer Schwierigkeiten ist, hat sich allmählich herum­gesprochen. Dass die Verursacherin ihrem möglichen Untergang offenen Auges entgegensieht, ihn sogar beschleunigt, macht wohl nur uns - die Opfertäter - fas­sungslos. Wir hocken wie das Kaninchen hypnotisiert vor der Schlange. Eine übergeordnete, intelligente Institution würde sich den immate­riellen Bauch vor Lachen halten, müsste unser kindisches Benehmen von einer hö­heren Warte aus gesehen doch tra­gikomisch aus­sehen.

 

Das Menschlichste am Menschen ist die gleichbleibende Kluft zwischen Einsicht und Handeln. Das selbstzerstörerische Handeln des Menschen hat nur sekundär seine Gründe im Sozialen, Tra­dierten, Kulturellen. Die Tragödie ist primär in der Biologie des Menschen begründet. Unsere Unzulänglichkeit liegt in der Dominanz und Unbe­weglichkeit der biologischen, uralten, genetischen Programme. Wir Menschen leben auf Kosten unserer Ernährerin Erde, als Parasit im übergeord­neten Organismus Erde. Ob unsere genetischen Selbstversuche uns zu einem einsichtig handelnden Wesen mutieren werden, wird sich zeigen.

 

Der Dissens hinsichtlich der notwendigen Konsequenzen aus gewonnenen Einsichten ist gross. Wir neigen dazu, die Menschen zu verändern, aber nicht uns selbst, die wir doch zu dieser Spezies gehören. Jeder Mensch muss bei sich anfangen. Schuld sind nicht nur die anderen. Verursa­cher und schuldig ist jeder. Jeder muss jeden Tag mit jeder Handlung sein Verhalten ändern.

 

Ich wehre mich explizit gegen den Trend, uns Menschen - angesichts der zunehmen­den Aussichtslosigkeit - unsere Illusions-Sucht zu belassen oder uns gar mit Tricks überlisten zu wollen. Möglich, dass wir Menschen Lügen und Illusionen brauchen wie Süssigkeiten, aber den Entzug von diesen Genussmitteln müssen wir allmählich antreten. Wir müssen uns zu einer Spezies der Weitsichtigkeit heranbilden, und das geht nur über die Einsicht des Einzelnen.

 

Fatale Defekte des Menschen sind seine Ambivalenz in Verbindung mit seiner Tit-for-tat-Strate­gie (Vergeltungsstrategie). Der eine Mensch sieht nur den Splitter im Auge des anderen, auch wenn sein eigenes Auge schon blind ist durch den Balken, der in ihm steckt. Vom Balkenträger ist kein einsichtiges Handeln zu erwarten. Verblendet schiebt er Schuld und Verantwortung auf den Splitterträger. Der Splitterträger greift sofort zur Vergel­tungs-Strategie und damit den anderen an. Auch von ihm ist kein einsichtiges Verhal­ten zu erwarten. Und so vergeht wert­volle Zeit mit dem Spiel "Wie Du mir, so ich Dir". Unsere Eltern haben uns diese Verhaltensweisen beigebracht. Erwachsen sind wir, wenn wir uns ändern.

 

"Gekrönt" wird das menschliche Verhalten durch seinen tierisch-sozialen Populari­tätstrieb, dem Trieb zu Anerkennung und Mitlaufen in der Herde. Dafür, dass sich der Mensch für ein Vernunfts­wesen hält, ist seine Fähigkeit, gegen den Strom seiner Artgenossen zu schwimmen, sich un­abhängig von Trend, Mode und Anführern zu ma­chen, also "Nein" zu sagen, erstaunlich unterentwickelt.

 

Totalitäre Systeme bauen auf dieser Unreife auf. Aber auch Demokratien kranken daran. Der moderne Politiker hat sich sogar zum Prototyp dieses allgemeinmenschlichen Versagens entwickelt. Und wer von Ihnen ist bereit, einen Menschen zu stärken und zu stützen, wenn er sich gegen die Norm unserer Gemeinschaft stellt?

 

Hier ein typisches Beispiel für menschliche Ambivalenz: Ein Präsident des Club of Rome prangerte in seinem Buch "Die Zukunft in unserer Hand" ("Cent pages pour l'avenir") den global zerstörerischen Bevölke­rungszuwachs der Dritten Welt wie auch die gigantische Energieverschwendung der Ersten Welt an. Beides nachweislich zu Recht. Aber im gleichen Buch lesen wir, dass er 7 Kinder gezeugt hatte. Nach offiziel­len, von ihm zitierten Stastiken entspricht seine 9-köpfige Familie hochrangiger, lombardischer Energieverschwender einer Familie der Dritten Welt mit ca. 300 Mitgliedern. Statistiken arbeiten mit Durchschnittswerten. Die Aussage könnte noch krasser ausfallen. Ein Präsident des Club of Rome hatte also die Erkenntnis, doch Biologie, Katholi­zismus, Chauvinismus und Selbstgefälligkeit müssen ihn überwältigt haben. Das kon­sequente Verhalten - sein Verzicht auf 5 Kinder - blieb aus.

 

Anhand dieser Umrechnung, die statistisch legitim ist, betreten wir einen der wenigen Wege, die uns in die Zukunft leiten könnten: Wir müs­sen uns gegen­seitig Wahrheiten sagen. Kampf der feigen Höflichkeit und einer Toleranz, die nichts anderes als Gleichgültigkeit ist, nichts anderes als die Hintertür, die man sich selber offen halten möchte.

 

Ein anderer Weg könnte über eine engagierte Informationspolitik führen. Die in der bisherigen Form aus­gestrahlten Katastrophenmeldungen dürften mehrheit­lich über­hört, überlesen und übersehen werden, besonders wenn sie aus einer fernen Welt kommen und uns schein­bar nichts angehen. In der Regel fehlt bei der jetzigen Infor­mationsübermittelung eine direkte Übersetzung in unser Bewusstsein und damit in unser Gewissen, sofern dieses ausgebildet ist.

 

Meldungen über Katastrophen, die aus der Energieverschwendung der Ersten Welt, unserer Welt, resultieren, sollten uns selbst auch als Täter benennen. Schuld sind eben nicht nur die anderen (Industrie, Bevölkerungsexplosion etc.). Wir müssen verstehen lernen, dass wir Verursacher sind und nicht Opfer. Wir sind die Verantwortlichen für unsere Probleme und sogar für scheinbar weit entfernte Probleme. Selbst für die Wahl unverantwortlicher Politiker sind wir verantwortlich.

 

Die Verhaltensforschung stellt mit dem Begriff "Angstbedingte Denkhemmung" fest, dass ein Gedanke nicht zu Bewusstsein kommt, wenn er den Menschen vor eine Situation stellt, der er sich nicht gewachsen fühlt. Das ist unsere Biologie, die es zu überwinden gilt, ohne dass Tricks angewandt werden. Nachrichten müssten in Zukunft so gestaltet werden, dass sie auch Handlungsmöglich­keiten, Alternativen aufzeigen; etwa diese vier Schritte:

1                      die Information

2                      das Aufzeigen des Gesamtzusammenhanges

3                      die Benennung der Hauptverursacher

4                      das Aufzeigen von Wegen für Verzicht, Ersatz und                                                                    Alternativen

 

Unsere Gesellschaft muss den Medien in diesem Sinne Rechte einräumen, d.h. unan­hängig von Wirtschaftsinteressen halten. Der so genannte freie Markt wird da nichts regulieren, denn das Geld regiert die Welt. Und so­lange wir zu jeder Jahreszeit Sommerblumen und Erdbeeren auf dem Tisch haben wollen, wird es immer jemanden geben, der unsere Bedürfnisse, unseren Luxus auf Kosten anderer befriedi­gen wird. Unsere Nachfrage bewirkt das Angebot. Er bekäme noch billige Schüt­zenhilfe von denen, die jede Art Arbeitsplatz um jeden Preis rechtfertigen, auch wenn der Preis zu hoch für das Gemeinwohl wäre.

 

Ich bin überzeugt davon, dass der Mensch lernfähig ist. Aber Lernen bedeutet Umdenken und das ist anstrengend. Der Mensch drückt sich um diese Arbeit, solange er keinen Gegenwert sieht. Es fehlt die Belohnung für das Kind Mensch. Denken steht nirgendwo als Gebot geschrieben. Wir erlauben uns also getrost, das Denken zu dele­gieren. Nicht einmal die Quintessenzen dieser "Auftragsarbeiter" wollen wir zur Kenntnis nehmen. Wenn wir aber für Anstrengungen belohnt werden, lernen wir freiwilliger und schneller. Ich sehe in der Anerkennung von Bemühungen durch die Gesellschaft eine grosse Chance. Energie­einsparung muss belohnt, Energieverschwendung bestraft wer­den.

 

Solange die Bevölkerungen global weiter so rasant zunehmen, sollte eine Frau, die sich (weitere) Kinder versagt hat, von ihrer Gesellschaft belohnt und nicht diskrimi­niert werden. Der Bestand der Spe­zies Mensch ist nicht gefährdet.

 

Die Arbeit des Umdenkens leisten Menschen auf Anhieb in Krisensituationen. Krieg, Exi­stenzgefährdung, Tod nahestehender Menschen, Liebesverlust, Prüfungen, Krankheit befähigen uns, radikal umzudenken. Wenn der Alltag als Norm zusammen­bricht und somit auch unsere Gewohnheiten, werden wir frei, in neuen Sitauationen nach neuen Einsichten zu handeln. Daraus folgere ich, dass wir lernen sollten, uns mögliche Krisen, mit uns als Hauptdarstellern vorzustellen, um sie in der Wirklichkeit rechtzeitig abzuwenden. Unsere Vorstellungskraft könnte im Ver­bund mit den elektronischen Medien in Zukunft mehr denn je gefordert werden. Klug genutzt, könnten sie einen echten Beitrag zur Verbesserung der globalen Situation leisten. Intelligent aufgebaute Krisen-Szenarien mit eingebauten Lösungsstrategien sind vielleicht das Gesellschaftsspiel der Zukunft.

 

Sozialismus und Kapitalismus, Erste und Zweite Welt, sind Systeme für den Men­schen mit dem Menschen im Mittelpunkt. Beide Systeme beuten den Rest der Welt zugunsten des Menschen aus. Notwendig ist aber, über den biologischen Egoismus einer Spezies hinaus, zu einem Altruismus mit dem gesamten Organismus Erde zu kommen. Es bedarf eines Systems der dritten, der global-ökologischen Art, in dem sich der Mensch zurücknimmt. Der geforderte Wandel im Verhalten, untrennbar von einem Wertewandel, muss frei­willig erfol­gen - bei jedem von uns. Sollten wir den rechten Zeitpunkt verpassen, steht uns die Gefahr ökologischer, genetisch-unterstützter Diktaturen und ähnlicher Visionen ins Haus.

 

Bevor sich der Mensch gentechnisch manipuliert, schlage ich versuchsweise doch noch fol­gendes Werte- und Verhaltens-Training von A bis Z vor:

 

> Adelung geistiger Arbeit: Schämen Sie sich nicht des Denkens, denn Denken ist Schwerarbeit

> Verständnis für normzerstörende Aggression, wenn sich die Norm als reaktionär entpuppt

> Übungen in Askese, Entsagung und Enthaltsamkeit zugunsten der Mitwelt

> Autovalenz statt Ambivalenz: Entdecken Sie den Balken in Ihrem eigenen Auge

> Buße und Besinnung um des lieben Friedens willen

> Dankbarkeit für das Haben

> Differenziertes und folgerichtiges Denken

> Folgerichtige Diskussionen, die am Thema bleiben und dieses schlüssig und abschliessend behandeln

> Ehrlichkeit statt Lügen, ehrliche Sprache statt Political Correctness, Euphemismen und Schönfärberei

> Eigenverantwortlichkeit statt Bequemlichkeit und Abhängigkeit

> Einsicht und entsprechend konsequentes Handeln statt Rationalisierungen der Unterlassung

> Entglorifizierung des Muttertums zugunsten eines Bevölkerungsrückganges

> Geistige Evolution statt materielle Revolution

> Freiwilligkeit im Handeln statt Manipulation und Mitlaufen

> Hinterfragen von Information statt Glauben und Nachplappern

> BILD und BZ auf den Index

> Intuition statt Instinkt

> Verständnis von Krankheit als Aufforderung des Körpers an den Geist zum Umdenken

> Kreativität statt Nachahmung

> Konstruktive Kritik statt feiger Höflichkeit und falscher Toleranz

> Moral und Altruismus statt Egoismus

> Nein-Sagen zum Ja-Sagen

> Paradigmenwechsel zum Jahrtausendwechsel

> Prävention und Prophylaxe vor Caritas und Reparatur

> Intelligente Provokation als Katalysator zum Verstehen und zur Einsicht

> Realitäten anerkennen statt in Illusionen leben

> Respekt vor sogenannten Dissidenten, Nestbeschmutzern und Spielverderbern

> "Sowohl als auch" statt "entweder oder"

> Ächtung von Seichtigkeiten wie "Mitgefangen, mitgehangen", "Wir können nichts ändern", "Wenn ich es nicht tue, tun es andere" ...

> Sterben lernen und Sterbehilfe anerkennen

> Tabus und Rückzugsgebiete respektieren, auch die der Tiere

> Überzeugen statt Indoktrination

> Unpopularität üben

> Vermeiden von Schäden statt Energieaufwand für Reparaturen

> Vernunftbestimmte Gefühle entwickeln, anstatt sie von unserer Biologie bestim­men zu lassen

> Verstehen von Zusammenhängen, statt spezialisiertes Wissen anhäufen

> Freiwilliger Verzicht

> Vorsicht vor Familienbanden, Herdentrieb, Mobbing, Sippen, Vereinsmeiern, Geheimbünden als Keimzellen für Chauvinismus, Fremdenfeindlichkeit, Patriotismus und Nationalis­mus

> Widerstand gegen Institutionen und Mehrheitsmeinungen

> Ziviler Ungehorsam und Zivilcourage

 

Ich kann mich von Ihnen nur verabschieden mit "Hassen Sie mich nach Herzenslust, aber bitte ändern auch Sie Ihr Verhalten, bevor die Umstände uns Verhaltensänderungen aufzwingen werden." Dann hätten nicht einmal mehr Sie etwas zu lachen.

 

Ihre ebenfalls noch schuldige Ute Becker

 

 

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