artAkus - Essay – 5

 

 

Ute Becker – die Essayistin

 

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Essay 1

Essay 2

Essay 3

Essay 4

Der Rattenfänger von Berlin

 

 

Ute Becker

Wir werfen uns weg

 

 

 

Ute Becker

Schuldig

 

 

 

 

Ute Becker

Die Goldadern von Berlin

 

 

 

Ute Becker

 

 

 

 

Essay 5

Essay 6

Essay 7

Essay 8

Worte schaffen Welten

 

 

 

Ute Becker

Die Erde und ihre Peiniger oder das Zeitalter des Verzichts

 

Ute Becker

Beate berichtet- ein Essay zur Altersarmut

 

 

Ute Becker

Herr Welle -
er kam, nahm und kriegte

 

 

Ute Becker

 

 

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Worte schaffen Welten

Mit zunehmendem Alter verabschieden wir uns von unseren Tagträumen. Wir wissen, dass wir vieles nicht mehr realisieren können. Wir sind nüchtern geworden.

 

 

Ich hielt mir einen vagen Traum in Reserve, vielleicht als lebensverlängernde Maßnahme: das Schreiben. Seit Jahrzehnten wusste ich, dass ich schreiben wollte, schob das Schreiben aber vor mir her in meine scheinbar unbegrenzte Zukunft. Ich wusste nicht, was ich schreiben wollte. Zum Griffel griff ich erst zu Zeiten der Bürgerbewegung. Mit meiner politischen Arbeit und den zahllosen Elaboraten, die wir ausstießen, entwickelte ich Treffsicherheit in Beobachtung und Beurteilung der Dinge sowie Eloquenz.

 

Um vorerst bei den Träumen zu bleiben: Hartnäckig malte ich mir meinen Lebensabend so aus: ich lebe bescheiden und in Frieden, lese, denke und schreibe, am Abend vor einem knisternden Kaminfeuer das obligatorische Glas Rotwein neben mir, Wunschmusik im Raum und mein Kater natürlich schnurrend auf meinen Manuskripten ruhend. Ein Refugium nah an der Natur, aber auch nahe der Zivilisation. Bald glaubte ich, dass Schreiben unter diesen Bedingungen heutzutage eine Illusion geworden sei. Doch während ich das schreibe, mache ich eine erstaunliche Entdeckung: Ich habe mir die ersehnten Bedingungen doch geschaffen! Ich beginne meinen Lebensabend in einer geräumigen Wohnung in Südlage; vor meinen Fenstern ein Garten; statt in einem offenen Kamin knistert Holz in zwei Kachelöfen; Kater Pippo liegt lässig auf den Manuskripten. Ich lebe und arbeite versteckt hinter üppigem Grün, aber mitten in der Großstadt und mit meinem Weinlieferanten ALDI in der Nähe. Nun also zum Schreiben:

 

Mit unseren Gedanken können wir fliegen. Im Vehikel der Worte, besonders mit den geschriebenen, landet der Gedankenflug zwangsläufig auf der Erde, wo er bestenfalls aufrecht stehenbleibt, meistens jedoch eine Bauchlandung macht. Worte sind schnell gesprochen, sie niederzuschreiben ist Fronarbeit. Gedanken sind frei, Schreiben ist Verpflichtung. Gedanken, die wir in unserem Kopf bewegt haben, können wir immer ins Unerhörte zurückstoßen. Dort sind wir nur unserem Gewissen verpflichtet. Gedankenfreiheit kann in Disziplinlosigkeit des Denkens ausarten. Nach­dem ein Autor seine Gedanken als Worte auf Festplatten, Papier und andere Medien gebannt hat, kann eine Öffentlichkeit auf den Autor zurückgreifen, seiner „habhaft“ werden, ihn „festnageln“. Wir Autoren wenden unser Innerstes nach außen. Wir machen uns angreifbar. Und wir liefern unsere geistigen Kinder dem üblichen menschlichen Missverstehen aus, dem Mord durch Zerstückeln, Herausreißen, Zitieren und Klittern. Unsere Schöpfungen können missverstanden, fehlinterpretiert, mystifiziert, missbraucht und Schlimmeres mehr werden.

 

Mit dem Schreiben haben sich unsere Gedanken von uns gelöst, sie entwickeln als Worte ein Eigenleben mit eigener Dynamik. Unsere Worte gehören nicht mehr uns. Wir sind nur noch ihre Urheber. Unsere Worte werden Teil des Gedankengutes unserer Zeit. Das Geschriebene gleicht einer Momentaufnahme aus unzerreißbarem Material. Es wird zur „Geschichte“ – im doppelten Sinne des Wortes. Auch wartet auf unsere Wortschöpfungen und uns ein schreckliches Schicksal: Wir entwickeln uns weiter, das Geschriebene nicht. Ich kann mir vorstellen, dass so mancher Schriftsteller sein Frühwerk nicht wiedererkennt. Unsere Wortschöpfungen sind Seitentriebe unseres Lebens. Sie können uns bei späterer Sichtung durchaus peinlich berühren.

 

Wer schreibt und veröffentlicht, muss also mutig sein.

 

Waren diese Erkenntnisse Grund für mein Zögern? Wann ich denn endlich schrieb– vor allem literarisch? Geduld, liebe Leserin. Ich hatte mir immer ein Gerät gewünscht, das eine direkte Verbindung zwischen meinen Ideen, meinen Gedanken und meiner Hand herstellen würde. Und siehe da: Eines Tages hielt der Personal Computer Einzug in die Gesellschaft. Schnell lernte ich, dass mit Hilfe eines PC die Verbindung von Hirn zu Papier zwar auch nur mittelbar wäre, aber doch sehr viel schneller als per Hand oder Schreibmaschine! So schnell, dass ich einen Teil der Gedanken festhalten konnte. Das Schreiben mit der Tastatur erlaubte mir, mit halbgeschlossenen Augen zu schreiben, um mich, vom Visuellen nicht abgelenkt, auf Gedanken und Ideen konzentrieren zu können. Respekt vor den Schriftstellern und Philosophen, die bei Kerzenlicht, mit Feder und Tinte, in Enge und Kälte ihr erstaunliches Pensum schafften.

 

1990 hielt ein persönlicher Rechner Einzug in mein Arbeitszimmer. Dieser Diener seiner Herrin wurde funktional eingerichtet wie ein Büro – nach dem Motto: „Zeig’ mir Deine Festplatte und ich sage Dir, wer Du bist!“ Ein System wurde entwickelt, um die bisherige Zettelwirtschaft abzulösen, um Notizen, Konzepte schnell im richtigen Verzeichnis unterbringen zu können. Strukturierung und Ordnung bewährten sich so, dass ich immer effektiver zu arbeiten begann. Ärgerliches Suchen gehörte der Vergangenheit an. Mein PC förderte mein Schreiben – welcher Art auch immer. Eine produktive Zweisamkeit begann. Unvergessen der erste Ausdruck eines Gedichtes, gar eines Textes. In dem Maße, in dem ich Ideen, Gedanken festhalten konnte, sah ich meine schreibenden Fähigkeiten wachsen. Auch das ein Beispiel der Nichtlinearität von kreativen Prozessen: sie bedingen sich gegenseitig, schreiten in Spiralen fort. Anders als Papier und Schreibmaschine bot der PC mir ein zusätzliches, anders geartetes Gedächtnis an: Während ich mich unwillentlich subjektiv und selektiv erinnere, erinnert er sich an alles, was ich ihm eingebe. „Selektieren“ kann ich dann willentlich. Der PC und seine Speicher sind die vernünftige Ergänzung zum kreativ Schreibenden.

 

Nach elf Jahren starb mein 386-PC inklusive seines MS-DOS Betriebssystems. Das MS-DOS-Word legte ich ihnen mit ins Grab. Nach einer kurzen Beziehung mit einem 486-PC, Win-95 und WinWord 6.0 ging ich die Ehe mit einem Giga-AMD-PC, dazugehörendem Win-XP und WinWord 2002 ein – wenn es nach mir geht, für den Rest meines Lebens. Als ich den PC einzusetzen begann, verfügte ich bereits über Schreibfertigkeit, die ich mir über Streitschriften und -reden während jahrelanger, politischer Arbeit angeeignet hatte. In zahllosen Gesprächen hatte ich zu meinem Entsetzen festgestellt, dass „Kommunikation“ zwischen Menschen in der Regel auf Missverständnissen beruhte. Diesem Umstand widmete ich erst einmal mein Schreiben.

 

Sprache ist vieldeutig. Die Diskutanten sind nie objektiv oder losgelöst von ihren Emotionen. Das menschliche Gedächtnis ist nicht imstande, sich an einen Gesprächsablauf protokollarisch exakt zu erinnern, was Dialoge meistens scheitern lässt. Menschen diskutieren nicht, sie halten Parallel-Monologe oder reihen eigene Assoziationen an fremde Assoziationen. Dispute verlaufen in der Regel nach dem „Vergeltungsprinzip“: wie du mir, so ich Dir. Die schriftliche Form aber ist verbindlich für die Teilnehmer und dokumentarisch. Das dürfte der eigentliche Grund sein, warum man und frau schriftliche Auseinandersetzungen scheuen. Argumente setzen den emotionsgeladenen Empfänger schachmatt, der sich lieber mit harschen Formen der verbalen Auseinandersetzung schlagen möchte. Sprache versucht, Macht auszuüben, vor allem in Verbindung mit Lautstärke. Schreiben stellt diese Art mündlicher Kommunikation in die Ecke. Intellektuelle sind immer die ersten Opfer von Stammtischen und Diktaturen.

 

Aus Abneigung vor Irrationalitäten war ich Realistin mit Röntgenblick geworden. Ich sah tief in den Rachen des Faktischen hinein. Ich zerrte Wahrheiten hervor, die den persönlichen Wirklichkeiten von Menschen entgegenstanden. Ich entzauberte, ich provozierte. Ich entdeckte Worte als scharfe geistige Waffe. Ich schuf keine Illusionen, ich fabulierte nicht. Mir boten sich der (offene) Brief und der Essay an. Diese Praxis verdarb mich gründlich für literarisches Schreiben. Den argumentativen Schreibstil musste ich mühselig überwinden lernen – muss ich heute noch.

 

Endlich – im dritten Lebensabschnitt wurde der Wunsch übermächtig, auch zu fabulieren, auch zu spinnen. Ich begann mit autobiografisch gefärbten Texten und scheinbaren Fiktionen. Scheinbar, weil ich Realitäten nur festhalten und verkleiden musste. Ich bestahl die Wirklichkeit ständig.

 

Mit dem literarischen Schreiben tragen wir dazu bei, in den Köpfen anderer Menschen neue Welten entstehen zu lassen. Literatur ist ein wesentlicher Bestandteil menschlicher Kultur. Schreiben lässt durch das Rohmaterial Wort vielfältigere Welten erwachsen, als Hände mit Farbe oder Ton sie schaffen können. Das Schreiben lässt sich als „Handwerk“ verstehen mit dem Wort als Rohmasse, dem Denken als Werkzeug, dem Text als Produkt.

 

Der Umgang mit dem knetbaren Material „Wort“ wurde zu meinem favorisierten Ausdrucksmittel. Im Februar 1997 schöpfte ich für einen Wettbewerb aus dem Stand eine ausgewachsene Fiction-Geschichte, die mich beim Schreiben zu Tränen rührte. Das war mein Durchbruch vor mir selber. Ich hatte fabuliert! Ich war hinter eine Figur zurückgetreten. Mit ersten Lesungen wagte ich, andere Menschen in den Bann der von mir erschaffenen Kreaturen und Wirklichkeiten zu ziehen. Magie über Menschen war eine neue Erfahrung für mich. Positive Resonanz, Neugier auf meine Texte gab mir Sicherheit, und diese wiederum schloss neue Türen meiner Phantasie auf.

 

Für das Schreiben von Gedichten hatte ich zu Beginn meines vierten Lebensabschnittes ein wunderbares Vehikel gefunden: das Wandern. Unversehens verhalf mir die rhythmische Bewegung zu der ersten Zeile eines Gedichtes, und wenn die erste Zeile entstanden war, dann gab es kein Entkommen mehr für die Worte: Sie mussten sich für die nächste Zeile und nächste Strophe bereithalten. Die Ausbeute einer Wanderung oder eines Fahrradausfluges konnte durchaus ein ganzes Gedicht sein. Egal in welchem Zustand, das arme Gedicht wurde zu Hause auf die Festplatte gebannt – digitalisiert seiner Vollendung harrend.

 

Es ist schon erstaunlich, welche Zustandsänderungen und Verkleidungen ein Text heute durchlaufen kann, ehe er beim Leser und Zuhörer ankommt: Buchstabe für Buchstabe wird in eine Tastatur eingegeben, die auf geheimnisvolle Weise alles in Nullen und Einsen umwandelt und an unsichtbaren Orten speichert. Auf ebenso geheimnisvolle Weise werden Nullen und Einser wieder in Wörter verwandelt, erhalten zur Tarnung einen hässlichen Namen, was wir auf einem Bildschirm überprüfen dürfen. Dort ist der Text rettungslos, bis zur Vernichtung, unseren grausamsten Trieben ausgesetzt: Zerstückeln, Schlachten, Deportieren, Liquidieren, Trennen, Klonen. Sofern ein Text derartige Torturen überlebt hat, folgen Ausdruck, Korrektur, Ausdruck und so fort. Und schon wieder geht er auf Reisen, entweder auf dem guten alten, geduldigen Papier oder als Nullen und Einsen auf einer kleinen Platte. Gestaltlos wird er über Glasfaserkabel, über Datenautobahnen, elektromagnetische Wellen über den gesamten Globus geschickt. Das Wunder ist, dass er ohne sichtbare Erschöpfungserscheinungen ankommt. Früher war das Erzählen einfach: Immer ein wenig verändert, aber direkt von Mund zu Ohr.

 

Über das Schreiben lernte ich meine Sprache lieben und schätzen. Sie ist reich, aber auch eifersüchtig. Ihren Reichtum offenbart sie nicht jedem. Man und frau müssen sich um sie bemühen, ihr Geschenke darreichen. Ich habe Respekt vor den Menschen, die im Exil ohne den anregenden Umgang in ihrer Muttersprache, gar in der Sprache ihres Gastlandes schreiben mussten. Ich habe Verständnis für Schriftsteller, die die sprachliche Entwurzelung nicht ertrugen.

 

Ich habe über das Was, Wie, Wann des Schreibens sinniert, aber warum schreibe ich? Mein später Einstieg in das literarische Schreiben, meine nicht mehr jugendliche Sprache werden mir nicht Anerkennung, nicht Bekanntheit bescheren. Und dennoch schreibe ich in meinem stillen Stübchen und bin zufrieden, wenn ich jedes Jahr in die eine und andere Anthologie aufgenommen werde. Keine Lorbeeren zwar, aber ein wenig Anerkennung doch. Will ich, die sich für Kinderlosigkeit entschieden hat, mit meinem Schreiben einen kleinen, bleibenden Beitrag zu meiner Zeit leisten?

 

Der eigentliche Grund ist das Formen und Kneten. Sprache ist ein großes Geschenk an die Menschheit. Schreiben ist mir tägliches Brot und geistige Übung geworden, denn Schreiben setzt Konzentration und Denken voraus – und wer denkt, altert nicht. Schreiben scheint aber auch ein lustvolles Gesellschaftsspiel zu sein. Besuchen Sie Buchmessen.

 

Schreiben beruhigt. Mein vierter Lebensabschnitt wird unter dem Zeichen des Wortes stehen. Auch wenn ich in der Zwischenzeit herausge­funden habe, dass und warum ich keinen Roman schreiben werde. Es ist wie mit der Fotografie und dem Film: Momentaufnahmen gegen eine ganze Geschichte in Bildern. Ich photographiere. Mir fehlen die Voraussetzungen für einen Roman: Man muss schon eine gewisse Schwäche für unsere neurotische Spezies haben, um sich auf ihre Verstrickungen einzulassen. Ich bin Einzelgängerin und Junggesellin – wie soll ich es über Monate, gar Jahre in meiner Wohnung mit meinen Romanfiguren aushalten? Romane kann nur schreiben, wer seine Figuren liebt. Ich bin eher beziehungsunfähig. Mein Ding ist Kurzprosa: Nach kurzer Bekanntschaft werden die Episoden in einen Ordner und/oder eine Anthologie abgeschoben. Meine Prosa sind ablegte Beziehungen. Ich bleibe Single. Übrigens: wenn ich eines Tages in eine kleine Wohnung abgeschoben werde: Ein PC hat in der kleinsten Hütte Platz.

 

Ich mache einen letzten Anlauf, um mein wahres Motiv zu ergründen, warum ich schreibe: Ist etwa eine Vorstellung zum Willen geworden? Mein Vater schrieb, während das Radio dudelte, unsere Katze schnurrend auf seinen Akten lag, die er, der Patentanwalt, noch durcharbeiten musste bis in die Nacht, da er von seinem Eheweib oft gestört wurde. Süßlicher Rauchgeruch seiner ägyptischen Zigaretten Nil und Senoussi mischte sich mit süßsaurem Schweißgeruch und füllte den Raum, beständig tropfte graue Asche auf graue Krawatte und grauen Anzug. Viele Attribute, die ich gar nicht mochte, dennoch gehörten sie zu den raren Momenten familiären Friedens, die sich mir unauslöschlich einprägten, während ich ihm in seiner Kanzlei Gesellschaft leistete. Will ich mit dem Schreiben nur dieses Bild nachzeichnen und konservieren? Auch das Schreiben eine kindliche Prägung?

 

 

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