artAkus - Essay – 8

 

 

Ute Becker – die Essayistin

 

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Essay 4

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Ute Becker

Schuldig

 

 

 

 

Ute Becker

Die Goldadern von Berlin

 

 

 

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Essay 5

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Essay 8

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Ute Becker

Die Erde und ihre Peiniger oder das Zeitalter des Verzichts

 

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Beate berichtet- ein Essay zur Altersarmut

 

 

Ute Becker

Herr Welle -
er kam, nahm und kriegte

 

 

Ute Becker

 

 

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Herr Welle - Er kam, nahm und kriegte

 

 

Es gibt viele Wellen, die einen überrollen können, Wellen, in denen man ertrinken kann. Im Hoch­sommer 2010 überrollte ein Tsunami der besonderen Art ein stattliches Mehrfamilienhaus in der Nähe des S-Bahnhofes Charlottenburg: Ein neuer Hauseigentümer übernahm Haus, Hof und Mieterschaft. Nennen wir ihn also „Herr Welle“.

 

Bewohner des Kiezes nördlich der S-Bahntrasse hatten viele Jahre lang für die Schaffung eines grü­nen Platzes gekämpft und seine Gestaltung aktiv durchgesetzt. Es war Zeit für die Wertschöpfung. Nein, nicht etwa für die Anwohner! Im Gegenteil: profitieren sollten im Zuge der allgemeinen Aufwer­tung der westlichen Innenstadt und der deutschen Hauptstadt allgemein die Hauseigentümer, bluten die Anwoh­ner. Es wurde Zeit, einen früher anrüchigen Kiez zur „guten Wohnlage“ zu adeln und weiter den Rah­men bezahlbarer Mieten zu sprengen. Der helle Herr Welle kam also nicht ohne Absichten.

 

Bei seiner Übernahme des weiträumigen Hauses standen mindestens drei Wohnungen leer. Herr Welle war ein Glückspilz. Diese Zweizimmerwohnungen gingen weg wie „Coffee to go“; versteht sich: mit horrenden Mietpreissteigerungen. Herr Welle flankierte die Mietsteigerungen, die den neuen Mie­tern verborgen blieben, mit Ankündigungen von weiteren Modernisierungsumlagen. Das 30-jährige Westdeutschland und das Ausland, das Einzug hielt, waren, was Mietpreise betraf, so verdorben, dass sie Berliner Mieten als „preiswert“ und die legitimen Bestandsmieten fast als „Unrecht“ erachte­ten. Sie wussten nichts vom jahrzehntelangen Westberliner Kampf für bezahlbare Mieten, nichts davon, dass Hauseigentümer einst wegen „Wuchers“ belangt werden konnten, nichts davon, dass auch die Bestandsmieten für die notwendige Instandhaltung ausreichten, wenn man sie denn in das Haus und seine Substanz investierte. Und Modernisierungen mussten eh und je von den Mietern getragen werden.

 

Das große Mehrfamilienhaus war eine verlockende Goldgrube. Zu viele große Wohnungen waren noch zu legalen Mieten vermietet, die weit unter den Vorstellungen des Herrn Welle lagen. Kurzer­hand wurden Haus, Hof, der von Mietern kostenlos angelegte und gepflegte Grünbereich und natürlich das Wohnumfeld mit Schloss, Lietzenseepark und Ku’damm als „hochwertig“ deklariert. Jede alte Kieferndiele konnte und sollte versilbert werden, jeder Messingbeschlag, jedes schüchterne Stuck­element? „Hochwertig“ natürlich! Instandsetzungen wurden probehalber als „Modernisierung“ lanciert, um die Bestandsmieten so schnell wie möglich auf das angestrebte Mietniveau hochzuhebeln. Alles in dem stattlichen Haus wurde vermarktet. Erste Mieter strichen die Segel, gaben ihre Wohnungen auf über ein Sonderkündigungsrecht, aber keineswegs freiwillig. Andere ließen sich verklagen. Man harrte der Dinge, die Herr Welle über die Mieterschaft ergießen würde. Ihm und seinem Traum der Neuvermie­tungen dauerte das alles zu lange. Doch gegen derartige Renitenz gab es probate Mittel:

Zum Einsatz kamen professionelle Schikanen und Psychoterror durch die Hausverwaltung gegen Mieter, die man dort in „Gutwillige“ und „Böswillige“ einteilte. Wer sich lukrativeren Mietzahlungen verweigerte und auf gerechtfertigten Mietsteigerungen bestand, war ein „Böswilliger“ und das waren fast alle „Altmieter“, die Herr Welle unverdrossen gegenüber der neuen Mieterschaft anprangerte. Er schämte sich nicht, sogar die von ihm so genannten „Böswilligen“ zu stigmatisieren, indem er ihren Wohnungstüren den neuen Anstrich versagte, den er den „Gutwilligen“ angedeihen ließ. Jetzt konnte jeder erkennen, wo die „bösen Buben“ in seinem Haus wohnten. Wird er noch ein „Zeichen“ an deren Türen setzen? Herr Welle rekrutierte tatkräftige Unterstützung aus dem Kreis der „Gutwilligen“, die wir noch vorstellen werden.

 

Innerhalb des ersten Jahres seiner Regie im Haus hatte Herr Welle ein Drittel der gesamten Mieterschaft mit Drohungen, Verleumdungen, Klageandrohungen, versuchten fristlosen Kündigungen, mit überzogenen Mieterhöhungsverlangen, mit Klagen wegen angeblich unerlaubter Untervermietung, wegen Betruges (gerechtfertigte Mietminderungen), mit irrationalen Verboten, sogar Kommunikationsverboten und anderen Repressalien aufgeschreckt, eingeschüchtert und kriminalisiert. Er ließ Handwerksfirmen und Hausmeister gegen missliebige Mieter aussagen. Mit der Androhungen von Sanktionen wurde auch ihnen die Kommunikation mit den „Böswilligen“ untersagt.

 

Herr Welle hatte wenig Erfolg mit seinen Klagen, zerrte aber erfolgreich an den Nerven der auf der Abschussliste stehenden Bewohner. Seiner Zermürbungstaktik war nicht jeder gewachsen. Alsbald drängte er Kranke und Lahme aus dem Haus heraus, zahlte ihnen lächerlich niedrige Abfindungen. Rechtzeitig starben zwei weitere Mieter. Mietaufhebungsverträge schoben im Winter 2010/2011 die ersten Kühe vom Eis, was im Frühjahr 2011 Herrn Welle drei weitere freie Wohnungen bescherte. Nach der Sanierung dieser Wohnungen stiegen ihre Mieten auf über 10,-- € pro Quadratmeter, ver­doppelten sich, übertrafen das Niveau des Mietspiegels bei weitem – wahrhaftig „hochwertige“ Mieten. Im größten Aufgang jenes Hauses war die Hälfte der Mieter ausgewechselt: zehn von zwanzig. Das Geschäft mit der „Ware Wohnung“ florierte.

 

Herr Welle, der Helle, war ausgezogen, um Mietern, die das Haus zu ihrer Heimat gemacht hatten, das Fürchten zu lehren. Das umso effektiver, als sich für sein Wohnungsfreimachungsprogramm und die dazu notwendigen Repressalien ein alteingesessenes Rentner-Ehepaar angeworben hatte, bisher informelle Mitarbeiter (IMs) der Hausverwaltungen, das Herr Welle mit der Hausübernahme dankbar zu seinen formellen Mitarbeitern (FoMs) machen konnte. Er kaufte mit ihnen Experten in Mobben, Diffamieren und Denunzieren ein. Jetzt hatten sie den lang ersehnten „Überbau“, unter dem sie nach Herzens Lust und mit vollem Einsatz als willige Vollstrecker agieren konnten. Jetzt hatten sie die „richtige“ Hausverwaltung, unter der sie ihren Traum von der Mieterschaft der angepassten, solventen „Gutwilligen“ realisieren konnten. Gefährlich waren nicht so sehr ihre „Beobachtungen“ über Mieter, mit denen sie Herrn Welle ausstatteten, als vielmehr ihre „Interpretationen“ derselben. Herr Welle überließ dem Ehepaar die Deutungshoheit, kam ihm deren Schädlichkeit für die Diffamierten doch gelegen. Die FoMs gaben den Mietern den Rest, die auf der Abschussliste standen. Zur Belohnung durften sie anschließend die freigemachten Wohnungen im Internet anbieten und in realiter vorführen, wenn auch nicht als „Makler“, so doch sich der gelungenen Vertreibung erfreuend.

 

Herr Welle war ein Glückspilz. Seine Pläne gingen nach und nach auf. Ihm bereitete nur ein Schön­heitsfehler Magenschmerzen: das Haus beherbergte einen alten „Mieteraktivisten“, wie ihm die FoMs mitteilten. Der war der Erste, den Herr Welle in der Mitte des Jahres 2010 „heimsuchte“. Dieses gefährliche Subjekt war zwar schwerkrank, dennoch biss sich Herr Welle quasi an dem Wehrlosen fest. Er ließ ihm eine regelrechte „Sonderbehandlung“ angedeihen. Aus der Verdrängung wurde die „Mietervertreibung“. Zum Zweck dieses Endziels schlug Herr Welle gnadenlos zu: Er nahm dem unliebsamen Subjekt eine Funktion von Wohnung und Umfeld nach der anderen, bis diese ihm nur noch als belastendes, von horrenden Mietsteigerungen bedrohtes Gefängnis blieb. Selbst das alte Haustier nahm die Bedrohung seiner friedvollen, behüteten Existenz war und bereitete sich auf seinen Tod vor, der zeitgleich mit dem Mietaufhebungsvertrag eintrat. Sein Hüter hatte die Segel gestrichen und sich auskaufen lassen mit einer Abfindung, der höchsten im Haus zwar, aber immer noch zu niedrig.

 

Wir fragen hier nicht nach der moralischen Verfassung eines Hauseigentümers, der innerhalb eines Jahres ein Drittel der Mieterschaft in Existenzangst versetzt. Der Fall ist klar: „Man“ will vermarkten, was zu vermarkten sei. Turbo-Kapitalismus hat in der Hauptstadt Platz genommen. Die Wohnung ist eine „Ware“ geworden und Wohnungen gelten als krisensichere Geldanlage. Reiche Griechen fliehen Heimat und Steuerbehörden und kaufen Eigentumswohnungen im Berliner Altbau auf. Nicht nur sie.

 

Wir fragen aber nach der moralischen Verfassung eines wohlhabenden Rentnerpaares, das, Nach­barn diffamierend, das Feld bereitet für die Austreibung einer weniger zahlungskräftigen, alteingeses­senen Mieterschaft, um durch überflüssige Hochmietensanierung und prätentiöse Luxusmodernisie­rung ihre eigene, weniger hochwertige Herkunft zu adeln und ihre Missetaten unter den Teppich der neuen Generation im Haus kehren zu können. Das Ehepaar hatte den Ernstfall, der mit der Über­nahme des Hauses durch Herrn Welle eingetreten war, über Jahre sorgfältig vorbereitet.

 

Wie wir sehen, ist es möglich, mitten in Friedenszeiten, mitten in der Geburtsstadt seine Heimat zu verlieren. Herr Welle kriegt weiter, aber wird er in Zukunft noch alles „kriegen“?

 

 

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