artAkus - Kater, Katz’ & Co - 2

 

 

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Der Kleine Medizinmann

Ute Becker

 

 

Er lag lässig unter dem Flieder im Garten ausgestreckt und lauschte den feinen Geräuschen der Morgendämmerung. 250 Menschen schliefen noch in dem großen Haus. Die Blechma­schinen vor der Tür waren nicht mehr als ein fernes Heulen. Er dachte: „Ein Rudel Wölfe im Dauerstress“. Im großen Innenhof des Mietshauses herrschte Tierzeit. Der Hof und seine Klänge gehörten jetzt ihm, den Feldmäusen und den Vögeln, die er nicht gefangen hatte. Er drehte seine Ohren in alle Richtungen. Es herrschte Frieden - bis die lärmenden Menschen aufwachen würden.

 

Seine Patientin lag in gutem Schlaf, wie er pflichtgemäß festgestellt hatte. Er durfte philo­sophieren, an seine wilden Vorfahren denken, dann an den Preis, den er bezahlt hatte für diese Anstellung: Leibarzt einer alleinstehenden Menschenfrau.

 

Seine Mutter lebte als Sklavin in dieser Stadt. Geboren von einer Sklavin, um Sklavin zu werden: Gebärsklavin. Sie musste ihn und seine vielen Geschwister werfen. Sie wurden ihr entrissen und auf einem Sklavenmarkt in einen Käfig gesperrt, an dem ein Schild hing: „Europäische Hauskatzen - je 150,- Mark“. Er blieb als letzter im Käfig, rollte sich auf seinen Tigerrücken, bäumte seinen Wildkatzenbauch auf, schob seine vier schwarzen Sohlen durch die Gitterstäbe und sehnte sich nach allem, was außerhalb dieses Gitters lag.

 

Und siehe da, wie von einem Band gezogen, kam die Frau auf den Sklavenmarkt. Seine Augen hypnotisierten sie, sie sah ihn, er schnurrte, sie hörte ihn, geigte den Sklavenhaltern ihre Meinung über die Ausbeutung von Tieren, bezahlte aber den Preis und löste ihn aus dem Käfig aus.

 

Er wurde Leibarzt dieser Frau, bei freier Kost und Logis. Die Privatklinik bestand aus einer Drei-Zimmer-Wohnung im Parterre - mit Garten, der fortan sein Garten war. Er wurde in seine Arbeit eingewiesen. Sie bestand in Schnurren und Fellpflege. Er durfte die Welt der Frau vollschnurren, wo, wann und wie viel immer er wollte. Sie holte sich sein Schnurren portionsweise ab, indem sie über sein gepflegtes, dichtes Fell strich oder ihren Kopf auf seinen Bauch legte, ihn im Nacken oder an der Gurgel kraulte. Er hatte nichts dagegen. Er liebte es, gestreichelt zu werden. Ein Vertrag auf Gegenseitigkeit. Ihr waren seine kräftigen, tieffrequenten Schwingungen die liebsten Klänge der Welt. Leider konnte er seine akusti­sche Medizin nicht mehr patentieren lassen. Feliden schnurrten bereits seit vielen Tausenden von Jahren die Menschen gesund. Da war nichts Neues mehr dran.

 

Er hatte eine angenehme Arbeit bekommen, musste aber einen hohen Preis zahlen: Er wurde zum Kastraten gemacht. Wie gern hatte er neben ihrem Ohr auf das Kopfkissen gepullert und seine aufkeimende Männlichkeit in Haus und Garten verströmt. Das aber war zu viel des Tierischen. Man erzählte, es gäbe zu zahlreiche Artgenossen in der Stadt. Hinter jeder Tür sollen sie gehalten werden - seine Konkurrenten. Außerdem gäbe es kaum rollige Weibchen. Man munkelte von Labors außerhalb der Stadt, in denen Versuche mit sei­ner Spezies gemacht würden, und von einem großen Lager mit tausenden asyl­suchenden Feliden.

 

Es gab keinen Zweifel daran, dass die Leibeigenschaft der beste Schutz für die Feliden in der Stadt war. Also war er Leibeigener. Zu seinen Lebzeiten würde sich an ihrer Abhän­gigkeit vom Menschen sicher nichts mehr ändern. Im Gegenteil. Sehen sie doch mal, was aus dem Wolf geworden ist, der sich dem Menschen tausende Jahre früher unterworfen hatte.

 

Tierzüchter, Eugeniker werden den Bestand seiner Spezies sichern. Sie werden an den wert­vollen Genen der Feliden herumfummeln. Es soll doch tatsächlich Genossen ohne Fell geben! Arme nackte Vierbeiner für perverse, nackte Zweibeiner! „Meine Artgenossen, die schön­sten Sklaven der Welt! Noch!“, dachte er und pflegte sich. Er konnte mit seinem Los zu­frieden sein.

 

In diesem Augenblick schrillte seine innere Alarmglocke. Seine Patientin war in Gefahr. Es war 5.30 Uhr morgens, und gerade war ein Nachbar trunken nach Hause gewankt. Aus dessen Fenstern waberten plötzlich tumbe, monotone Rhythmen. Der Zauber des unberührten Morgens war gebrochen. Der Kleine Medizinmann spurtete zum Fenster seiner Privatklinik, scharrte mit seinen Hinterläufen, wackelte dabei mit seinem Hintern, sprang, machte einen hinterbeinigen Zwischenstop auf dem zinkenen Fensterblech und schnellte weiter durch das schräg gestellte Fenster in die Wohnung seiner Schutzbefohlenen hinein.

 

Er federte zielstrebig über kalte Fliesen durch die Künstlerwerkstatt, über warme Fußbo­dendielen durch den Flur, über den Tritt dämpfenden Berberteppich im Atelier, lief im Schlafzimmer über den Buchara-Teppich, an dem er jetzt nicht seine Krallen schärfte, und sprang auf das breite Bett, diese begehrte Federlandschaft mit warmen Hügeln und Tälern.

 

Dort lag die Frau. Sie war durch die unsinnlichen Schallwellen aus der Nachbarwohnung auf­geweckt und aufgeschreckt und rang um den verloren gegangenen Gleichklang des Schlafes. Die Schwingungen ihres Körpers signalisierten eine Kreatur in Not. Der Kleine Medizin­mann drehte sich einmal nach Norden, dann nach Osten, dann nach Süden. Ihr Kopf lag Richtung Westen. Aus diesem Kopf schrie es förmlich nach Hilfe und er war verschwitzt. Angst und Panik rochen säuerlich. Der Kleine Medizinmann inspizierte den Zustand der Kissen und fand ihn geeignet für seine Therapie.

 

Er ließ seinen Luxuskörper in magischen Verdrehungen halb auf dem Kissen, halb auf dem Kopf der Patientin nieder. Sie wimmerte kurz vor Wonne und Dankbarkeit über sein Er­scheinen. Er erwiderte den Gruß mit einem Geräusch, das dem einer rostigen Nähmaschine ähneln würde, wenn es denn eine solche gäbe. Dann warf er seine akustisch-taktile Kehlkopfma­schine an und achtete auf den baldigen Gleichklang der Schwingungen.

 

Seine Schutzbefohlene begann wieder gleichmäßig zu atmen. Ihre geballten Fäuste öffneten sich langsam. Ihr gespannter Körper vertraute sich der Schwerkraft an. Tränen der Erleichterung sickerten in die Winkel ihrer Augen. Ein tiefes Seufzen und bald war sie wie­der eingeschlafen. Der Kleine Medizinmann verströmte seine vibrierende Medizin in ihren Körper, bis er selbst in einen kurzen Schlaf fiel. Auch ihm behagte diese Ruhestätte, beson­ders nach einer derartigen Anstrengung.

 

Die dumm wummernden Bumm-Bumm-Rhythmen des trunkenen Spätheimkehrers waren aus den Räumen seiner Schutzbefohlenen verbannt.

 

 

© Copyrights by Ute Becker - Berlin

Veröffentlicht in:

Durch die kalte Küche 1998, Hrsg. Jochens, OMNIS Verlag Berlin, 1998, ISBN 3-933175-09-7, 10,-- Euro

 

 

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