Bürgerinitiativen - Citizens Action Committees - 2

 

 

Ute BeckerAktivistin und Chronistin von Citizens Action Committees

 

Urheberrechte und Copyrights verbleiben bei der Autorin Ute Becker.

 

Dreißigjähriges Jubiläum der Bürgerinitiativarbeit am Stuttgarter Platz

Vor ungefähr 30 Jahren riefen Bewohner des westlichen Stuttgarter Platzes die Nachbarschaftsinitiative Stuttgarter Platz ins Leben und gestalteten den Platz zwischen S-Bahntrasse, Rönnestraße, Leonhardtstraße und Windscheidstraße zu einem urbanen Platz. artAkus war dabei. Umgehend siedelten sich neue Kneipen an.1983 wurde der Platz begrünt. Von dann an gab es kein Halten mehr: Heute sind sämtliche Ladenräume mit gastronomischen Stätten belegt. Dieser Platzcharakter strahlt auf die Leonhardtstraße aus und allmählich auch auf den mittleren Stuttgarter Platz zwischen Windscheidstraße und Kaiser-Friedich-Straße.

Noch ist der Stuttgarter Platz bis zur Wilmersdorfer Straße nicht begrünt ...

 

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Wenn Sie artAkus neueste Aktivitäten zum Stuttgarter Platz kennenlernen wollen,
blättern Sie weiter zur Seite Arbeitsgruppe  Stuttgarter Platz 28

 

 

Chronik 1

Chronik 2

Chronik 3

„Ein herrschaftliches Zwillingspaar am Stuttgarter Platz

 

Chroniken der Häuser Nrn. 15 und 16

 

 

Ute Becker

Die Nachbarschaftsinitiative Stuttgarter Platz e.V. –
Bewohner planen den westlichen Stuttgarter Platz – 1978 bis 1999"

 

Ute Becker

Die "Mietergemeinschaft Stuttgarter Platz 16" -
1977 bis 1991

 

 

Ute Becker

Arbeitsgruppe Stuttgarter Platz 28 in der BI Stutti

 

Ute Becker

IKL – Initiative Kiez Lewisham

 

Ute Becker

 

 

 

 

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Die "Nachbarschaftsinitiative Stuttgarter Platz e.V."
Bewohner planen den westlichen Stuttgarter Platz - 1978-1983" - Eine Chronik

 

Die "Nachbarschaftsinitiative Stuttgarter Platz" - angesiedelt am westlichen Stuttgar­ter Platz, nördlich des S-Bahnhofes Charlottenburg - hatte sich 1978 mit fol­gendem Ziel gegründet: Sie strebte für die am Platz ansässigen Bewohner urbanes Wohnen an durch die Schaffung eines bewohnerfreundlichen Umfeldes in Zusammenarbeit mit den Behörden und mit anderen interessierten Kreisen.

 

Der 1979 gegründete Verein gleichen Namens verfolgte ausschließlich gemein­nützige Zwecke durch:

a) Förderung und Pflege des Nachbarschaftsgedankens, wodurch die Solidarität der Bürger und ihr Verantwortungsgefühl für ihren Stadtteil entwickelt und erhalten wer­den soll;

b) seinen Einsatz für die Erhaltung der vorhandenen Wohnungs- und Bausub­stanz;

c) die Verbesserung des Wohnumfeldes, z.B. durch Errichtung von Kinderspiel­plätzen, Gestaltung des Straßenraumes, Mitwirkung bei der Schaffung von verkehrsberuhig­ten Bereichen;

d) Aktivierung der Bürgerbeteiligung an der städtebaulichen Planung (§ 2a Bundesbaugesetz);

e) die Integration aller Altersgruppen im Stadtteil;

f) die Unterstützung der Bewohner bei der Bildung von Hausgemeinschaften und Hilfestellung bei Mietproblemen.

 

Wie fing das alles an?

Anfang Februar 1978 beschließen Mitglieder der Initiative "Kaffee und Kuchen" aus der Windscheidstraße, ein weiteres Problem in ihrem Wohnumfeld in Angriff zu neh­men. Die Anwohner haben davon gehört, daß das Bezirksamt Charlotten­burg (BA) den westli­chen Teil der Straße "Stuttgarter Platz" zwischen Wind­scheid-, Leonhardt- und Rön­nestraße umge­stalten will. Die Umgestaltung ist ohne die Einbeziehung der Anwohner geplant.

 

Die Initiative aus der Windscheidstraße stellt im ZITTY-Heft Nr. 4/78 ihre bishe­rige Arbeit gegen die Geruchsbelästigungen einer Kaffeerösterei vor, aber auch die Initiative für den Platz. Sie äußert den Willen, die Rechte des Bürgers bei dessen Gestaltung wahrzunehmen und weitere Mißstände aufzugreifen, um zu einer von der Basis bestimmten Demokratie beizutragen. Zu der Initiative ge­sellt sich von Anfang an ein Vertreter des Freitagsplenum aus dem LADEN in der Holtzendorffstraße 14. Es setzt sich aus Mitgliedern der Jungsozialisten der Abteilung 5 in Charlottenburg und anderen sozialistischen und antifaschistischen Gruppen zusammen. Ihr Organ ist die Rote Basis Fünf, Zeitung der Jusos seit 1973. Sie sagen voraus, daß eine Umgestal­tung, sprich Aufwer­tung, des Platzes auch eine Mietervertreibung durch Mieterhö­hungen mit sich bringen werde.

 

Das erste Flugblatt der Initiative lädt zum Treffen weiterer interessierter Anwoh­ner am 12. Februar 1978 ins Kino "Klick" ein. Die bereits aktive Initiative "Stop dem Durchgangsverkehr in der Rönnestraße" ist anwesend, Vertreter des Frei­tagsplenums wie auch Anwohner. Die phantasielosen Vor­schläge des BA wer­den kritisiert. Eine erfolgreiche Platzgestaltung in Stuttgart unter Mitbeteiligung der Anwohner wird vorgestellt.

 

Das Flublatt Nr. 2 berichtet den Anwohnern über dieses Treffen. Es gibt jetzt 4 Ansprechpersonen, und es haben sich 4 Arbeitsgruppen (AG) gebildet - Platz­gestaltung - Verkehrsplanung - Öffentlichkeitsarbeit - Stadtentwick­lung/rechtliche Grundlagen -, die sich alle 14 Tage treffen werden. Dazwischen soll das Plenum alle 14 Tage tagen. Das erste am 16. Februar 1978 im LADEN in der Holtzendorffstraße 14.

 

Die Arbeit der Initiative beginnt

Im ersten Plenum geben sich die AG's folgende Arbeitsschwerpunkte:

Öffentlichkeitsarbeit: Flugblätter, persönliche Kontakte mit den Anwohnern, Informa­tionen, Stände, Feste, Pressearbeit, Briefe an Baustadtrat Dr. Körting (SPD) und das Bezirksamt.

Platzgestaltung: Bau eines Modells, Recherche der Altersstruktur im Kiez, bau­liche Maßnahmen, Platzmobilar, Einbeziehung der Straße als Wohnbereich, Vari­anten der Platzgestaltung.

Verkehrsplanung: Kontakte zur BVG, zur Initiative "Stop dem Durchgangsver­kehr", zum Landesverband der BI's, Analyse der Parkplatzsituation, des Quell-, Ziel- und Durchgangsverkehrs, Möglichkeiten der Verkehrsberuhigung.

Stadtentwicklung: Befassung mit gesetzlichen Möglichkeiten, Bebauungsplan, S-Bahnhof, Reichsbahngelände, Verkehrszählung, Beschaffung von Geldern.

 

In weiteren Besprechungen erkennt man die Notwendigkeit zur Befragung des Klein­gewerbes und der Anwohner. Ein Emblem für die Initiative soll entworfen werden. Der Kandelaber wird als Symbol ausgewählt.

 

Am Anfang März 1978 wird der Initiative die Arbeit des Senators für Bauen und Wohnen (SenBauWohn) zum Thema "Verkehrsberuhigung" am Beispiel der Hildegard­straße bekanntgemacht. Ihr Initiator im Senat, der Verkehrsplaner und -beruhiger Claus Dyckhoff, soll eingeladen werden. Der Kontakt zum BA und zu den Be­zirksverordneten setzt ein. Ein Brief an Baustadtrat Dr. Körting (SPD) macht ihn mit der Gründung der Anwohner-Initiative bekannt sowie deren Wil­len, ein eigenes Gestal­tungskonzept zu erarbeiten, da die Bürgerbeteiligung rechtlich im BBauG § 2a (1) und (2) verankert sei. Die Forderung nach rechtzei­tiger und ausreichender Information durch das BA wird aufgestellt.

 

In der Initiative werden Verkehrsführungskonzepte über den westli­chen Teil des Stuttgarter Platzes diskutiert, in denen dem Fußgänger der absolute Vorrang gegeben wird. Das Auto soll verdrängt werden. Die Platzgestaltung wird nicht in den Zusammenhang mit der Umgebung gestellt und deshalb ih­re Auswirkungen auf benachbarte Bereiche vernachlässigt.

 

Am 2. März 1978 bekommt die Initiative ihren Namen: NACHBARSCHAFTS­INITIATIVE STUTTGARTER PLATZ (NI Stutti). Sie will sich da­mit von einer Bür­gerinitiative insofern unterscheiden, als sie abgeschlossene Arbeiten überdauern und neue Probleme im Stadtteil anpacken will. Die Koordination zwischen den AG's ist schlecht. Daten und Statistiken liegen noch nicht vor. Es schält sich die Notwendigkeit heraus, mehr zu Entscheidungen mit den Anwohnern zu kom­men. Die NI Stutti beschließt den Bau ei­nes Modells vom Platz. Ein Stand auf dem Platz unter dem Kandela­ber und Gelder müssen beantragt werden. Die AG Stadtentwicklung muß das Pro­blem der Verkehrsführung über den neuen Platz vertiefen, die Führung der Busline 21, die Zufahrt für Müllabfuhr, Feuerwehr und Zulieferer.

 

Von der Ausschreibung eines Wettbewerbs zur Platzgestaltung wird Abstand genommen. Der Anwohner soll zu Wort kommen. Da der Kontakt zu ihm schlecht ist, wird eine Befragung vor­geschlagen. Das Flugblatt Nr. 2 appelliert noch einmal an die Mitarbeit der Anwohner im Plenum. Mitte März 1978 werden die Befragungsbögen ausgearbeitet - mit Vor­schlägen und Fragen zur Gestaltung des Platzes, aber ohne alternative Vorstellungen zur Verkehrsführung.

 

Die NI Stutti erfährt vom bevorstehenden Erscheinen eines Verkehrsentwicklungspla­nes des Senates. Ende März 1978 beschließt sie die engere Zusammenarbeit mit der "NI Stop dem Durchgangsverkehr aus der Rön­nestraße". In jenem Bereich hat der Senat wegen des Internationalen Congress Centrums (ICC) Verkehrszählungen durch­führen lassen. Von der NI Stutti wer­den Blockstatistiken zur Umgebung eingeholt. Die Herausnahme der Buslinie 21 aus der Leonhardtstraße und seine Umleitung wird als Problem erkannt.

 

Das BA ist zu einem Werkvertrag über 1.000,-- DM zwecks Modellbau vom Platz bereit. Die NI Stutti beschleunigt den Bau, um Ende April 1978 während der Ver­kehrsberuhigungs-Ausstellung im Rathaus Charlottenburg etwas vorzei­gen zu können.

 

Das Flugblatt Nr. 3 fordert die Anwohner auf, Ende April 1978 zur Einweihung von Informationsstand und Modell auf dem Platz zu kommen. Neben dem Ist-Zustand werden 5 andere Möglichkeiten der Verkehrsführung über den west­lichen Stuttgarter Platz vorgestellt. Die Anwohner dürfen mit Knete den Modell­platz gestalten, aber sie trauen sich nicht recht. Anfang Mai 1978 genehmigen Tiefbauamt und Polizei den Informationsstand unter dem Kan­delaber.

 

Die Befragungsbögen der Anwohner werden ausgewertet. Im Laufe des Mai 1978 werden sie nur noch über 4 Verkehrsführungen befragt. Die Beteiligung ist jedoch nicht ausreichend. Da das BA die beiden Initiativen zu einer Bauausschußsit­zung im Juni 1978 eingeladen hat, beschließt die NI Stutti ein Flugblatt mit dem Ap­pell an die Anwohner, sich gemeinsam für ein Verkehrs­konzept am Platz zu entschei­den, um - darauf gründend - zielstrebig an die eigentliche Gesaltung des Platzes ge­hen zu können. Dieser Appell an die Anwohner unterbleibt aber.

 

Stattdessen überrascht die FDP die Anwohner des Stuttgarter Platzes mit einem Flugblatt, in dem sie ebenfalls die Vorschläge des BA kritisiert, sich mit ihren Vorschlägen jedoch in den Verruf des Ideenklaus bringt. Die Wah­len stehen an. Am 19. Mai 1978 schreibt die NI Stutti der FDP in diesem Sinne einen Of­fenen Brief.

 

Ende Mai 1978 werden 3 Arbeitsgruppen gebildet, um eine Informations-Bro­schüre der NI Stutti zu erstellen. Mit ihr will sie sich den Behörden und dem Bauausschuß am 13. Juni 1978 stellen. Anfang Juni 1978 ist die Broschüre - in Zusammenarbeit mit der "NI Stop dem Durchgangsverkehr" - fertig: Eine kurze und bündige Information über IST und SOLL am westlichen Platz und den angrenzenden weiteren Bereich. Pläne unterstützen die verbale Darstellung. Die NI Stutti ist von ihrem Platz-Egoismus abge­kommen. Sackgassen für Autofahrer gelten nicht mehr als Ideal-Zustand. Die planeri­sche Isolation ist aufgehoben.

 

Die Initiative, das Bezirksamt Charlottenburg und die Öffentlichkeit

Am 13. Juni 1978 stellen sich die beiden Initiativen dem Bauausschuß vor. Die Fraktionen sind nicht auf den Informations­stand der Anwohner gefaßt. Baustadt­rat Dr. Körting (SPD) macht sich die Über­raschung zunutze und verspricht Zusammenarbeit des Amtes mit den Initiativen so­wie kurzfristig mögli­che Ver­kehrsberuhigung an der Kreuzung Dernburg-, Rönne-, Suarezstraße, dem Dern­burgplatz vor dem südlichen Eingang des Lietzensee-Parkes, da die Bürgersteige ohnehin durch GASAG-Arbeiten aufgerissen seien. Der Verkehrs­beruhiger Claus Dyckhoff liefert den Initiativen Beistand. Ein internes Gespräch zwi­schen der NI Stutti, Baustadtrat Dr. Körting und dem Tiefbauamt wird geplant. Der Tages­spiegel und die Morgenpost berichten am nächsten Tag über die Planung am Stutt­garter Platz.

 

Bei dem Gespräch mit Baustadtrat Dr. Körting, dem Tiefbauamt und der Stra­ßenverkehrsbehörde vor den Sommerferien am 21. Juni 1978 besteht eine weitgehende Übereinstimmung zu den Plänen im Sinne der NI Stutti. Lediglich die Bauverwaltung zieht alle Register ihrer Bedenken, anstatt sich auch zu ersten Schritten der Vekehrsberuhigung zu ent­schließen. Ein Planer im Tiefbauamt, Herr Träger, wird daher nach Essen geschickt, um vor Ort Versuche der Ver­kehrsberuhigung zu studieren. Baustadtrat Dr. Körting verspricht ein nächstes Treffen und will dann konkrete Planung zur Platzgestal­tung sehen.

 

Das lang geplante Nachbarschaftsfest war auf den 8. Juli 1978 festgelegt wor­den. Eine eigene Arbeitsgruppe sollte sich um die Ausgestaltung kümmern. Am 11. Juni 1978 tagt sie zum ersten Mal und sieht sich überlastet. Jetzt wird das ganze Plenum für die Organisation gebraucht. Am 16. Juni 1978 setzt die drei­wöchige Auseinan­dersetzung mit ca. 6 Behörden wegen aller Genehmigungen für das Fest ein. Sie zie­hen sich bis zum letzten Tag hin. Geld ist keines vorhan­den, gebraucht wird aber viel. Sondermittel der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Charlottenburg werden in letzter Minute, am 23. Juni 1978, beantragt. Der Informationsstand wird wieder auf dem westlichen Platz aufgebaut. Die Fra­gebögen werden von den Anwohnern ausge­füllt, aber mäßig, vielmehr findet das mündliche Gespräch anhand des präsen­tierten Informationsmaterials statt. Mit dem Flugblatt Nr. 4 wird die Anwohnerschaft über die beiden Besuche im BA informiert.

 

Endlich erklärt SenBauWohn das Fest zu einem Informations-Fest öffentlichen In­teresses im Sinne der Anliegernutzung. Dadurch fallen Gebühren über 1.500,-- DM vom Tiefbaumat für Verkehrsschildermiete weg. Umsatz darf die "NI Stutti" beim Fest nicht machen, also muß sie vorher Geld sammeln. Zwei Tage vor dem Fest ge­nehmigt die BVV die Sondermittel. Die FDP übermittelt die Botschaft und möchte sich gleich ans Fest mit an­hängen. Die NI Stutti lehnt ab.

 

Zum Fest am 8. Juli 1978 fällt der Platz ohne Autos in seiner Größe auf. Das Fest gelingt als fröhlicher, lebendiger, intimer Kontrapunkt zu dem dröhnenden Sommerfest-Angebot rund um den Kurfürstendamm. Es spielen Musikgruppen auf, ohne Verstärkeranlagen, woraufhin die Bewohner locker mitein­ander tan­zen. Zu später Stunde ziehen alle mit der irischen Musikgruppe ins "Bella Napoli" zu Guido Greco & Familie, Stuttgarter Platz 20. Es wird weitergetanzt. Re­sonanz in den Zeitungen gibt es keine, bei den Teilnehmern jedoch starke. Es scheint eine Nachbarschaft am Stuttgarter Platz aufgebaut worden zu sein, auch mit dem Kleingewerbe. Das wird am Tag danach mit dem letzten Bier auf dem inzwischen wieder mit Autos "eingeräumten" Platz besiegelt. Geldfragen werden verdrängt.

 

Die NI Stutti antwortet auf ein Schreiben des Tiefbauamtes, das machbare Schritte an der Dernburgplatz-Kreuzung ablehnt: Die Aufpflasterung sei wegen zu geringer Höhe der Bürgerstegkante nicht möglich. Das Provisorium der Absperrschranken - als Mittel zur Verkehrsberuhigung - wurde wieder bemüht. Die NI Stutti weist auf die Unhaltsamkeit der Argumente und auf die Gefahr hin, daß schlechte Planung den Initiativen angelastet werde.

 

Eine Chronik der NI Stutti wird angeregt, um Neuankömmlinge schnell ins Geschehen am Platz einführen zu können. Die Bunten Listen der Bundesrepublik Deutschland (BRD) lassen eine Alternative Wahlliste in Berlin entstehen. Ein Anschluß an ein alter­natives Wahlbündnis kommt für die NI Stutti so lange nicht in Frage, wie der Punkt nicht erschöpfend diskutiert ist. Einige Mitglieder der Initiative halten sich aber über den Stand der Vorbereitungen auf dem laufen­den. Von der SPD des Stadtteiles ver­anstaltete Bildungsabende in der Herbart­straße werden besucht, um mehr über Ver­kehrsberuhigung, Genossenschafts­modelle und Wohnprobleme zu erfahren. Die Ju­sos der Abteilung 5 werden noch einmal auf die Überparteilichkeit der NI Stutti hin­gewiesen. Sie bereitet Pläne und Gestaltungsvorschläge vor für den Termin bei Bausstadtrat Dr. Körting im August 1978 sowie für das Fest der "NI Stop dem Durchgangsverkehr" auf dem Dernburgplatz am 22. Juli 1978. Die Bilanz für das Fest am Stuttgarter Platz ergibt Nullkommanull. Der Großteil der Initiative befindet sich im Urlaub.

 

Im August/September 1978 stellt sich die Initiative in der Stadtteilzeitung "Der Schlorrendorfer" vor. In den Plänen, die - immer wieder überarbeitet - den Pla­nern des Tiefbaumtes übergeben werden, bleibt endgültig eine Verkehrskonzep­tion übrig; und zwar die Schließung des Platzes zur Windscheidstraße hin und eine aufgepfla­sterte Schleife für Anlieger zwischen Leonhardt- und Rönnestraße. In die "Landschaft" des zukünftigen Platzes ist ein Nachbarschaftshaus einge­bettet, das aus Kostengründen jedoch nicht genehmigt werden sollte.

 

Ein Gespräch mit Baustadtrat Dr. Körting am 31. August 1978 ergibt mehreres:

> Im September tagt man beim Senator für Wirtschaft über flankierende Maß­nahmen zu Aufpflasterungen und weiteren Verkehrsberuhigungen.

> Die Planer des Tiefbauamtes müssen bis Ende September die Baupläne für den neuen westlichen Stuttgarter Platz fertigstellen.

> Die Verkehrskonzeption muß vorher mit der BVV abgestimmt werden.

> Am 30. Oktober 1978 soll eine interne Besprechung im BA über die Pla­nung stattfinden.

 

Gegen Ende September 1978 werden die Treffen des Plenums wieder regelmä­ßig, jetzt sogar wöchentlich. Im Oktober 1978 diskutiert die NI Stutti die Absicht, sich auch auf Miet- und Modernisierungsprobleme in der Umgebung zu konzentrieren, ohne die Platzgestaltung aus den Augen zu verlieren. Die Kritik seitens des Frei­tagsplenums trägt Früchte. Das ICC, das "Einkaufsparadies" Wilmersdorfer Straße, der Ausbau der Kantstraße, die City-Nähe, guterhaltene Wohnsubstanz im Kiez, die attraktive Leonhardtstraße ziehen verstärkt neue Hauseigentümer an, die sich eine Wertverbesserung ihres Hauseigentums über "Luxus-Modernisierung" und Anhebung der Mieten schaffen wollen. Die Instandsetzung der Häuser wird vernachlässigt. Preiswerter Wohnraum für weniger betuchte Mieter wird abgebaut. Es macht sich Betroffenheit im Kiez breit.

 

Die NI Stutti wehrt sich gegen einen Artikel in der Morgenpost über die Bauaus­schußsitzung, in dem presseübliche Ungenauigkeiten, wie zum Beispiel ein Tun­nel unter dem Platz, auftreten. Der Bauausschuß hat am 14. November 1978 die zuletzt von der NI Stutti eingereichte Platzkonzeption akzeptiert. Die Leonhardt­straße behält ihre breiten Bürgersteige, aber die Windscheid- und Holtzendorff­straße werden nach dem Willen von Baustadtrat Dr. Körting weder verengt noch beruhigt.

 

Nach einer ausgiebigen Besichtigung anderer neu oder umgestalteter Plätze fin­det sich die NI Stutti noch einmal beim Tiefbauamt ein, um ihre Ansprüche hin­sichtlich Materialien, Mobilar und Arrangements auf dem Platz zu verfestigen. Ende 1978 ist die Planung reif für das Gartenbauamt.

 

Die Alternative Liste für Demokratie und Umweltschutz (AL) hat sich im Jahr 1978 in Berlin gegründet. Kontakte zur Bezirksgruppe Charlottenburg, von der Chronistin am 14. August 1978 gegründet, und zum "Bereich Wohnen und Mie­ten" der AL dienen der NI Stutti zu verstärktem Informationsaustausch innerhalb der Mietenbewegung in Westberlin.

 

Die Mietproblematik im Kiez und andere Aktivitäten

Vor Weihnachten 1978 werden erste Schritte zur Organisation der Arbeit der NI Stutti zu Mietproblemen getan:

Unterlagen zum Thema werden gesammelt, um eine Dokumentation zu ermög­lichen. Lehrmaterial wird zusammengetragen und ausgetauscht. Die ersten Informationen von Mietern und Außenstehenden über die betroffenen Häuser laufen ein. Später soll eine ausführliche Kartei über jedes Haus angelegt werden. Weitere Mieter müssen in die Gruppe einbezogen werden. Die Mieter werden angehalten, von den Hauseigen­tümern Mängel beheben, Instandsetzungen täti­gen zu lassen, ehe dieser sie womög­lich unter "Modernisierungs"maßnahmen subsummiert und mit 11 % auf die Miete aufgeschlagen kann. Kontakte mit Mietervereinen werden aufgenommen. Der Beitritt in Mietervereine oder in eine Rechtsschutzversicherung wird empfohlen. Nach problem- oder ortsverbundenen Rechtsanwälten wird gesucht.

 

Mitte Januar 1979 findet sich das Plenum der Initiative wieder zusammen. Ein Stadt­planer vom BA Charlottenburg findet sich ein, um die Modernisierungspro­blematik zu erläutern. Unterlagen werden vervollständigt und die Häuserkartei ausgefeilt. Im Verein mit den Mietern des Hauses Windscheidstraße 20/Stuttgarter Platz 19 findet die NI Stutti das erste Haus, das sie im Mieterwider­stand gegen Luxusmodernisierung unterstützen kann. Zu der von den Mietern selbst einberufenen Mieterversammlung am 2. Februar 1979 wer­den Baustadtrat Dr. Körting und ein Rechtsanwalt sowie Vertreter von Mieter­initiativen am Stuttgarter Platz und am Klausenerplatz hinzugezogen.

 

Ende März 1979 gestattet sich die NI Stutti ein Grundsatzgespräch, aus dem hervor­geht, daß soziale Kontakte zu entwickeln und zu festigen seien, daß gemeinsame Initiativen die beste Möglichkeit seien, sich kennenzulernen. Bei anfänglicher Zu­sammenarbeit mit Vertretern der "Kommunalpolitischen Diskus­sionsrunde" entwickelt die NI Stutti das erste Flugblatt für eine Informations­reihe zu Miet- und Moder­nisierungsproblemen. Für Ende März 1979 wird ein Informati­onsstand auf der Verkehrsinsel geplant, um die Anwohnerschaft weiter für ihre Pro­bleme und zur Mitarbeit aufzuschließen. Damit ist ein gutes Jahr abgesteckt, in dem Anwohner um den Stuttgarter Platz herum ihren Kopf gegen Verplanung von "oben" durchzusetzen gelernt haben. In diesem Sinne begreift sich die NI Stutti zwar als überparteilich, jedoch nicht als unpolitisch.

 

Zum Jahr des Kindes 1979 stellt die Senatorin für Jugend und Sport ca. 15.000,-- DM für jeden prämierten Kinderspielplatz zur Verfügung. Eine Arbeits­gemeinschaft innerhalb der NI Stutti setzt sich zusammen, um bis Ende März 1979 einen Platz für Kinder auf der Verkehrsinsel zwischen Friedberg-/Ecke Leonhardtstraße zu entwerfen. Der Entwurf wird prämiert. Dieser Schritt soll der Anfang zur Nutzung des gesamten Lebensbreiches "Bürgersteig Leonhardt­straße" sein. Die NI Stutti beteiligt sich am Vorbereitungsausschuß der "Inititative für eine Kinderstadt am Lietzensee".

 

Mitte April 1979 beschließt die NI Stutti, im LADEN in der Holtzendorffstraße jeweils eine Stunde vor dem Plenum eine Mieterberatung durchzuführen. Am 23. April findet zum ersten Mal ein Treffen einiger Charlotten­burger Initiativen und Einzelpersonen statt, das von der Bezirksgruppe der AL und der Stadtteilzeitung "Der Schlorrendorfer" initiiert wird. Die NI Stutti will diese ständige Aktionsein­heit mittragen, vorausgesetzt, daß die Bezirksgruppe der AL eine gleichbe­rechtigte, nicht übergeordnete Funktion einnimmt.

 

Indessen ist das Flugblatt der Initiative mit dem Thema "Modernisierungsmachenschaften" zur Verteilung im Kiez fertiggestellt. Betrof­fene Mieter melden sich und bitten um Hilfestellung. Die Mieter der Windscheid­straße 20 finden durch gemeinsame, vorbeugende Schritte einen starken Zusammenhalt. Der Aufbau einer Mietergenossenschaft kommt zur Sprache. Mieter der Häuser Windscheidstraße 18/19 wenden sich an die NI Stutti und laden sie zu einer Mieterversammlung ein. Im Haus Stuttgarter Platz 16 hat die Chronistin die "Mietergemeinschaft Stuttgarter Platz 16" gegründet, die sich für die unterlassene Instandsetzung ihres Wohnhauses einsetzt. Der Verfall dieser erstaunlichen Wohnanlage wird tatsächlich aufgehalten.

 

An einem vom Freitagsplenum geplanten 1. Mai-Fest 1979 im Stadtteil will die NI Stutti nicht teilnehmen, da das Bündnis nicht frei von Unvereinbarkeits­beschlüssen gegen die KPD und ähnliche Gruppierungen sei. Nicht erst in die­sem Zusammenhang wird in der Initiative der Wunsch laut, einen eigenen Laden zu haben, da das Image des LADEN zu ideo­logisch sei. Die BVV-Kandidaten der SPD im Stadtteil müssen sich von der NI Stutti und der NI Dern­burgplatz einen Offenen Brief gefallen lassen, da auch sie sich in ihrer Wahlzeitung "Neue Char­lottenburger Lokalnachrichten" Federn der Bürger an den Hut stecken wollte.

 

Die Verkehrsberuhigung am Dernburgplatz erweist sich als lieblos und mangel­haft ausgeführt. Deshalb wird eine Fahrraddemo für den 18. Mai 1979 geplant. In ihrem Verlauf bekommen die Radfahrer die Agressionen der Autofahrer zu spüren. Deshalb wird eine Wiederholung am 7. Juli 1979 mit Begleitschutz der Polizei angemeldet, die leider nicht viele TeilnehmerInnen haben wird.

 

Hinsichtlich der Gestaltung des westlichen Stuttgarter Platzes kommen auf die Ni Stutti zwei Probleme zu: Bei den Anwohnern besteht ein erhebliches Inter­esse daran, daß die Buslinie 21 weiter über den Platz in die Leonhardtstraße geführt wird. Das Kleingewerbe rund um den westlichen Stuttgarter Platz beginnt, die Platzgestaltung wahrzunehmen und erste Bedenken anzumelden. Die AG Kleingewerbe soll ihnen den Plan erläutern und mit ihnen zusammen­arbeiten. Zur gleichen Zeit wird die Idee zu einer weitreichenden Quartierspla­nung durch die Anwohnerschaft um den Stutt­garter Platz geboren.

 

Die Pläne für die Platzgestaltung sind vom Bezirk den Senatoren für Finanzen und Bauwesen eingereicht. Für 1980 sind 300.000,-- DM und für 1981 500.000,-- DM freigestellt. Es kommt zu einem gemeinsamen Gespräch zwi­schen Tiefbaumt, Stadt­planungs- und Gartenbauamt und der NI Stutti, die auf unerwünschte Elemente in ih­rer Planung hinweist und auf den unterschlagenen Elementen besteht, soweit sie nicht den Ko­stenrahmen sprengen.

 

Für das Spielhaus an der Ecke Leonhardtstraße/Friedberg werden der NI Stutti Anfang Juni 1979 18.000,-- DM bewilligt. Der Bau beginnt nach den Sommer­ferien. Die AG Kleingewerbe in der NI Stutti führt An­fang Juni eine Verkehrs­zählung am westlichen Stuttgarter Platz durch, um den Argumenten des Klein­gewerbes über Verkehrsaufkommen besser begegnen zu können.

 

Die NI Stutti beteiligt sich am Stadtteilfest der Kiezzeitung "Schlorrendorfer" am 30. Juni 1979, das zum gegenseitigen Kennenlernen der Initiativen und Charlot­tenburger gedacht ist und ohne Parteien und andere politische Gruppen ablaufen soll. Die Idee, das Haus in der Kantstraße 79 mit anderen Gruppen zu nutzen, wird verstärkt in das "Bürgerforum", ein Zusammenschluß von Initiativen, hin­eingetragen. Die "Nachbarschaftsinitiative Stuttgarter Platz" hat sich entschie­den, ein eingetragener Verein zu werden. Die Satzung für den Verein wird aus­gearbeitet. Die Suche nach einem eigenen Laden ruht.

 

In einem Gespräch mit dem Verkehrsberuhiger beim SenBauWohn, Herrn Claus Dyckhoff, stellt sich heraus, daß er für den Erhalt der Bus-Linie 21 über den westli­chen Platz plädiert. Die NI Stutti sieht die Gefahr, daß im Fall einer Bus-Schneise quer über den Platz diese auch von Autos genutzt würde. Sie beschließt, Ende Juni vor der Anwohnerschaft ihr Platzkonzept zu vertreten. Nach diesem will die Initiative hin­sichtlich der Bus-Durchfahrt Zugeständnisse machen, aber nicht hinsichtlich des Durchgangsverkehrs.

 

Das Kleingewerbe hat sich wegen der strittigen Verkehrsführung indessen zur "Interessengemeinschaft der Bürger und der Gewerbetreibenden Stuttgarter Platz, Leonhardtstraße und Umgebung" zusammengeschlossen. Sie versteht die ange­strebte, verkehrsberuhigende Planung und Gestaltung des Platzes als "Dichtmachen der Leonhardtstraße". Am Samstag, dem 14. Juli 1979, hat die NI Stutti Mühe, ihren angestammten Stand aufzubauen, da ein Aufgebot der "Gegeninitiative" den Platz bereits mit der Parole "Grün und Rot ist der Gegend Tod" besetzt hat. Diese Gruppe bietet Spruchbänder, Parolen und Informations­material auf, die den Passanten irreführen. Einige erkennen zu spät, daß sie an der falschen Stelle ihre Unterschrift geleistet haben. In den Schaufenstern der aufgeklärten Läden hängt von nun an die Platzkonzeption der NI Stutti in farbi­ger Version. Die anderen Läden werden boykottiert. Die NI Stutti plant ein Flug­blatt "Verkehrsberuhigung". Fotos, Anekdoten, Erlebnisse, Gespräche sollen ge­sammelt werden. Alles vor der Sommerpause!

 

Die Vereine und das vorläufige Ende der Initiative

Am 9. August 1979 wird von 11 Bewohnern die "Nachbarschaftsinitiative Stuttgarter Platz e.V.", Sitz Berlin, gegründet und am 27. August 1979 beim Amtsgericht Char­lottenburg als Verein in das Vereinsregister unter der Nummer 6043 NZ eingetragen. Vorsitzende sind Karl Schütz, Ute Becker, Konrad Mohr­mann, Rolf Sanden. Der Ver­ein besteht heute noch.

 

Im Herbst 1979 steht das Haus Stuttgarter Platz 20 zum Verkauf. Es gründet sich eine Gruppe, die den Erwerb durch Mieter, Neumieter und Fördernde Mit­glieder vor­bereitet. Das Haus kann tatsächlich im Oktober 1979 durch Mieter mit der finanziel­len Unterstützung aus den Förderdarlehen gekauft werden. Ab jetzt konzentriert sich ein großer Teil der Energien einzelner Mitglieder der NI Stutti auf den Einzug in das Haus, auf die Renovierung des Hauses und den "Verein zur Förderung urbanen Woh­nens e.V.", FuW.

 

Ab dem 10. Mai 1981 ist die NI Stutti über die Chronistin in der Bezirksverordneten­versammlung Charlottenburg vertreten, die die Durchführung der Planung der NI Stutti mit Anfragen und Argumenten in den Ausschüssen kontrolliert und intensiviert. Am 15. August 1982 - die Platzgestaltung war inzwischen beendet, aber die Bepflan­zung fehlte noch gänzlich - lädt diese Bezirksverordnete die Nachbarschaft zu einer 12-stündigen, unangemeldeten Geburtstagsfeier auf dem neu gestalteten Platz ein und bittet die Eingeladenen, den Platz mit stadtfesten Pflanzen zu begrünen. Die Poli­zei begleitet diese Pflanz­aktion wohlwollend und schreitet nicht gegen das "wilde" Straßenfest ein. Welche Pflanzen auch immer diesen Akt überleben, sie werden im nächsten Jahr, 1983, vom Gartenbauamt gegen "amtliche" Pflanzen ausgetauscht. Im gleichen Jahr wird die gemeinsame Arbeit der "Nachbarschaftsinitiative Stuttgar­ter Platz eV" eingestellt. Der Verein bleibt bestehen.

 

Resultat der Initiativarbeit von 1978 bis 1983 ist ein indessen stadtbekannter, urba­ner, westlicher Stuttgarter Platz, an dem sich bürgerliches Café an Café reiht, sind zwei Genossenschaftshäuser, ein Spielplatz für Kinder, mehr Grün, 200 m (!) ver­kehrsberuhigte Zone. Aber auch höhere Mieten, Eigentumswohnungen, mehr Mieter mit Zweitwagen, Schikeria-Kunden mit Auto, mehr Lärm im Straßenraum.

 

Die Öffnung der Mauer und des Ostblocks aber soll das Gesicht der Straße Stuttgar­ter Platz bis zur Unkenntlichkeit verändern. 1991 aktiviert sich die "Nachbarschaftsinitiative Stuttgarter Platz e.V." wieder. Folgende Mißstände werden bekämpft und behoben:

 

Die Arbeit der Nachbarschaftsinitiative Stuttgarter Platz e.V. nach dem Fall der Mauer

1989 bis 1992

Der S-Bahnhof Charlottenburg ist ab dem 9. November 1989 Station für alle Kunden der Wilmersdorfer Straße und der Kantstraße geworden. Aus Polen kommen Buskon­vois mit abertausenden Menschen zum Einkauf bei ALDI an der Kaiser-Friedrich-Straße, auf der Kantstraße und der Wilmersdorfer Straße. Import-Export-Läden beset­zen nunmehr auch den östlichen Stuttgarter Platz, wie schon an der Kantstraße ge­schehen. Berge leerer Verpackungkartons liegen auf den Straßen. Die Transportfahr­zeuge für Personen und Waren füllen die Straßen bis zur Windscheidstraße. Der Stuttgarter Platz leidet an Verstopfung. Er ist zum großen Ramschladen verkommen.

 

Zur Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer 1990 wird von einem Marktbetreiber auf dem Grundstück Stuttgarter Platz 25 ein Riesenzelt aufgestellt. Dieses Zelt hat keinen Be­stand und wohl auch keine Dauergenehmigung. Danach richtet ein anderer Marktbetreiber einen Import-Export-Markt auf diesem Gelände ein. Die Straßen ersticken nun vollends an Lastwagen, Bussen, Transportern, Pkw's, Dauerparkern und Müll. Illega­ler Autohandel findet auf der gesamten Länge des Stuttgarter Platzes statt. Über Be­schwerden, Protestbriefe und Aktionen seitens der Anwohner und des seriösen Ge­werbes wird dieser Mißstand in Zusam­menarbeit mit BA, Behörden und Bahnverwaltung bis 1992 behoben.

 

Nach der Vertreibung des Marktes nehmen Verkehr und Parksituation rund um den Stuttgarter Platz verträglichere Formen an. Die angestrebte Parkraumbewirt­schaftung wird unterstützt, die ab 1997 eingeführt und die Straße von weiteren PkW's befreien wird. Die NI Stutti setzt sich weiter für Verkehrsberuhigung, besonders im Umfeld des Spielplatzes, ein, und in der Windscheidstraße wird endlich Tempo 30 eingeführt.

 

Das Haus Stuttgarter Platz 20 wehrt sich gegen den überhandnehmenden, nächtli­chen Gaststättenlärm auf dem urban gestalteten, westlichen Stuttgarter Platz. Man kommt über­ein, daß wenigstens Straßenmusikanten und Musik­beschallung unterlassen werden. Das Problem des erhöhten Auto- und Motor­radverkehrs durch die Besucher bleibt be­stehen. Die Chronistin zieht den Protest gegen Straßen- und Kneipenlärm auf den mittleren Teil des Stuttgarter Platzes hinüber, wo sich die "Milieu-Kneipen" bis an das Haus Nr. 16 herangeschoben haben und mit Beschallungsanlagen und amerika­nischem Wagenpark die Nachtruhe der Nachbarn stören. Im Jahr 1997 sollen alle drei Ladengeschäfte auch des Hauses Stuttgarter Platz 16 in "Wirtschaften" und Nachtbar umge­wandelt sein.

 

1995

Die DB plant die Veräußerung diverser Grundstücke. Diese Planung soll auch das Ter­ritorium um den S-Bahnhof Charlottenburg betreffen. Darüber hinaus soll diese Sta­tion der Stadtbahn an die Station Wilmersdorfer Straße der Linie 7 der Untergrund­bahn angebunden, also nach Osten verschoben werden. In diesem Fall sind erhebli­che, bauliche Änderungen des gesamten Stuttgarter Platzes zu erwarten. Die NI Stutti, Anwohner und Bezirksverordnete der Grünen erarbeiten Vorschläge zur Ge­staltung des Stuttgarter Platzes von der Windscheidstraße bis zur Wilmersdorfer Straße, die in einen geplanten Umbau des Platzes einfließen sollen:

 

> Weiterführung des Grüns bis an die Wilmersdorfer Straße

> Entsiegelung der Baumscheiben

> Rückbau der Parkplätze, Fahrbahn und "Fußgängerinseln"

> Verbreiterung der nördlichen und südlichen Gewege

> Fußweg entlang der S-Bahnböschung und Sitzgelegenheiten

> Taxistand und große, überdache Fahrradständer vor dem S- und U-Bahnhof

> Erhalt der Reichsbahngebäude (Stuttgarter Platz 23-24) und Einrichtung einer Kita, kommunaler Räume und Werkstätten

> Boulebahn u.a.

> Etablierung eines Wochenmarktes auf dem östlichen Parkplatz

 

 

Die Autorin erarbeitet angesichts des desolaten Zustandes des Stuttgarter Platzes zwischen Windscheidstraße und Lewishamstraße, zusammen mit dem Grünen Frank Wagner, ein Konzept zur Gestaltung desselben. Der Plan weist eine lebendige, anwohnernahe Gestaltung aus: Jugendtreffs, Biergarten, Werkstätten ... Sie sollte überrollt werden durch die dann folgende Auslobung eines Städtebaulichen Wettbewerbs für den "Stuttgarter Platz/Bahnhof Char­lottenburg".

 

1996/1997

Auf der Grundlage einer städtebaulichen Analyse aus dem Jahr 1990 wird vom Senat ein Städtebaulicher Wettbewerb für den "Stuttgarter Platz/Bahnhof Char­lottenburg" ausgelobt. Ziel der grundlegenden Umgestaltung des gesamten Stuttgarter Platzes zwischen Windscheidstraße und Wilmersdorfer Straße ist die Anbindung der S-Bahn­station Charlottenburg an die U-Bahnstation Wilmersdor­fer Straße. 1997 wird der Vorschlag des Architektenbüro Albers und Land­schaftsplaners Kienast prämiert. Die SPD lässt 1997 dieses Konzept den Anwoh­nern um den S-Bahnhof Charlottenburg vorstellen. Aber es fehlt ein Investor. Die Gemeinde ist pleite.

 

Die Jahrhundertwende

1998-1999

Es hat sich ein Investor - TRIGON - für den Umbau des Bahnhofes Charlotten­burg und damit des Stuttgarter Platzes gefunden. Am 3. Juni 1999 läßt die SPD den An­wohnern die veränderte Planung vorstellen. Das Konzept des Preisträgers ist kaum noch wiederzuerkennen. Ein Hotel-Hochhaus von 65 Meter Höhe würde den Platz verschatten. Die Bebauung entlang der Bahntrasse ist zu ei­nem tiefen, hohen und kompakten Einkaufszentrum herangewachsen, das einer anwohnerfreundlichen Gestaltung des mittleren Teiles des Stuttgarter Platzes keinen Raum mehr lassen würde. Der Stuttgarter Platz bis zur Wind­scheidstraße würde sich zur Fortführung der Wilmersdorfer Straße entwickeln und zwei­felsohne ein hohes zu­sätzliches Verkehrsaufkommen in die Gegend ziehen. Der Unmut über diese Planung ist erheblich. Die verblieben Vorstandsmitglieder der NI Stutti initiieren am 9. Juni 1999 ein Tref­fen der Anwohner zwischen den Häusern Stuttgarter Platz Nr. 13 bis Nr. 19.

 

Ziel der Nachbarschaftsinitiative war immer "urbanes Wohnen". Am 9. Juni 1999 ruft die Autorin Anwohner zusammen, die diese Ziele übernehmen soll. Sie bekommt von der Chronistin den zukunftsweisenden Namen "STUTTGARTER PLATZ 2000" und nimmt die Arbeit auf, die derzeitige Planung der Investo­ren im Sinne eines anwohnerfreundlichen Platzes zwischen Windscheidstraße und Wilmersdorfer Straße zu ändern. Noch ist nicht klar, ob es auch Kräfte gibt, die die Planung dieser Investoren ganz verhindern wollen. Die "Nachbarschaftsinitiative Stuttgar­ter Platz e.V." als Verein hatte am 9. August 1999 ihr 20-jäh­riges Jubiläum. Sile wurde von ihrem Vorstand, Ute Becker und Karl Schütz, aufgelöst.

 

© Copyrights by Ute Becker - Berlin

Veröffentlicht in:

Bruchstücke „Stuttgarter Platz“, Hrsg. Jochens. OMNIS Verlag Berlin, 1999, ISBN 3-933175,59-3

Überarbeitet im Oktober 2012

 

 

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