artAkus - Prosa - 1

 

 

Ute Becker – die Prosaistin

 

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Die Stillevor Bach

Balsam

Magic Lara

Du bist schön, Alter

GAIA

 

 

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Die Stille vor Bach

 

Die Stille vor Bach“ - diese kleine Wortgruppe wurde mir eines Tages, ich war tief in meine Lektüre eingetaucht, aus dem Radio in mein Zimmer gesandt. Dort hing die Kleine und zitterte leicht, als ob ihr kalt wäre. Das Radioprogramm hatte sich zurückgezogen, die vier Wörter aber in mei­nem Zimmer zurück­gelassen, und die hatten Angst unterzugehen. Sie kannten dieses Dahinsiechen und -schwinden, dieses Verrauschen und Sichauflösen. In anderen Räumen waren sie auf Ohren getroffen, die auf ihre Ankunft nicht vorbereitet, und auf Seelen, die nicht empfangsbereit waren. Dort hatte diese kleine Gruppe erwartungsvoll in der Luft gehangen, aber niemand hatte sie beachtet. Sie konnte strampeln, wie sie wollte, sie gelangte nicht in das Bewusstsein jener Zeitgenossen. Deren Gehör war grenzgeschützt gegen ihre beängstigende Fracht: die Stille. Stille wollte niemand hören. Und wen interessierte gar die „Stille vor Bach“, wo das Lärmen der Menschen schon den Naturgewalten Konkur­renz machte? In solchen Räumen war sie, die Kleine, kläglich eingegangen.

 

Mein Gast also war eine verletzbare Wortgruppe. Zart zitternd schwebte sie in meinem Arbeitsraum. Sie begehrte Einlass in mein Gehör, sie klam­merte sich an meine Ohrläppchen. Ich konzentrierte mich weiter auf meine Lektüre, aber das zähe Ringen vor meinem Ohr war geeignet mich abzulenken.

 

Eine Satzfragment, wie vielleicht „Verkehrsstau auf der Prenzlauer Prome­nade“, in meinen Raum gestellt, wäre vor meinen Ohren gnadenlos ver­hungert. Es hätte mein Arbeitszimmer kennengelernt, hätte versucht, mein Bewusstsein zu erreichen, sich mutig an mein Ohr gedrängt. Aber die Reise durch meine Gehörgänge hätte es nie bewerkstelligt, denn mein Erkennungsapparat ist auf welchen Ver­kehrsstau auch immer nicht einge­stellt. Die Schwelle meiner Wahrnehmung wäre für den armen Ver­kehrs­stau so unüberwindbar gewesen wie die Schwelle eines 5-Sterne-Hotels für einen Obdachlosen. Mit einem bedauernden „Sie gehören hier nicht her“ hätten meine Türsteher sie einfach im Raum stehen und vergehen lassen. Nein, der Verkehrsstau und ich, wir hätten uns nicht kennengelernt.

 

„Die Stille vor Bach“ hing jedoch immer noch im Raum, knabberte an meiner Ohrmuschel, kratzte ver­bissen an meinem Bewusstsein. Endlich erhörte ich sie: „Was?“, horchte ich in den Raum hinein „Stille? Wo gibt es Stille? Her mit der Stille!" Das war das Passwort.

 

In dem Augenblick schwoll der kleine Schlingel zu einer für mich klaren Aussage heran, auch wenn ihr Verb und Kontext fehlten. Sie stürmte zufrieden meine Ohrmuschel, surfte durch den Gehörgang, durchdrang mit Schwung das Trommelfell, hüpfte auf den Hammer, der Hammer auf den Amboss, machte Klimmzüge am Steigbügel, stieg durch das Ovale Fenster und sprang endlich auf den Hörnerv auf. In der Interpretations­zentrale wurde sie meinem Bewusstsein gemeldet. Wir begrüßten uns wie alte Bekannte.

 

Ihr Ringen, meine Aufmerksamkeit auf sich und ihre kostbare, wenn auch beschnittene, Fracht zu len­ken, hatte die Kleine arg geschwächt. Ich rich­tete ihr ein sicheres Domizil in meinem Hirn ein und nahm sie auf einen Spaziergang in den Park mit. Die frische Luft tat uns beiden gut. Dann aßen wir einen Apfel und gingen schlafen. Am nächsten Morgen war sie zu einem kopffüllenden Gedanken - vorrangig noch aus Fragen beste­hend - herangewachsen, der über die geweckte Neugier hinaus auf eine Abhandlung wartete. Gab es eine Stille vor Bach? Ich bekam es mit der Angst zu tun. Die Priester und laut orgelnden Interpreten der Bachschen Fugen und Präludien, die Verkünder der Orgel als der „Königin der Instrumente“ würden meine kleine Wortgruppe und mich auf einem Scheiterhaufen anordnen. Ich muss auf meine Verbündete und mich gut achtgeben.

 

 

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