artAkus - Prosa - 3

 

 

Ute Becker – die Prosaistin

 

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Prosa 3

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Prosa 5

Die Stille vor Bach

Balsam

Magic Lara

Du bist schön, Alter

GAIA

 

 

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Magic Lara

 

Lara stampfte wütend auf: „Meine Wohnung ist einfach zu klein! Verdammt!“

 

Sie hatte sich einen teuren Aerobic-Anzug gekauft und rhythmische Musik-CDs. Eins, zwei, drei, vier - fünf, sechs, sieben, acht. So sollte es gehen. Aber überall und immer eckte sie in ihrer Wohnung an. Anstatt fit in den Sommer zu gehen, war sie mit blau-gelb-grünen Flecken übersät.

 

Von ihrem Gehalt konnte Lara sich keine größere Wohnung leisten - bei den Mieten heutzutage. „In dieser Konservendosenwohnung ist wirklich nur noch zwischen den Tischbeinen Platz!“ Außer sich vor Frust führte sie auf der Stelle einen wütenden Tanz auf.

 

Da war Lara schon nicht mehr sie selbst. Sie befand sich bereits in der Verwandlung. Anfangs hielt sie es für einen Schwindelanfall, bis sie begriff, was sich abspielte: sie schrumpfte. Nicht etwa so, dass sie unansehnlich und runzelig wurde. Nein, sie schrumpfte proportional. Sie blieb äußerlich die junge, hübsche Lara, wurde aber immer kleiner. Sie schrie auf. Doch bei dem Krach, den ihre Musik machte, hörte das keiner, oder wenn es einer hörte, dann wollte er ihr nicht hel­fen, in der Hoffnung, sie würde gerade abkratzen und der Krach endlich aufhören. Während dieser Betrachtungen war Lara auf die praktische Kleinheit geschrumpft, in der sie bequem unter dem Couchtisch herumlaufen konnte, und damit war die Verwandlung beendet.

 

Lara verharrte staunend vor der Halle, die einst ein „Tischchen“ gewesen war. So klein war sie also geworden! Pragmatikerin, die sie war, nutzte Lara sofort die gewonnene Bewegungsfreiheit und begann ein ausgiebiges Fitness-Programm. Himmlisch, dieser Platz! Sie rannte wie eine Verrückte um die Tischbeine herum, robbte unter das Sofa, lehnte sich an die Lautsprecher, um den Sound voll mitzu­bekommen, umkreiste ihre Bodenvase. Jetzt verstand sie endlich den Begriff „Wohnlandschaft“. Ob etwa andere Leute schon vor ihr ...?

 

Lara schob den Gedanken, den sie nicht beantworten konnte, vorerst beiseite, kletterte über ihre Balkonschwelle und machte Atemübungen. Ihr Balkon war zu einem Park, ihrem Park angewachsen. Neugierig lugte sie durch das Balkon­gitter auf den schönen Garten, jetzt ein gigantischer Urwald. Sie wohnte im Parterre und konnte ihre Wohnung bequem durch das Balkongitter verlassen. Das wollte sie wahrlich nutzen. Der kleine Teich sollte jetzt ihr Privatsee werden. Ihr war nicht bekannt, dass dort Goldfische schwämmen. Lara fielen siedend heiß andere Ungeheuer wie Frösche, Insekten, Vögel ein. Und wie sollte sie sich gegen die Katzen schützen?

 

Lara kuschelte sich in einen ihrer Plüschpantoffeln und dachte nach. Sie rekonstru­ierte die Vorgänge vor der Verwandlung. Irgendetwas Ungewöhnliches hatte die Verwand­lung aus­gelöst. Ungewöhnlich war eigentlich nur der wütende Tanz auf der Stelle gewesen. Offenbar hatte sie einen magischen Tanz aufgeführt. Könnte sie die einzelnen Schritte des Tan­zes wie­derholen? Sie musste den Rhythmus dieses magischen Tanzes wiederfinden. Noch am gleichen Nachmittag verbrachte sie Stunden damit, bis sie erschöpft auf den Pantoffel sank. Sie fand ein Paar Socken und schlüpfte in einen hinein. Ein wunderbarer Schlafsack.

 

Für ihr Abendmahl musste Lara sich mit Stücken aus einem Apfel begnügen, der als riesiger Ball unter dem Sofa lag. Es war nicht leicht, die Schale zu durchstechen. Obwohl sie schon alt und schrumpelig war. Sie perforierte sie mit einer Stecknadel, die auf dem Boden lag. Danach warf sie einen Schnürsenkel als Lasso und angelte sich eine Banane vom Couchtischchen. Sie trank ein wenig Wasser, das sie noch vor der Gymnastik zum Blumengießen auf dem Balkon bereitgestellt hatte. Ihre Notdurft verrichtete sie über dem Abfluss des Balkons. Das musste ja niemand wissen.

 

Morgen würde sie die Sache systematisch anpacken, entschied Lara. Sie würde die Rhythmen notieren, die sie bereits getanzt hatte, damit sich keine Wiederholungen ergäben. Vielleicht könnte sie sogar die Knöpfe des Kassettenrecorders bedienen, um die Versuche aufzuzeichnen. Am besten, sie fing mit einfachen Konfigurationen an. „Am Ende bin ich noch reif für die Chorus Line“, dachte Lara. So hatte sie sich ihr Fitness-Programm dann doch nicht vorgestellt.

 

Wenn Lara den magischen Tanz wiederfände, würde sie sich wünschen, Wände hochgehen zu können. Das könnte sie in ihrer neuen Kleinheit gut gebrauchen. Die Wohnungstür zu bewegen, könnte ein Problem darstellen. Denkbar wäre der Einbau einer kleinen Wohnungstür in die große Wohnungstür. Lara dachte gar nicht daran, wieder wachsen zu wollen, lebte sie doch in einem Palast! Allerdings - Umbauten müssten her. Es gab ja normalwüchsige Handwerker. Und Fred.

 

Wie gesagt, Lara war Pragmatikerin. Sie fragte sich bereits, wie es mit den Beziehungen und Verpflichtungen zur Außenwelt werden würde. Mit ihrem Heimarbeitsplatz zum Beispiel und mit ihrem Gehalt. Schon konnte Lara sich vorstellen, auf der Tastatur des PCs zu tanzen. Das hatten ihre Finger doch auch getan. Ihr Computer müsste aber zu ebener Erde aufgestellt werden. Ihre Arbeiten hatte sie seit eh und je über das Internet abgeliefert. Sie befand sich in einem virtuellen Angestelltenverhältnis. Ihr Gehalt zog sie per Online-Banking vom Konto ab. Bei Licht besehen brachte sie beinahe ideale Voraussetzungen zu einem Leben in Kleinheit mit.

 

Den Umgang mit dem Handy hatte Lara schon ausprobiert. Mit ihrer neuen Statur konnte sie die Tasten weit besser bedienen als früher. Die Tasten schienen für Däumlinge wie geschaffen. Schwierig war nur der Transport des Handys. Glücklicherweise hatte sie es in der Nähe der Feststation liegen gelassen. Gut bedienen ließ sich ebenfalls die Fernbedienung für TV und Video. Als hätten die Hersteller geahnt, dass sich die Stadtmensch eines Tages auf eine stadtgerechte Kleinheit hin entwickeln würden.

 

Auf ihre Sitzlandschaft konnte Lara wie auf eine Düne hinaufklettern. Sie glaubte manchmal, in der weichen Masse wie in Treibsand versinken zu müssen, aber es schien nur so. Es war alles eine Sache der Gewöhnung, und für eine gute Kondition hatte sie trainiert. Zur Belohnung für die Strapaze des Aufstiegs genoss Lara das überdimensional große TV-Bild. Das größte Heimkino der Welt. Jetzt gingen die Filme ihr unter die Haut.

 

Endlich befasste sich Lara mit Fred. Fred - die Hauptperson. Fred - das Hauptpro­blem. Erst einmal würde sie ihn anrufen und schonend auf das Außergewöhnliche vorbereiten und testen, wie er auf die ungewohnte Situation reagierte. Wenn er flexibel genug wäre, könnte sie ihn ja zu sich heruntertanzen.

 

Ich habe Lara Jahre später in einer Schwatzbude im Internet kennengelernt, die von ihr initiiert und „Small Town“ genannt worden war, was mich neugierig machte. Lara hatte nicht nur die magische Tanzformel rekonstruiert, sie hatte im Laufe der Zeit eine beachtliche Gemeinde von Stadtbewohnern in aller Welt in den Zustand der Kleinheit transformiert. Sie finanzierte sich durch die Beratung im Internet. Die Interessenten bekamen genaue, ausführliche Anweisungen. Sie riet ihnen, erst einmal ihre Wohnung umzubauen oder umbauen zu lassen. Sie verschickte Umbau-Vorschläge und innenarchitektonische Pläne. Sie baute im Internet eine Seite mit ihrer Wohnung auf, wie ihr Freund Fred sie eingerichtet hatte, bevor er sich zu ihrer Kleinheit hatte herunterholen lassen. Beide ließen sich vor ihrer kleinen Wohnungstür in der großen Wohnungstür abbilden. Dieses Foto kam an, weil es an eine Puppenstube erinnerte.

 

Wenn die Wohnung für Groß-Lara gerade einen Zwischenstock für das Hochbett hergegeben hatte, so bot die gleiche Wohnung Klein-Lara mehrere Stockwerke an. Die Wohnung war ein eine Traumvilla geworden, sie war wunderbar und ungewöhnlich eingerichtet. Zu ebener Erde, mit Öffnung zum Balkon, hatten sich Lara und Fred einen riesigen Gymnastikraum mit Schwimmbad, Sauna und Bar eingerichtet. Erlesene Fliesen, ein Bonsai-Urwald. Fred und Lara staunten selbst über ihren Lebensstil, der sich ohne Lottogewinn, nur durch ein paar Tanzschritte so grundlegend zum Positiven verändert hatte.

 

In einem der diversen Zwischengeschosse der Wohnung, die raffiniert ineinander ver­schachtelt waren, lag Laras Arbeitsraum. Der Computer stand direkt auf den Dielen des eingezogenen Holzfußbodens. Lara tanzte und hüpfte auf der Tastatur des PCs, dass es eine Freude war, dem zuzuschauen. Sie hatte hier so viel körperliche Bewegung, dass sie im Fitnessraum bald nur noch Sauna, Bar und Swimmingpool benutzte. Im entlegensten Geschoss, kühl und dunkel, lag ihre Schlaflandschaft. In alle Fenster waren Fensterchen eingelassen. Bequeme Holztreppen verbanden die Etagen miteinander. Sogar einen Fahrstuhl hatte Fred installiert, als Vorsorge für Unfall und Alter, aber auch für jeglichen Transport von der untersten zur obersten Etage in der Parterrewohnung. Diese Umbauten sollen Fred unglaublichen Spaß gemacht haben. Er richtete diese Räumlichkeiten schließlich nicht für Puppen ein, sondern für sich und Lara.

 

Wenn Lara über das Internet Leute kennen lernte, die in ihrer Nähe wohnten, dann wurden diese natürlich eingeladen. Die Wohnung und das Leben darin überzeugten jeden. Die Stadtflucht ist bereits rückläufig, mindestens was die kinderlosen Paare betrifft.

 

Es gab allerdings Umstände, die die Verwandlung erschwerten oder ausschlossen: Alte Menschen und Haustiere. Sie waren nicht imstande, die komplizierte Schrittfolge nachzuahmen. Das Hundchen in alter Größe würde zum bedrohlichen Untier werden, der süße Schmusekater gar sein grausames Katz-und-Maus-Spiel mit Frauchen spielen. Lara und Fred versuchten gerade das Zusammenleben mit einer Laborratte. Das arme Tier wurde von Tierschützern, die sie befreit hatten, über das Internet an Paten vermittelt. Beide, Lara und Fred, waren von der Sauberkeit und Intelligenz ihrer neuen Hausgenossin Rodriana fasziniert. Die in der Nähe lebende Tierärztin war bereit, die Ratte turnusmäßig und vor Ort zu untersuchen. Fred hatte klugerweise einen Bereich in der Wohnung ausgespart, in dem Normalwüchsige sich bequem bewegen und aufhalten konnten.

 

Es verstand sich von selbst, dass kein Elternpaar sich nach Small Town transformierte, bevor ihre Kinder nicht mit ihnen kommen konnten. So war Small Town am Anfang recht kinderarm. Aber indessen war in den Wohnpalästen schon so manches Winzlings-Kind geboren worden. Die Bewohner von Small Town hatten sich allerdings einer Geburtenkontrolle verschrieben, um ihren gewonnenen Freiraum nicht wieder zunichte zu machen. Die Gemeinde der Kleinen Menschen gilt als ausgesprochen kultiviert und friedfertig.

 

 

© Copyrights by Ute Becker – Berlin

Veröffentlicht in:

Durch die kalte Küche 1999, Hrsg. Jochens, OMNIS Verlag Berlin, 1999, ISBN 3-933175-59-3

 

 

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