artAkus - Prosa - 4

 

 

Ute Becker – die Prosaistin

 

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Du bist schön, Alter

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Du bist schön, Alter

 

"Ich kann es einfach nicht glauben. Diese Frau ist doch keine 59 Jahre alt!" Der alte Mann betrachtete die Frau, die neben ihm auf der Bank im Park saß. Sie hatte sich ihm voll zugewandt, da sie von seiner Schwerhörigkeit wusste und ihn von ihren Lip­pen ablesen lassen wollte. Die grelle Sonne trennte die Welt in Licht und Schatten. Erbarmungslos. Der Alte hatte der Frau freiwillig den Platz an der Sonne überlassen. Sonne strengt an. So blieb er im Schatten sitzen, wie er sein eigener Schatten war. Die Frau stand noch mitten im Licht des Lebens. Das war jedenfalls seine Meinung. Sie selbst teilte diese nicht und ließ ihn das auch wissen. Vergeblich.

 

Was die Frau sagte, konnte er gut verstehen. Sie hatte eine klare Stimme, sprach prononciert, und er las ihr von den Lippen ab. Er hatte sie vor kurzem hier, auf dieser Bank, kennengelernt. Sie hatte ihn angesprochen. Und nun war sie es, die ihn ab und zu mit dem Rollstuhl ins Freie fuhr. Sie war praktisch veranlagt, sie war hilfreich. Und doch hatte er ein Problem: Er hatte sich in sie verliebt. Zeit seines Lebens hatte Sexu­alität den ersten Platz eingenommen. Seiner Meinung nach gab es nichts Wichtige­res im Leben der Menschen.

 

Jetzt war der Mann 85 Jahre alt, saß im Rollstuhl und hatte Krebs. Er war halbtot. Aber seine Gefühle und seine Triebe waren noch fürchterlich lebendig. Doch diese junge Frau ihm gegenüber spielte nicht mit. Sie lachte schon über das Wort jung, obwohl sie zugeben musste, dass sie im Vergleich zu ihm jung war. Sie hatte einen Schritt in ihrem Leben gemacht, von dem sich der alte Mann nicht vorstellen konnte, dass er einem Menschen möglich wäre. Sie unterschied fein zwischen Sexualität und Erotik und sie hatte sich von der Sexualität verabschiedet. Das Sexuelle hatte sie eh als lästig angesehen. Ihr Ding war das Tanzen gewesen. Er behauptete, der Tanz sei das Vorspiel zum Liebesakt. Sie behauptete, der sexuelle Akt nach einem Tanz sei nur ein lästiges Nachspiel. Das schlug dem Fass doch den Boden aus!

 

Diese aktive Frau, so gut erhalten, war nicht an Sexualität interessiert? Unfassbar! Schade, dass er sie nicht früher kennengelernt hatte. Was hätte er alles angestellt, um sie ins Bett zu bekommen. Er überhörte hartnäckig ihre unmissverständlichen Bemerkungen, dass auch eine frühere Beziehung keine Chancen gehabt hätte.

 

Die Realität hielt den Alten nicht davon ab zu träumen. Seine Begierde fand in ihm statt, niemand sah sie. Aber er wollte sie mit jemandem teilen, er mochte sie nicht verstecken. Immer wieder kam er auf das Thema zurück, obwohl er ihren Unmut bemerkte.

 

Die Frau betrachtete den alten Mann. Er schien klar im Kopf. Das war ihr wichtig gewesen, als sie ihn damals auf der Bank angesprochen hatte, weil er so alt war. Sie hoffte immer auf Erzählungen von Zeitzeugen. Er sollte doch einiges zu erzählen haben? Aber sie hatte kein Glück mit ihm. Er vergaffte sich vom ersten Tag an in sie, und sie wartete vergebens auf seine Erzählungen aus der Vergangenheit. Er pfiff darauf. Ihn interessierte nur noch das Jetzt, so kurz vor der Pforte zum Tode. Keine Zukunft, keine Vergangenheit.

 

Wenn der Alte 25 Jahre jünger wäre, würde er sie sicher bedrängen, und sie hätte ein Problem. Sie betrachtete sein Gesicht. Er war immer noch ein schöner Mann, wenn auch von Alter und Krankheit gezeichnet. "Du bist schön, Alter", dachte sie. Ein anderes Mal würde sie es ihm sagen, aber Vorsicht bitte. Sie hatte absolut keine Lust auf irgendwelche Annäherungsversuche, auch nicht auf die eines Greises.

 

Um ihn zu befrieden, begann die Frau irgendwann, ihm erotische Geschichten der Weltliteratur vorzulesen. Sie suchte mit ihm einsame Plätze im Park auf, weil sie sich schämte. Sie musste ja laut und deutlich lesen. Erst hatte sie einem Sterbenden gegenüber gnädig sein wollen, dann verstand sie das Gefallen, das er an den Tex­ten fand. Sie verhalf einem menschlichen Geist in einem körperlichen Wrack, sich noch eine lustvolle Welt vorzustellen. Bald machte es ihr Spaß, weil sie ihn zufrieden­stellte.

 

Es ist Herbst geworden. Die Frau sitzt allein auf der Bank im Park. Der Mann war hoch­betagt im Sommer gestorben. Er hatte die Hitze des Lebens nicht mehr verkraf­ten können. "Du warst schön, Leben. Mach es uns nicht so schwer, von Dir Abschied zu nehmen", hatte er wohl empfunden. "Du bist schön, Leben," denkt die Frau jetzt dankbar. Für den winzigen Bruchteil einer Zeiteinheit fühlt sie ihren alten Freund. Sie fühlt ihn bei seinem Abschied aus der Körperlichkeit. Sie erhascht ihn in dem Augen­blick, in dem die Zeit ihn freigibt.

 

Ihr Blick streicht zärtlich über die Parklandschaft hinweg, über die Bäume, die noch leben.

 

 

© Copyrights by Ute Becker - Berlin

Veröffentlicht in:

Alter, konkursbuch 40, konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Hrsg. Berndl, Casper, Kieselbach, Schon, Tübingen, 2002, ISBN 3-88769-240-3

 

 

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