artAkus - Prosa - 5

 

 

Ute Becker – die Prosaistin

 

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Prosa 5

Die Stille vor Bach

Balsam

Magic Lara

Du bist schön, Alter

Gaia

 

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GAIA

 

Mein Name ist GAIA. Ich war ein blühender Planet unter Milliarden Planeten einer Galaxie unter Milliarden Galaxien in einem Universum, das im Begriff war, sich zu entfalten. Man nannte mich auch den Blauen Planeten. Unter den kosmischen Bewusstheiten wurde ich als Schönheit gehandelt.

 

Winde wehten um meine heiße Stirn, Wolkenschleier lagen über meiner vollendeten Gestalt. In harmonischem Reigen mit meinen Geschwistern zog ich meine Bahnen um unsere Sonne. Eitel drehte ich mich im tänzerischen Rhythmus um mich selbst. Die Zeit im Raum schlug mir den Takt. Meinen kleinen, bleichen Mond führte ich dabei an der Hand. Mein blaues Kleid leuchtete in der Dunkelheit des Raumes. Die Sonne wärmte mich, der Mond kühlte mich. Wir ergötzten uns am Spiel und Gezerre um die Gezeiten.

 

Ich hatte viele Brüder - Merkur, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun. Meine Schwester Venus befand sich noch in der Entwicklung. Pluto wurde von unserer Mutter Sonne adoptiert. Unsere strahlende Familie lebte in der Milchstraße.

 

Mein Inneres glühte in nie versiegender, ewig schmelzender und ausbrechender Leidenschaft. Mein zerklüfteter Knochenbau war mit der glattesten, schmiegsamsten Haut bedeckt, dem wertvollsten aller Stoffe, um den mich andere Planeten beneideten. Ich konnte fühlen, wie in diesem wundervollen Element das Leben aufkeimte. Die Ozeane waren ein brodelndes, unerschöpfliches Laboratorium. Mein Leib wurde der erfindungsreichste Organismus unserer Sonnenfamilie. Alles, was ich trug, war quicklebendig. Ich fühlte mich trächtig und mächtig genug, um Milliarden Lebensjahre mit Milliarden Lebensformen zu füllen. Ich war reich ... so reich und so glücklich.

 

Als Zeit und Wind Berge zermahlen und die Täler mit fruchtbarer Erde gefüllt hatten, tauschten viele meiner Kreaturen das Wasser für das Leben in dieser luftigen Welt aus. Auch mein geliebter Delphin verließ das Wasser. Bald befand er das Leben an Land als zu beschwerlich und kehrte zurück. Er war die unendliche Weite der Ozeane gewöhnt. Sein großer Geist spiegelte das Leben in Freiheit wider. Meine Delphine nannten mich Wasserträgerin.

 

Ich war eine gute Wirtin für das bunte Treiben und Experimentieren der Schöpfung. Ihr Schaffen verlief durch Höhen und Tiefen, in Sprüngen und mit Fehlschlägen, landete in Sackgassen und zeitigte unglaubliche Wunder. Es war ein Geben und Nehmen, ein Kommen und Gehen. Mein Leib war Hort komplexer Kreisläufe. Meine Mieter gingen sparsam mit meinen Schätzen um. Keine Energie wurde verschwendet, nichts vergeudet, alles wurde wiederverwertet. Das Gleichgewicht zwischen Erneuerung und Bewahrung zu halten – diese Fähigkeit war mein irdener Reichtum. Ich investierte viel Zeit und Energie in Erfindungen. Ich gewann Preise.

 

In meiner Lebensmitte, schaute ich mit Stolz auf die Vergangenheit zurück und mit Spannung in die nächsten vier Milliarden Jahre. Ich hatte gelernt, dass eine Daseinsform die nächste bedingt, dass ich für die Evolution eine Stätte war, die immer komplexere Bewusstseinsformen aus der Materie hervorbrachte. Ein universelles Bewusstsein würde an die Stelle der Materie treten. Auf dem Weg dahin gab es keinen Königsweg und keine Krönung.

 

Und dann wurde ich krank.

 

Über hunderttausende von Jahren hatte ich ein Geschwür in meinem Organismus genährt, dessen Bösartigkeit sich in letzter Sekunde meiner Zeitrechnung zeigte.

 

An einem sehr intelligenten Tier hatte sich ein wunderbares, körpereigenes Werkzeug, die Hand, herausgebildet. Dieses Werkzeug war so perfekt, dass sein Träger gar nicht anders konnte, als überall „Hand anzulegen“ und nach allem zu „greifen“. Dieses Tier veränderte einfach alles, natürlich immer zu seinem Nutzen, denn es wollte schließlich überleben. Der „Mensch“ - wie das Tier sich später nannte – „kultivierte“ mich! Damit nahm er ein Recht in Anspruch, das ich jedem Lebewesen eingestand – allerdings unter strengen Auflagen. Aber der Mensch wurde immer zahlreicher und respektloser. Und ehe ich mich versah, wurden aus den Veränderungen meines Leibes Verletzungen meines Organismus:

 

Die Menschen hatten mich „Erde“ genannt, weil ihr Element meine fruchtbare Erde war. Sie gruben sich tief in meinen Körper hinein und lösten Erze aus meinem Knochengerüst. Sie spalteten die Erze in einsame, giftige Elemente auf, die ich dem Gemeinwohl zuliebe verworfen hatte. Sie spalteten sogar Atome. Sie folterten mich und entrissen mir Geheimnisse, ohne die Zusammenhänge, in die diese eingebettet waren, zu verstehen. Die Menschen bezo­gen „Gemeinwohl“ nur auf sich selbst. Nichts war ihnen mehr heilig, sie verloren alle Scham, sie brachen jedes Tabu.

 

Der Mensch - er war meine Kreatur - war intelligent, effektiv, egoistisch, aber kurzlebig und daher sehr ungeduldig. Ich hingegen war gewohnt, mir viel Zeit für meine Arbeit zu nehmen. Sein Raubbau hinterließ Stoffe, die ich in der Eile der menschlichen Zeitrechnung nicht in meine Kreisläufe zurückführen konnte. Der Mensch ließ mir, GAIA, keine Zeit mehr. In seiner Hybris verleugnete er seine Mutter. Ich war nurmehr sein Versuchslabor. Das Blatt hatte sich gewendet. Ich stöhnte vor Scham über meine Erniedrigung und Vergewaltigung.

 

Das ungeduldige Wirken des Menschen und sein Mangel an Weisheit verursachten unentwegt Schäden, die schnell repariert werden sollten. So trieb der Mensch den Teufel mit dem Beelzebub aus. Jede seiner eiligen Reparaturen zerbrach einen anderen Kreislauf und richtete neue Schäden an. Dass er schadete, wusste er, denn er gab seinen Sünden Namen: Giftstoffe, Energieverschwendung, Schadstoffe, Raubbau, Artensterben ... Dennoch, der Mensch machte sich, dessen ungeachtet, alles untertan. Erst hatte der Mensch mich okkupiert, jetzt machte er mich zu seiner Leibeigenen. Er dünkte sich die Krone der Schöpfung. Er verstand durchaus das Ziel des Universums, besaß aber nicht die Gelassenheit für den Weg.

 

Das letzte menschliche Jahrhundert meines Lebens verbrachte ich nur noch damit, nach jedem Angriff auf meine Eingeweide mein Gleichgewicht wiederherzustellen. Meine seelische und körperliche Widerstandskraft wurde durch den Schmerz darüber ge­schwächt, dass ich mich jede Sekunde von einer meiner Schöpfungen verabschieden musste. Äonen hatte ich an diesen Kunstwerken gefeilt. Sicher, auch ich hatte in meiner Werkstatt das eine und andere verworfen, machmal sogar sehr heftig. Aber jetzt verschwanden meine Schöpfungen beängstigend schnell von der Bildfläche, während sich der Mensch immer dreister in meiner Werkstatt ausbreitete. Die Katastrophe wurde unaufhaltsam.

 

Mein erprobtes Immunsystem brach zusammen. Ein langes Fieber tobte auf mir. Es ist mir kein Trost, dass der Mensch in ihm untergegangen ist, denn die „schöne GAIA“ gibt es auch nicht mehr. Wenige zehntausend Jahre, und ich werde genesen sein. Aber ich werde ein anderes Antlitz haben und nicht mehr das blaue Kleid tragen, das ich so liebte. Und diese letzte Krankheit werde ich nie vergessen!

 

 

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