Bürgerinitiativen - Citizens Action Committees - 1

 

 

Ute Becker – Aktivistin und Chronistin von Citizens Action Committees

 

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Ein herrschaftliches Zwillingspaar am Stuttgarter Platz - Chroniken der Häuser Nrn. 15 und 16

 

Vorwort

Am Stuttgarter Platz wurden "Wohnhäuser", "herrschaftliche Wohn- und Ge­schäftshäuser" und "hochherrschaftliche Wohnhäuser" gebaut, standen sie doch ge­genüber dem Bahnhof, auf dem die kaiserliche Familie auf dem Weg zum und vom Schloß Charlot­tenburg Station machte. Aber die "luftig" bebaute Doppel­anlage der "herrschaftlichen Wohn- und Geschäftshäuser" Stuttgar­ter Platz 15 und 16 sticht besonders hervor. Nach der Hobrecht-Planung hätte das große Doppel­grundstück durch­aus mit "Mietskasernen" voll bebaut werden können, das heißt: dichteste Wohn­bebauung mit engen Hofschächten und minimaler Belichtung und Belüftung. Der ge­waltige Block 236 ist schon auf dem Hobrecht­plan konzipiert. Glücklicherweise hatte die reiche Stadt Charlot­tenburg zu Ende des letzten Jahrhunderts vor einer derartigen Bebauung eine Vollbremsung gemacht. Uns Mietern ist der in sich geschlossene Komplex zweier Wohnhäuser mit einem großen Doppel­hof sowie zwei kleinen Hinter­höfen, die näher an der Kantstraße liegen als am Stuttgarter Platz, beschert worden. Die beiden Häuser wurden von demselben Bauherren entwor­fen und ausge­führt, von Otto Emil Alfred Schrobsdorff, dem Bau­unternehmer, der bis 1908 mit seinem Bauimpe­rium im Stuttgarter Platz 15 resi­dierte.

 

Die Fassaden der beiden Häuser waren nicht identisch. Das Haus Nr. 15 trug 3 Gie­bel, das Haus Nr. 16 nur zwei, dafür aber die höheren. Beide Fassaden waren, wie alle Häuser am Stuttgarter Platz, durchgängig mit Stuck versehen, alle Balkone mit schmiedeeisernen Gittern. Sie "tru­gen" Markisen gegen Süd­sonne und den Kohlendreck der Eisenbahn. Beide Fassa­den wiesen je zwei Erkerstränge aus. Beide Häuser waren mit je drei Läden ausgestattet. Beide aufwendig gestalteten Eingänge des Vorderhauses demonstrierten ihre "Herrschaftlichkeit" durch das Vestibül und die direkt in das Hochparterre füh­rende Treppe.

 

Eingänge, Durchgänge, Läden sowie die beiden Vorderhäuser Stuttgarter Platz 15 und 16 mit ihren je zwei Hintereingängen Portal 2 und 3 wurden fast zeit­gleich kon­zipiert, genehmigt und ausgeführt: In den Jahren 1893 bis 1895. Sie wurden von vornherein spiegelverkehrt angelegt. Anfang dieses Jahrhunderts folgte die Bebauung der beiden großen Grundstücke hinter den Vorderhäusern mit je einem Seitenflügel und je einem Quergebäude. Die aber im Abstand von vier Jahren: 1903 und 1907. Auch sie vom Unternehmen Schrobsdorff entwor­fen und ausgeführt. Da sie wieder spiegelver­kehrt angelegt wurden, bil­dete sich der größte zusammenhängende Innenhof am Stuttgarter Platz heraus, der schon damals eine grüne Insel im Straßenlärm und -dreck darstellte. Aller­dings wurde der große Doppelhof nie gemeinsam ge­nutzt. Er wurde von beiden Seiten als gärtnerische Anlage gestaltet, ge­pflegt durch einen wert­vollen schmiedeeisernen Zaun voneinander getrennt und durch weitere "eingefriedet". Im Hof Stuttgarter Platz 16 wuch­sen, eng beieinanderstehend, drei Kastanien heran, die heute die gute Luft im Hof ga­rantieren, aber auch viel Licht schlucken. Die nach außen abgeschlossene Anlage des Hofes brachte jedoch den Nachteil einer immensen Hellhörigkeit des bewohnerstarken Doppelhauses zum Hof mit sich.

 

Beide Häuser beherbergten im Vorderhaus eine arrivierte Bevölkerungsschicht, wie z.B. Rich­ter, höhere Beamte der Bahn u.ä. Der Hauseigentümer vom Stutt­garter Platz 15 soll seine Mieter bis zu seinem Tode im Jahr 1942 handverlesen haben, wird erzählt. Die Sorgfalt für das Nachbarhaus Nr. 16 wurde im Dritten Reich zwangsläufig unterbrochen, da man die Eigentümer zu enteignen ver­suchte. Bis zu der offiziellen Wiedereinsetzung der in alle Welt verstreuten Erben der Alt­eigentümer im Jahr 1963 fungierte nur eine Hausverwal­tung. Die Bau­substanz litt darunter. Das Haus Nr. 16 wurde 20 Jahre später mit einer Zen­tralheizung versehen und getrocknet als das Haus Nr. 15.

 

Die unterschiedlichen Kriegsschäden und die unterschiedliche Art, diese zu be­heben, schieden die Häuser noch mehr voneinander. Die meisten Häuser im Block 236 des Stuttgarter Platz hatten den Krieg er­staunlich gut überstanden. Diese beiden Häuser wurden als nur "mittelschwer" zerstört registriert. Das Haus 15 wurde im rechten Vorderhaus getroffen, das Haus 16 im lin­ken Quer­gebäude. Obwohl alle Häuser, die nach dem Krieg vom Stuck "befreit" wurden, ihre Individualität verloren, bewahrte das Haus Nr. 16 sein Wahrzeichen, seinen Kopfschmuck: Die beiden getreppten Giebel des Fabrik­besitzers Quinckardt, deren Höhe er wohl gegen den Widerstand des Erbauers und Nachbarn Schrobsdorff durchgesetzt hatte, überlebten die Bombenangriffe. Sie ragen noch heute über die Traufen der Nachbarhäuser hinaus. Auch das Vesti­bül des Stutt­garter Platzes 16 mit seinem bis ins Hochparterre reichenden, schmiedeeisernen Treppengeländer ist original erhal­ten und seit 1995 denkmal­geschützt.

 

Als die Fassade des Hauses Nr. 16 im Jahr 1992 grundle­gend renoviert wurde, wur­den die Bänder, die elegante, stuckierte Quaderung der Hoffassade, ihre Simse, wiederher­gestellt. Das gesamte Haus wurde weiß gestrichen, so daß es heute wie ein weißer Schwan am Stuttgarter Plat­z ruht. Optisch störend sind die material­fremden Dachaufbauten.

 

Die "kleine" Vorgeschichte, die zum Bau der beiden Häuser führte

Nach der Gründung des Deutschen Reiches wurde 1871/72 von der Deutschen Ei­senbahnbau-Gesellschaft (DEG) eine Südwestbahn (Berlin - Erfurt, resp. Grim­melshausen) zur Ab­kürzung der Verbindung Berlins mit Süddeutschland und der Schweiz geplant. Sie sollte in der Nähe des Ostbahhofes beginnen und Berlin etwa in der Linie der heuti­gen Stadtbahn durchziehen. Die DEG holte sich bei Allerhöchster Stelle die Erlaubnis für den Bau ein.

 

Die Finanzkrise des Jahres 1873 aber ließ die DEG nicht über vorbereitende Ankäufe von Grundstücken in Berlin und Charlotten­burg hinaus­kommen. Die DEG wurde mit immer neuen Anforderungen und Ein­wendungen hingehalten, bis es dem Handels-Ministerium gelang, das Projekt der DEG ganz zu beseitigen. Die ursprünglich geplante Südwestbahn wurde aufgegeben.

 

Mit der Stadteisenbahn sollte Berlin eine Art langgestreckten "Centralbahnhof" erhalten, vom Ostbahnhof, bzw. Stralau-Rummelsburg, bis zu dem weitläufigen Bahnhof in der Feldmark Charlottenburg, bzw. Westend. Eine Strecke von 19,6 Kilometern, die den preußischen Staat 754 Millio­nen Mark kosten sollte. 1878 ging sie in das Eigentum des Staates über. Die König­liche Direktion der Berliner Stadteisenbahn vollendete den Bau bis 1882.

 

Als westliche Fortsetzung der Stadtbahn wurde nach der Aufgabe der Südwest­bahn die Verbindung Berlin - Frankfurt a.M. geplant. Für die notwendigen Abkürzungslinien nach Wetzlar (Charlottenburg - Wannsee - Drewitz - Belzig - Blankenheim) legte die Regierung im Dezember 1872 dem Abgeordnetenhaus die "große Eisenbahnvorlage" in Höhe von 152.250.000 Mark vor. Der Preußi­sche Staat wollte den Eisenbahnbau nicht Privaten überlassen. Die öffentliche Debatte um die Verstaatlichung der Eisenbahnlinien brach auf. Der Preußische Staat begehrte das Landverkehrsmittel Eisenbahn für seine Vor­herrschaft, für Militär- und Gütertransport und als Einnahmequelle.

 

Die DEG hatte frühzeitig und weiträumig in der Feldmark Charlottenburg Land der Ackerbau­ern für die geplante Trasse auf­gekauft, ohne den Zweck des Unter­nehmens zu nen­nen, zuerst an der Grenze zu Wilmersdorf, dann weiter nördlich auch in der Kessellake, dem späteren Stuttgarter Platz. Als sich der Zweck des Un­ternehmens nicht mehr verheimlichen ließ, stieg der Bodenwert, und Ankäufe wurden als Grundschuld verzeichnet.

 

1873 forcierte Bismarck die Verstaatlichung der Eisenbahnen in Preußen. Die DEG verzichtete im Mai 1873 auf ihr Vorrecht zum Bau der Berliner Stadteisen­bahn zugunsten des Staates. Damit die DEG nicht ihre zahlreichen und wert­vollen Grund­stücke zu dieser Trasse an Privat verkaufte, wurde die Königliche Seehandlungs-So­cietät im August 1873 vom Finanzminister ermächtigt, der DEG einen Vorschuß von 600.000 Thalern zu gewähren. Im Dezember 1873 ver­pflichtete sich die DEG, dem Fiscus oder einer zu bildenden Berliner Stadtbahn-Gesellschaft die erworbenen Grundstücke zu verkaufen. Die DEG zeichnete auf 4 Mil­lionen Thaler an der Berliner Stadtbahn Aktiengesellschaft, weil ihr die Übernahme von Grundstücken im Wert von 6 Millio­nen Thalern zugesagt wor­den war. Die DEG zahlte ihren 10 %igen Anteil in Form von Grundstücken ein.

 

Nach Planfeststellung teilte die Königliche Stadteisenbahn-Direktion in Berlin der DEG im September 1875 mit, daß sie beabsichtigte, in allernächster Zeit die Erdarbeiten auf dem Endbahnhofe Charlottenburg zu beginnen. Sie bat die DEG um die Überlas­sung näher bezeichneter Grundstücke. Die DEG löste die Pacht­verträge mit den Nut­zern und wollte die angeforderten Flurstücke überge­ben. Im Dezember 1875 verwei­gerte die Berliner Stadtbahn Aktiengesellschaft, an der auch an­dere private Eisenbahngesellschaften beteiligt waren, die Entgegen­nahme der Auflas­sung und Auszahlung der DEG mit der Begründung, daß der Umfang der erforderli­chen Grundstücke noch nicht feststehe.

 

Zwischen November 1875 und Juni 1877 wurden die Stadtbahn-Projekte nun­mehr in einzelnen Abschnitten festgestellt, bzw. ausgelegt. Die Königliche Eisenbahnbau-Direktion versuchte, mit ihrer Trasse die Grundstücke der DEG zu umgehen. Ab De­zember 1975 wurden gegen 29 der hypothekenbelasteten Grundstücke der DEG Ent­eignungs-Verfahren zwecks Anlage der Berliner Stadt­bahn eingeleitet. Die Königliche Seehandlungs-Societät wurde aufgefordert, im Sinne der Preußischen Staatseisenbahn Grundstücke von DEG zu erwerben. Diese bestand aber auf pfandfreier Ab­schreibung der Grundstücke, woraufhin die Expropriation der Hypothekeninhaber, meistens Ackerbürger, einsetzte.

 

Ab 1876 verstärkte Bismarck die Bestrebungen zur Verstaatlichung der preußi­schen Eisenbahnen noch mehr und schuf 1879 zu diesem Zweck das Ministe­rium für Öf­fentliche Arbeiten. Die Staatsbahn Berlin-Blankenheim (Wetzlar) wurde vollendet. Bis 1885 hatte die preußische Regierung alle wichtigen Privat­bahnen aufgekauft. Noch ein Jahrzehnt später waren 95 % aller Eisenbahnen im Eigentum des preußischen Staa­tes. Preußens Übermacht wuchs.

 

1877 überstieg die Einwohnerzahl Berlins eine Million. Der Kreis der Ringbahn wurde geschlossen. Die Stadteisenbahn sollte diesen von Ost nach West durch­queren. Die Ent­eignungsverfahren der DEG durch die Königliche Stadteisenbahn-Direktion weiteten sich auch auf die Grundstücke aus, die nicht mehr zum Bau der Trasse notwendig waren. Die DEG war durch Zinseszinsen und Kredite bei der Königlichen Seehand­lungs-Societät hoffnungslos verschuldet. Ihr Grund­besitz wurde von dieser mit einer Korreal-Hypothek belastet.

 

1882 wurde die Linie der Berliner Stadteisenbahn auf 731 ge­mauerten Viaduk­ten eröffnet. Sie überquerte 56 Straßen und 7 Wasserwege. Ihre Stationen waren: Schlesischer Bahnhof, Jannowitzbrücke, Alexanderplatz, Friedrich­straße, Lehrter Bahnhof, Bellevue, Zoologischer Garten, Charlottenburg, Westend. Im Februar 1882 wurden die zwei nördlichen Gleise dem Nahverkehr, im Oktober 1882 die beiden südlichen Gleise dem Fernverkehr übergeben. Europa hatte seine erste Viadukt-Bahn, und der ländliche Fachwerkbau des Stadtbahnhofes Charlottenburg stand einsam in der Feldmark. So war es beabsichtigt vom För­derer der Stadteisen­bahn, dem Geheimen Baurath und Architekten August Orth, der die hochnotwendige Wohnbauung und deren Rentabilität in der Nähe des neuen Verkehrsmittels voraus­sah. Den Grundstücken in unmittelbarer Nähe der Stadtbahnstationen, auch wenn sie damals im Zuge der Zwangsversteigerungen sehr stark im Wert zurückgegangen waren, sagte er den höchsten Wert Charlotten­burgs voraus. Und in Berlin warteten Mieter unter unsäglichen "Wohn"bedingungen auf neue Wohngebiete außerhalb der Stadt Berlin.

 

Die Gleisanlagen der Berliner Stadteisenbahn schlossen im Westen an die Linien nach Wetzlar, Hamburg, Lehrte an. Die neue Stadt Charlottenburg wuchs an die Altstadt heran. Das Kanalisationssystem I zwischen Tiergarten im Osten und der Ringbahn im Westen Charlottenburgs wurde in Angriff genommen. Östlich vom Bahnhof Charlottenburg der Berliner Stadteisenbahn führte die Wilmersdorfer Straße unter der Trasse nach Süden. Bebaut war sie nur bis zum Mühlendamm (Bismarckstraße). Ca. 400 Meter weiter westlich führte ein "Grüner Weg" (Windscheidstraße) nach Norden zur Schloßstraße. Das war im Jahre 1882 der zerschnittene Platz B des Herrn Hobrecht - der spä­tere Stuttgarter Platz.

 

Am 17. November 1882 wurde gegen die DEG das Konkursverfahren eingelei­tet. Königliche Seehandlungs-Societät erwarb sämtliche Grundstücke der DEG im Zuge der Zwangsversteigerung. Die für die Trasse nicht mehr notwendigen Grundstücke mußte sie nun profitabel an Privat abstoßen, um Deckung für Dar­lehen und Zinsen zu erhalten. Ihr Grundbesitz lag zu großen Teilen in der Feld­mark Charlottenburg östlich des Lietzensees, in der Kessellake, bei der See­handlung auch als "Kesselhaken" geführt. Sie waren von den Ackerbauern, erst Eigentümern, dann Pächter, mit Remisen, Ställen, Scheunen und ähnlichem bebaut. Dort eignete die Königliche Seehandlungs-Societät jetzt über 3.100 Ar Land im Wert von mehr als 3 Millionen Mark bei einer Durchschnittstaxe von ca. 10,-- Mark/qm, die sie von der DEG für ca. 1.308.400,-- Mark, also für 4,25 Mark/qm erworben hatte.

 

Durch diese Kessellake hatte einst der Haupt-Graben, der sich nach dem Karpfenteich an der Sparrenstraße mit dem Lietzensee-Abfluß vereinte, klares Wasser durch den Küchengarten des Schlosses, das von Warten­berg'sche Grundstück, zur Spree geführt. Doch durch die Abwässer der Dörfer Wilmers­dorf und Schöneberg war er zur Kloake und zum Schwarzen Graben geworden. Dieses stin­kende Wasser floß, dem späteren Landwehrkanal an der Potsdamer Straße ent­springend, einen Halbbogen beschreibend, durch Schöneberg, Wil­mersdorf, über den Olivaer Platz, durch die Giesebrechtstraße von Süden zum östlichen Ende des Platzes B unter der Stadtbahntrasse hindurch, machte nörd­lich der Trasse einen Knick nach Westen in die Straße 10 a (Bahnhofsvorplatz) und lief unter dem späteren Haus Stuttgarter Platz 12 mitten durch die Kaiser-Friedrich-Straße zum Lietzenseeabfluß. An eine Bebauung des Bahnhofvor­platzes war also nicht zu denken. Der Verkauf der Grundstücke stagnierte auch, weil die Straßen am Vorplatz nicht reguliert werden konnten. 1884 drohte weiterer Wertver­lust durch die Verlagerung des Fernverkehrs vom Bahnhof Charlotten­burg zum neu erbauten Bahnhof Zoologischer Garten. Diese Befürchtung war unbegründet. Abge­sehen von den Stadtzügen, hielten 1884 auf der Fernstation Charlottenburg täglich 114 fahrplanmäßige Züge. Was muß damals für eine Lärm- und Luftbelastung geherrscht haben.

 

Mit Kaufvertrag vom 14. März 1887 hatte die Königliche Seehandlungs-Societät das Terrain um den Stadtbahnhof Charlottenburg an einen Spekulanten, den Kaufmann Moritz Treitel, veräußert, der zurücktrat und eine Konventionalstrafe bezahlen mußte. Am 30. November 1887 kaufte der Fabrikbesitzer Hermann Schwenke, Berlin, der Königlichen Seehandlungs-Societät das gesamte Keitel-Paket für 2.800.000 Mark ab. Sein Kreditgeber war das Born & Busse Bank­geschäft, Berlin, an das er bald die gesamte Verpflichtung abtrat. Anfang des Jahres 1888 waren Born & Busse Eigentümer des gesamten Bahnhofsterrains und ließen durch den Charlot­tenburger Grundstücksmakler Glienicke den Päch­tern kündigen. So z.B. dem Herrn Gottlob Schmidt, Wilmersdorfer Straße 63/64, auf seinem Grundstück Band 19 Nr. 1078, oder dem Rentier A. Heller, Straße 15, Haus Bamberger, auf seinem Grund­stück Kesselhaken 23/24 (Band 41 Nr. 1845), beides Flurstücke in den Blöcken 236 und 238 am Stuttgarter Platz. Das Katasteramt im Königlichen Amtsgericht faßte Flurstücke zu Par­zellen und Blöc­ken zusammen.

 

Die Wilmersdorfer Straße wurde kanalisiert und stetig in Richtung Süden weiter bebaut. Im Jahr 1888 war das Eckgrundstück Wilmersdorfer Straße 67/Platz B (Wilmersdorfer Straße 66 a/Stuttgarter Platz 1) eine Baustelle. Der Eigentümer war der Bauunternehmer Otto Emil Alfred Schrobsdorff. Er hatte das Grundstück vom Charlottenburger Bahnhofs Terrain Born & Busse Bankge­schäft erworben. 1890 wurden das stinkende Wasser des Schwarzen Grabens in die Kanalisation der Wil­mersdorfer Straße umgeleitet und sein Bett in der Straße 12 zugeschüt­tet. Die nun besser riechende Straße 12 wurde reguliert, unter Verwendung einer fe­sten Unterbettung gepflastert, mit wenigen Gaslaternen versehen und mit zwei Baumreihen bepflanzt. 1892 bekam sie ihren Namen "Kaiser-Friedrich-Straße", der Platz B, die Straße 10 a, der Bahnhofsvorplatz den Namen "Stuttgarter Platz". Straßenschilder wurden an konsolartigen, schmiedeeisernen Armen angebracht, und unter den Straßenschildern wurden Nummernschilder befestigt. Pferdeeisenbahnen führten vom Bahnhof Charlottenburg durch die Kaiser-Friedrich-Straße sowie vorbei am Amtsgericht zum Spandauer Berg.

 

1891 sollte eigentlich der gesamte Bereich vor dem Bahnhof Charlottenburg zwi­schen der Wilmersdorfer Straße und der Straße 15 - V - 3 (Windscheidstraße) regu­liert werden, um die Bebauung zu fördern. Doch das scheiterte, wie heute im Jahre 1999, an den Eigentumsverhältnissen um den Stadtbahnhof herum. Erst im Jahr 1892 gelang es der Stadt Charlottenburg, mit dem Fiskus der Königlichen Eisenbahn-Verwaltung einen Vertrag zur Übereignung dieses Abschnittes abzuschließen und damit das zur Straßenregulierung des Bahnhofs­platzes notwendige Terrain vom Ei­senbahnfiskus zu erwerben. Dazu aus dem Bericht der Tiefbaudeputation des Etatjahres 1891/1892:

 

"... Der Eisenbahn Fiskus übereignet der Stadtgemeinde Charlottenburg grundbuch­lich zu vollem Eigenthum dasjenige fiskalische Gelände, welches zwi­schen der Straße 15 (grüner Weg) und der Wilmersdorfer Straße im Süden durch eine im Abstande von 18.0 m von der nördlichen Bauflucht parallel mit dieser gezogenen Linie begrenzt wird, sodaß also die Straße nach Auflassung des zur nördlichen Privat Adjacenz ge­hörigen Straßenlandes sich in einer Breite von 18.0 m im vollen städtischen Eigen­thum befindet. ..."

 

Danach ging es Schlag auf Schlag: Auch die Straße "Stuttgarter Platz" wurde aus rechtwinklig bearbeiteten Steinen IV. Klasse mit Schotterunterlage herge­stellt, Gas­lampen aufgestellt. Anfang der 90er Jahre war die Ecke des Stuttgar­ter Platzes mit der Wilmersdorfer Straße bebaut. Im Jahre 1894 standen die Häuser Stuttgarter Platz 1 bis 12, im Jahre 1896 auch die Häuser Stuttgarter Platz 13 bis 19. Die erste Häuserzeile (Block 238) wurde im Jahre 1890, die zweite (Block 236) im Jahre 1893 an die Kanalisation angeschlossen. 1895 wurde der Stuttgarter Platz gärtnerisch gestaltet. Die aufstrebende Bahnhofs­gegend hatte 1899 ihr Polizei-Revier an der Kantstraße 100/Ecke Kaiser-Fried­rich-Straße 50. Die Bebauung der Blöcke 235 und 237 ließ bis 1905 auf sich warten. In den 20 Jahren zwischen z.B. 1885 und 1905 war die Bevölkerung der Stadt Charlottenburg von ca. 42.000 Menschen auf 140.000 angewachsen. Charlottenburg wurde die dichtest besiedelte, aber auch die reichste Stadt Preu­ßens. Jetzt wuchsen Palmen am Stuttgarter Platz.

 

Schon im Jahr 1890 hatte der Berliner Kaufmann Dawid Mugdan, vertreten durch Moritz Mugdan junior, handschriftlich Baugesuche für Wohnhäuser auf den Grundstüc­ken Stuttgarter Platz Nrn. 1 a bis 8 gestellt. Das Eckgrundstück Wilmers­dorfer Straße 66 a/Stuttgarter Platz 1 war im Besitz von Alfred Schrobs­dorff. In den Folgejahren verkaufte Moritz Mugdan die meisten dieser Grund­stücke, ob be­baut oder unbebaut, gewinnträchtig weiter, meistens an die pro­sperierenden Hand­werker der Stadt Charlottenburg, erwarb im Jahre 1893 die Grundstücke bis zur Kai­ser-Friedrich-Straße, die Nrn. 9 - 12, sowie hinter der Kaiser-Friedrich-Straße auch die Häuser Nrn. Stuttgarter Platz 13/Ecke Kaiser-Friedrich-Straße 54 a und Stuttgarter Platz 14 und reichte 1893 nunmehr für diese Häuser Baugesuche ein. Die Familie Moritz Mugdan, später seine Witwe Betty Mugdan und Erben, behielt einzig die Häuser Stuttgarter Platz 13 und 14 und verlor diese vorübergehend an die Nationalsozialisten. Die Spekulationslust des Kaufmanns Moritz Mugdan bewirkte, daß es noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hieß: "Der Stutti - der war doch ganz in jüdischer Hand."

 

Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts fand am Charlottenburger Bahnhofsvor­platz, dem späte­ren Stuttgarter Platz, offenbar ein spannendes Wettrennen um Bau­land statt. Auf der anderen Seite der Kaiser-Friedrich-Straße, im Block 236, war der ehrgeizige, junge Kaufmann Moritz Mugdan junior durch den ehrgeizigen, jungen Bauunternehmer Alfred Schrobsdorff überholt worden. Der hatte als Einwohner der Stadt Charlot­tenburg einen Standortvorteil gegen­über dem Berliner Mugdan. 1892 hatte er sich mit 31 Jahren für de­ren Stadtverordneten­versammlung aufstellen und für die Periode vom 1. Januar 1892 bis zum 31. Dezem­ber 1897 wählen lassen. Er befand sich dort in bester Interes­sensgemeinschaft. Ma­gistrat und Abgeordnetenhäuser wurden nach dem Dreiklas­senwahlrecht von Grund- und Hauseigentümern beherrscht.

 

Alfred Schrobsdorff's Terraingesellschaft Stadtbahnhof Charlottenburg, Wil­mersdorfer Straße 66 a, und die Miteigentümer von Adelson und Kitzerow, hat­ten vom Bankkaufmann Sigmund Born den Block 236 in Gänze erworben. Das Bauland wurde in 25 Parzellen aufgeteilt. Sie liefen gegen den Urzeigersinn von der Kaiser-Friedrich-Straße 54 a (Parzelle 1) zum Stuttgarter Platz 14 (Parzelle 25). Moritz Mugdan erwarb von Schrobsdorff's Terraingesellschaft Stadtbahn­hof Charlottenburg die Parzelle 25 (Haus Nr. 14) und später noch die Parzelle 1.

 

Die Parzelle 24 (Haus Nr. 15) aber wurde mit ei­ner Größe von 2.374 qm abge­steckt. Das Nachbargrundstück, die Parzelle 23 (Haus Nr. 16), in der Form fast identisch, umfaßte 2.369 qm. Die Parzelle 24 behielt sich Alfred Schrobsdorff zur Eigennutzung vor, die Nachbarparzelle veräußerte er an seinen Nachbarn auf den Grundstücken Wilmersdor­fer Straße 66 und Stuttgarter Platz 1 a, den Far­benfabrikanten F.W. Quinckardt, Ren­tier. Sie schienen sich verstanden zu haben. Auch die anderen Grundstücke in diesem Block wurden von der Terraingesell­schaft Stadtbahnhof Charlottenburg gewinnbrin­gend veräußert. Bis zur Windscheidstraße 20 wurden sie von Alfred Schrobsdorff mit einfachen, herr­schaftlichen und hochherrschaftlichen Wohn- und Geschäftshäusern bebaut. Sein Bauunternehmen residierte ab 1895 im Stuttgarter Platz 15, er privat mit Familie ebenfalls.

 

Der Baulöwe Schrobsdorff entstammte verarmtem brandenburgischem Landadel. Otto Emil Alfred Schrobsdorff war im 29. Dezember 1861 im Stammhaus der bran­denburgischen von Schrobsdorff geboren worden. Er legte den Adelstitel zugunsten einer lukrativen Karriere in Berlin ab. 1882 stand in der Kirchstraße 14 stand das Schrobs­dorff'sche Haus von Gustav Schrobsdorff und seinem Fuhrhandel. Vielleicht wohnte Alfred Schrobsdorff anfangs dort. 1883 jedenfalls gründete Alfred Schrobs­dorff in der Straße 28 am Reitplatz (später Danckel­mannstraße Nr. 9) als "Baumeister" sein Bauunternehmen. Er arbeitete dort die ersten Jahre, kaufte das Grund­stück Knobelsdorffstraße 15 und andere, aber 1888 vor allem das erste Grundstück in der Wilmersdorfer Straße, an der Ecke des zukunfts- und profitträchtigen Platzes B am Stadtbahnhof Charlottenburg.

 

1892/93 war der Bau des Eckhauses beendet. Dort gründete der Eigentümer Alfred Schrobsdorf seine in Charlottenburg domizilierende Aktiengesellschaft in Firma "Terraingesellschaft Stadtbahnhof Charlotten­burg", deren Direktor er war, sein Bauunternehmen und seine Familie. Er heiratete Annemarie Opper­mann aus einem wohlsituierten Bürgerhaus. Der älteste Sohn wurde noch dort gebo­ren, die beiden anderen schon im Stuttgarter Platz 15, wohin 1895 mit Unternehmen und Familie umgezogen war. Am Stuttgarter Platz 15 baute Alfred Schrobsdorff sein Bauimperium zur "Neu-Westend-Aktien-Gesellschaft zur Grundstücksver­wertung Charlottenburg" aus. 1908 ver­kaufte Alfred Schrobsdorff senior auch dieses Haus und ließ sich, "Baukönig von Charlottenburg" genannt, im Westend in der Ahornallee 22 nieder. Seine außergewöhnliche Jugendstil-Villa dort wurde im Krieg zerstört. Heute steht nur noch das Kutscher"häuschen" auf dem Nach­bargrundstück.

 

Mit dem Hausbesitzer Wilhelm Quinckardt schließt sich vorerst der Reigen der Haus­besitz-Konzentration am Stuttgarter Platz. Als doppelte Hausbesitzer am Platz können noch der Kaufmann Kowalski, der Bauunternehmer Skobel, der Maurermeister Nach­tigall genannt werden. Im Dritten Reich ist es wieder zu gewissen "Konzentrationen" im Hausbesitz am Stuttgarter Platz gekommen.

 

Die Chronik der Zwillingshäuser Stuttgarter Platz 15 und 16

Die beiden Häuser wurden zwar beide von Al­fred Schrobsdorff entworfen und erbaut, aber schon mit dem Verkauf des Hauses Nr. 16 an den Farbenfabrikan­ten Wilhelm Quinckardt trennten sich ihre Wege.

 

Das Haus "Stuttgarter Platz 15"

Februar 1893

Das Königliche Katasteramt trennt das Trennstück No. 24 (Gemarkung Charlotten­burg Blatt 8) aus dem Blockgrundstück zwischen der Kaiser-Friedrich-Straße, der Kantstraße, der Straße 15, und dem Stuttgarter Platz belegenen, im Grundbuche von der Stadt von Charlottenburg unter Band 104, Blatt 3935, der Herren Hans von Adel­son und Miteigentümer zu einem selbständigen Grund­stück ab. Die beiden Herren sind Miteigentümer der in Charlottenburg domizilie­renden Aktiengesellschaft in Firma "Terrain-Gesellschaft Stadtbahnhof Charlot­tenburg" von Alfred Schrobsdorff. Das Haus wird das Domizil dieser Gesell­schaft.

 

Die Parzelle 24 stößt an die Parzelle 23 (Stuttgarter Platz 16), Parzelle 25 (Stuttgarter Platz 14) und die Parzellen 8 und 9 an der Kantstraße.

Die Größe der Parzelle 24 ist laut dem Königlichen Katasteramt 23 Ar 74 qm = 167,37 Ruthen = 2.374 qm und bestand einmal aus verschiedenen Stücken Acker­land.

 

Eintragungen in das Grundbuch von der Stadt Charlottenburg

1893

Alfred Schrobsdorff, Hans von Adelsen, F. Kitzerow

1908

Hermann Henning

28. Februar 1943

Konteradmiral Henning und Margarethe Henning

 

Aus der Chronik des Hauses

Mai bis Juni 1893

Statische Berechnung, Baugesuch und "Zeichnung zur Erbauung eines herr­schaftlichen Wohn- und Geschäftshauses auf dem Grundstück des Herrn Archi­tekten A. Schrobsdorff (Bauzeichner: Herr Koch) am Stuttgarter Platz, Parzelle 24, eingetragen unter Band 129, Blatt 4679" an die Königliche Bauinspektion.

Das Grundstück ist 2.373,98 qm groß (22 m x 104 m). Geplant sind der Bau des Vorderhauses mit kurzen rechten und linken Seitenflügeln.

Das Haus soll 22 m breit, 22 m hoch und 15,20 m tief sein.

Die Zeichnung der Fassadenansicht weist auf dem Dachfirst ein schönes schmiedeei­sernes Gitter, den Namenszug "A. Schrobsdorff" sowie eine Vorrich­tung für eine Fahne. Die Fahnenstange soll mit dem Blitzableiter verbunden wer­den. Die Fassade weist 2 runde und einen spitzen Giebel in der Mitte auf, Quer­bänder als Stuck und Bildhauerarbeiten. Über dem Durchgang zum Hof steht "Atelier". Die Eingangstür zum Vorderhaus ist mit aufwendigen schmiedeeiser­nen Arbeiten gestaltet. Die Treppe dahinter führt sofort ins Hochparterre. Die Geschäfte weisen Rundbögen auf.

Mit den Stuckarbeiten wurde die Firma Drechsler und Ernst, Bildhauer, Zoppoter Straße 16, Schmargendorf bei Berlin, beauftragt. Sie sind im August 1895 beendet.

 

7. Juli 1893 bis 30. Juni 1894

Der Eigentümer Alfred Schrobsdorff erhält seinen Bauconsens, Journal No. 2477 III/93, No. 361 der Bauscheinliste, der um weitere ergänzt wird.

Links im Vorderhaus befinden sich 4-Zimmer-Wohnungen, rechts 5-Zimmer-Wohnun­gen. In einer wohnte die Familie des Eigentümers. Im 1. Stock befinden sich die Kon­tore, das heißt die Büros der Baugesellschaft.

Auf dem großen, hinteren Grundstück sind Pferdeställe und eine Remise geplant. Der Rest des langen Grundstückes wird als Garten ausgewiesen. Im Keller des linken Hofaufganges sind Back­stube, Waschküche und Kohlenkeller geplant. Der linke La­den ist als "Restaurant" ausgewie­sen, darunter eine Kegelbahn. Rechts neben der Durchfahrt zum Hof sind zwei Läden geplant. Alle Läden sind durch hübsche, tiefe schmiedeeiserne Gitter geschützt. Hinter den Läden liegen jeweils "Stuben".

 

Februar 1894

Es wird das Baugesuch für den Bau des Stallgebäudes, die Einrichtung der Bäc­kerei und der Kegelbahn eingereicht.

 

September 1894

Der Rohbau des Vorderhauses mit kurzem rechten und linken Seitenflügel wird abge­nommen.

 

August 1894 bis Februar 1895

Das Tiefbauamt legt die Bedingungen für die Entwässerung fest. Der Eigentümer er­hält die Erlaubnis, die Entwässerungsanlage zu nutzen. Auf dem Hof sind ein Closet im Geräteschuppen und ein Gully vor dem Pferdestall geplant.

 

1894 bis 1896

Das Haus mit seinen Bädern, Closets, Waschküchen, Gullis wird an die Entwäs­serung angeschlossen.

 

Anfang 1895

Der Eigentümer Alfred Schrobsdorff firmiert mit seiner Bau- und Immobilien Gesellschaft "Terraingesellschaft Stadtbahnhof Charlottenburg" im Stuttgarter Platz 15. Später wird er dort seine Neue-Westend-Aktien-Gesellschaft für Grundstücksverwertung, Charlottenburg, Stuttgarter Platz 15, einrichten. Sprechzeiten: 8 - 12, 3 - 7 Uhr, Fernsprecher: Amt Charlottenburg 4391.

 

Januar 1997

Die Wirtschaftsbauten auf dem Hof wachsen an den rechten Seitenflügel des Vorder­hauses heran. Der Plan weist auf:

1          Wagenremise, 2            Pferdestall, 3     Comptoir, 4       Lagerraum für Salz- und, 5         Gewürze, 6            Geräteschuppen sowie eine Kutscherstube, ein Closet und Gully.

 

14. Juni 1899

Der Kaufmann Oscar Anspach, Stuttgarter Platz 7, verunglückt, nachdem er seine Brötchen bei dem Bäcker Hafenau eingekauft hat, auf dem abschüssigen Trottoir vor dem Haus Nr. 15.

 

4. September 1899

Der Polizei-Leutnant Glasener im Revier Kantstraße 100 nimmt zu diesem Unfall das Protokoll auf. Rechtsanwalt Schwabe vertritt den Kaufmann Anspach und beschwert sich bei der Königlichen Polizeidirektion zu Charlottenburg.

 

März/ April 1907

Erst vier Jähre später als sein Nachbar Quinckardt reicht Alfred Schrobsdorff Stati­sche Berechnungen, Baugesuch und Zeichnungen für die Wohnbebauung des ge­samten Grundstückes mit einem langen, rechten Seitenflügel, einem Quergebäude und einem zweiten Hof ein. Ihm standen seine eigene Wirtschafts­räume auf dem Hof im Weg. Er ist auf dem Absprung in den Westend. Ein voll bebautes Grundstück dürfte den Wert seines Grundstückes erheblich steigern. Der Oberbürgermeister äußert seine Bedenken gegen die zu große Tiefe der Bebau­ung.

 

3. Mai 1907

Alfred Schrobsdorff erhält den Bauschein Nr. 88. Der Baubeginn ist im Septem­ber 1907.

 

23. März 1908

Alfred Schrobsdorff beantragt die Installation eines sehr schönen Einfriedungsgit­ters im Hof.

 

1908

Alfred Schrobsdorff verkauft das Haus an den Kaufmann Hermann Henning. Dieser ist bis zu seinem Tode Im Jahr 1942 Eigentümer des Hauses.

 

Dezember 1910

Es gibt eine Drogerie im Haus.

November 1924

Es gibt den "Reise Bazar" im rech­ten Laden, mit:

1 eisernen Schaukasten im Eingang des Hauses und am Erker

1 schwarzes Glasschild mit Milchglasbuchstaben. Text: "Koffer und Reisbazar".

Es gibt den Zigarrenladen A.M. Eckstein & Sohn im mittleren Laden.

Juli 1927

Es gibt im linken Laden ein Restaurant.

1930

Es gibt die Nachtbar "Engelhardt-Quelle" im Haus.

September 1935

Es gibt einen Milchla­den im Haus.

 

1942/1943

Der Eigentümer Henning stirbt. Seine Erben werden als Eigentümer in das Grundbuch eingetragen.

 

1945

Das Haus weist im Vorderhaus Fliegerschäden durch Sprengbomben auf: Das Dach über dem Vorderhaus ist beschädigt, die oberen Stockwerke des rechten Vorder­hauses sowie die oberen drei Stockwerke im rechten Seitenflügel. Es wird der Bau eines neuen Daches beantragt. Das Haus wird als "mittelschwer" beschädigt registriert.

 

1948

Ein Mieter im Portal 1, 4. Stock, beschwert sich wegen diverser Mängel beim Polizei-Wachtmeister.

Das Befahren des Hofes ist verboten, seitdem er unterkellert ist.

 

1951

Das Dach wird recht und schlecht wieder aufgebaut.

 

1952

Die Schaufenster des Vorderhauses werden umgebaut. Der linke Laden ist die "Stuttgarter Quelle".

 

3. September 1954

Eine Unterschriftensammlung fast aller Mieter des Hauses gegen den Erweiterungs­bau der "Stuttgarter Quelle", linker Seitenflügel bis zum Hof, geht als Beschwerde an die Bau- und Wohnungsaufsicht: "Wir ... sind nicht gewillt unser Wohnhaus in einen Puff verwandeln zu lassen ..." Desgleichen wenden sie sich gegen das Hundegebell, das von dieser Kneipe ausgeht.

 

Oktober 1954

Der rechte Laden ist ein Uhren- und Goldwarengeschäft.

 

Mai 1956

Der rechte Laden ist ein "Massagesalon". Der Umbau des Fensters wird bean­tragt.

 

Januar 1959

Die Gaststätte im Laden links, jetzt "Arche Noah", wird umgebaut. Die hinte­ren Wohnräume sollen "Vereinszimmer" werden. Es erfolgt eine Anzeige wegen Zweckentfremdung. Noch wehren sich die Mieter. Am 4. Februar 1960 wird die Genehmi­gung er­teilt.

 

1960

Die Wohnungen im 4. Stock des Vorderhauses sind noch nicht wiederherge­stellt. Sie werden gesperrt. Der ursprüngliche Zuschnitt der zerstörten Wohnun­gen im Vor­derhaus und Seitenflügel, 4. Stock, wird sehr verändert.

 

Juni 1961

Im Haus befindet sich eine Wechselstube.

 

1963

Im mittleren Laden befindet sich das Schuhgeschäft Fa. Mefa Schuhhandels GmbH.

 

Juli 1962

Ein Spielcasino wird in der "Arche Noah" eingerichtet, in denen das Kartenspiel "Ramso" gespielt wird. Ohne Er­laubnisschein ist es verboten.

 

August 1968

Es erfolgt die Erlaubnis für den Betrieb eines Spiel­casinos in einem Raum von 36 qm in der "Arche Noah", deren Betreiber jährlich wechseln.

 

September 1972

Die Umwidmung des Ladens "Die Glocke", die 1967 ausgebaut wurde, zum Spielcasino wird beantragt.

 

Juni 1974

Der jetzige Eigentümer baut eine Öl-Zentral-Heizung für das gesamte Haus ein. Die Heizungsanlage befindet sich in dem Keller, in dem früher die Bäckerei untergebracht war.

 

September 1985

In der rechten Lokalität des Hauses eröffnet die "Mon Cherie Bar" ihren Betrieb.

 

Juni 1986

Für die linke Lokalität wird eine Wirtschaft bis in den Hof, in die Parterrewoh­nung über dem Heizungskeller, beantragt. Die frühere Genehmigung wurde offensichtlich zurück­gezogen. Eine neue wird nicht mehr erteilt.

 

November 1986

Es wird die Nutzungsänderung der linken Gaststätte in ein Sport- und Unterhal­tungszentrum mit der Konzession für 9 Geldspielgeräte beantragt.

 

Oktober 1987

Der mittlere Laden wird zum "Bistro" umgebaut.

 

September 1988

Das Haus wird zur Renovierung der Fassade eingerüstet.

 

30. August 1993

Der Öl-Heizungskessel wird erneuert.

 

1999

In den letzten 15 Jahren sind nunmehr alle 3 Läden des Hauses Nr. 15 in "gastronomische" Lokalitäten im weiteren Sinne umgewandelt worden. Von den drei Lokalitäten des Hauses strahlt kein Lärm mehr in den Hof ab.

 

 

Das Haus "Stuttgarter Platz 16"

Februar 1893

Das Königliche Katasteramt trennt das Trennstück No. 23 (Gemarkung Charlotten­burg Blatt 8) aus dem Blockgrundstück zwischen der Kaiser-Friedrich-Straße, der Kantstraße, der Straße 15, und dem Stuttgarter Platz belegenen, im Grundbuche von der Stadt von Charlottenburg unter Band 104, Blatt 3935, der Herren Hans von Adel­son und Miteigentümer zu einem selbständigen Grund­stück ab. Die beiden Herren sind Miteigentümer der in Charlottenburg domizilie­renden Aktiengesellschaft in Firma "Terrain-Gesellschaft Stadtbahnhof Charlot­tenburg" von Alfred Schrobsdorff. Das Grundstück wird 1893 als Bauland ange­boten und an Herrn Quinckardt verkauft.

Die Parzelle 23 stößt an die Parzellen 24 (Stuttgarter Platz 15) und 22 (Stuttgarter Platz 17) sowie an die Parzellen 10 und 11 an der Kantstraße.

Die Größe der Parzelle 23 ist laut dem Königlichen Katasteramt 23 Ar 69 qm = ca. 165 Ruthen = 2.369 qm und bestand einmal aus verschiedenen Stücken Ackerland.

 

Eintragungen in das Grundbuch von der Stadt Charlottenburg

Mai 1893

Die in Charlottenburg domizilierende Aktiengesellschaft in Firma "Terraingesellschaft Stadtbahnhof Charlottenburg", Direktor Schrobsdorff, sowie Kaufmann Kummerle.

April 1894

Der Kaufmann Friedrich-Wilhelm Quinckardt

Januar 1905

Die Witwe des Farbenfabrikanten, Frau Wilhelmine Quinckardt

Mai 1905

Der Leutnant a.D., Herr Karl-Friedrich Kuhtz

November 1914

Das Fräulein Frieda Müller, Niebuhrstraße 56, per Erb­schein des Herrn Kuhtz.

Dezember 1922

Der Kaufmann, Herr Elie Isaak Sidi, Philippopol, Bulgarien

1928

Der Kaufmann, Herr Albert David Israel, Wilmersdorf, zu gleichen Rech­ten und Ant­heilen neben Kaufmann Sidi

Juli 1951

Bei der Wiederherstellung des alten Grundbuches sind die Kaufleute Sidi und Israel als Eigentümer eingetragen

 

Aus der Chronik des Hauses

21. Juni bis August 1893

Statische Berechnung, Baugesuch, und Zeichnung des Architekten Alfred Schrobs­dorff zur Er­bauung eines "Herrschaftlichen Wohn- und Geschäftshauses auf dem Grundstück Stuttgarter Platz, Parzelle 23, Herrn Quinckardt gehörig, eingetragen Band 104, Blatt 8" wird der Königlichen Bauinspektion eingereicht. Geprüft am 15.8.93

Das Grundstück ist 2.369 qm groß (108,31 x 22 m). Geplant sind der Bau des Vor­derhauses mit kurzen rechten und linken Seitenflügeln.

Das Haus soll 22 m breit, 22 m hoch und 15,20 m tief sein.

Die Zeichnung der Fassadenansicht weist noch nicht den hohen First von heute auf, aber ebenfalls eine Fahnenstange. Alle Elemente des Nachbarhauses wie­derholen sich spiegelverkehrt, so daß ein Ensemble entsteht.

 

1894

Der Kaufmann Friedrich Wilhelm Quinckardt, wohnhaft Bismarckstraße 46, kauft das Grundstück.

 

Oktober 1894

Der Farbenfabrikant Quinckardt ist mit der geplanten Fassade seines Hauses nicht zu­frieden. Er wünscht für sein Haus ein hohes Dach - höher als das des Nachbarhauses vom Baukönig Schrobsdorff -, zwei hohe, getreppte Spitzgiebel sowie auf dem hohen Dach noch einen spitzen Turm. Der scheint nie genehmigt worden zu sein. Es werden von Schrobsdorff veränderte Pläne für die Fassade des Vorderhauses ein­gereicht. Der Vordereingang mit seinem Vestibül läßt nichts an "Herrschaftlichkeit" mehr zu wünschen übrig.

Mit den Stuckarbeiten wird die Firma Drechsler und Ernst, Bildhauer, Zoppoter Straße 16, Schmargendorf bei Berlin, beauftragt. Sie sind im August 1895 beendet.

 

11. Oktober 1894

Es erfolgt der Bauconsenz Journal-Nr. 4495 III/94, Nr. 429 der Bauscheinliste.

Die Wohnungszuschnitte und -größen des Vorderhauses entsprechen denen des Hauses Stuttgarter Platz 15, sind aber auch spiegelverkehrt angelegt, wie die beiden Häuser zueinander. Die 5-Zimmerwohnungen liegen hier links.

Im Keller des rechten Seitenflügels, Aufgang 3, sind ebenfalls eine Bäckerei, eine Waschküche sowie ein Kohlenkeller geplant.

Auf dem großen, hinteren Grundstück ist bis zum Bau des Wohnhauses im Hof nichts geplant, anders als im Nachbarhaus.

 

November 1894

Der Rohbau des Vorderhauses mit kurzem rechten und linken Seitenflügel wird abge­nommen. 2 Monate nach dem Nachbarhaus.

 

1894/1895

Das Haus wird an die Kanalisation angeschlossen.

 

18. Dezember 1897

Die Ausführung des Kanalisations-Anschlusses wird vom Magistrat bemängelt. Ange­schlossen werden müssen eine Bäckerei, die Waschküchen, die Wohnklo­setts und Bäder sowie das Hofklosett. Das Hofklosett befindet sich in Aufgang 2. Der Brunnen­gulli befindet sich schon an der heutigen Stelle. Der Wassermes­ser und die Inspekti­onsgrube befinden sich im Keller unter dem Aufgang 1 an der Häuserfront.

Hinter den 3 Läden werden "Stuben", in anderen Plänen "Zimmer" genannt, ausge­wiesen, sowie in den Aufgängen 2 und 3 je eine Waschküche und eine Mädchen­kammer.

 

1898

Die Läden sind durch den Gärtner Nebert, den Tapezierer Strempel, den Pferdemei­ster Scharfe belegt. Es geht mangels Nutzung des Hofes und der Durchfahrt in die­sem Haus ruhiger zu.

 

August 1903

Vier Jahre früher als der Nachbar, Bauunternehmer Schrobsdorff, läßt der Ren­tier Friedrich Wilhelm Quinckardt bei der Königlichen Baudirektion Statische Berechnun­gen, das Baugesuch und Zeichnungen, ausgefertigt vom Architekten A. Schrobsdorff, für den Seiten­flügel und Quergebäude einreichen:

Aufgang 4 (Portal 1): Wirtschaftsboden, Waschküche, Trockenboden

Aufgang 5 (Portal 2): Wirtschaftsboden

Aufgang 6 (Gartenhaus, Portal 3): Wirtschaftsboden, Waschküche, Trockenbo­den

 

August 1903

Es erfolgt der Bauconsens durch die Königliche Baudirektion.

 

1904

Das Atelier Schmid & Weimar, Savignyplatz 4, bewirbt sich u.a. um die Bauausfüh­rung. Den Bänderstuck des Seitenflügels und die Sandsteinarbeiten führt das Atelier Georg Hentwich, Bildhauer, Berliner Straße 52 und Herder­straße 14 aus.

 

Juli 1904

Die Planung weist den Zuschnitt der Wohnungen in der jetzigen Form aus. Die Woh­nung Querge­bäude parterre rechts, Wohnung der Chronistin: 3 Zimmer, 1 Mäd­chenkammer, 1 Küche, 1 Flur.

An der lan­gen, fensterlosen Westseite des Quergebäudes waren über 4 Stock­werke Scheinfenster eingelassen.

Der Hof I ist 902,26 qm groß, der Hof II 199,05 qm. Der Grünbereich des ersten Hofes war auf seiner gesamten Länge mit einem schmiedeeisernen Zaun vom Weg abge­trennt.

 

1904

Das Haus verfügt über eine Zentralheizung für das Vorderhaus. Der Heizkessel liegt unter dem Aufgang 3.

Der Bezirksschornsteinfeger Albert Fuchs stellt Bescheinigung für Feuerungsstät­ten und Schornsteine für die Kachelöfen und Kochmaschinen im Seitenflügel und Quer­gebäude aus.

Der Seitenflügel und das Quergebäude gehen an die Kanalisation.

 

August 1904

Ein Mieter aus dem Vorderhaus (Aufgang 2) beschwert sich bei der Königlichen Bau­direktion wegen der Bauarbeiten für den Seitenflügel (Aufgang 4).

 

Januar 1905

Die Witwe des Herrn Quinckardt, Wilhelmina Marie Elise Quinckardt, geborene Lehmann, ist Eigentümerin des Hauses.

 

Mai 1905

Der Leutnant a.D, Herr Karl-Friedrich Kuhtz, ist neuer Eigentümer.

 

November 1914

Per Erbschein des Leutnants Kuhtz ist das Fräulein Frieda Müller neue Eigentü­merin.

Ein Verwandter des ersten Eigentümers gewährt Fräulein Müller eine Hypothek.

Der Grundstückswert zu dem Zeitpunkt ist 563.000,-- RM.

Der erste Stuck fällt von der Vorderhausfassade. Das Königliche Bauamt am Kaiser­damm 1 ist jetzt zuständig.

 

1922

Der neue Eigentümer des Hauses ist der Kaufmann Elie Sidi, Bulgarien. 1928 ist Mitei­gentümer zu gleichen Teilen der Kaufmann Albert David Israel, Wilmersdorf.

 

April 1933

Im mittleren Laden ist ein Geschäft für Seifen, Parfüme­rien und Wirtschaftsarti­kel.

 

April 1933

Der Präsident des Landesfinanzamtes München genehmigt der Lebensversiche­rung Phönix in München die Übertragung von 1.023.772,50 RM auf Sperrkon­ten ausländi­scher Versicherungen.

 

31. März 1936

Ein Rechtsanwalt und Notar bean­tragt beim Amtsgericht Charlottenburg, die Hypothekenbe­sitzer als Eigentümer in das Grundbuch einzutragen: "... Wir bewilligen und beantra­gen die Eintragung der neuen Eigentümer im Grundbuch ...".

 

März 1937

Die Kaufleute Sidi und Israel eignen ein weiteres Grundstück in der Bayreuther Straße 15. Sie werden gezwungen, das Haus an ein minderjähriges Mädchen für 130.000,-- RM zu verkaufen.

 

Der Präsident des Landesfinanzamtes, Devisenstelle, verfügt, daß der Bevoll­mächtigte der Eigentümer, Dr. Simon, von den 130.000,-- RM Hypothekengläu­biger, Darlehen und Handwerker für Renovierungsarbeiten, zusammen 45.074,12 RM, auszahlen muß.

Das Landesfinanzamt schreibt: "... zur Auflassung und Eintragung des Eigentümer­überganges bedarf es keiner besonderen Genehmigung ... Antreten bis 30.9.37 ...".

 

Mai 1937

Die Eigentümer Sidi und Israel zahlen die Hypothekeninhaber aus und beantra­gen die Löschung derselben aus dem Grundbuch.

 

August 1937

Dr. Simon beantragt beim Amtsgericht Charlottenburg einen Grundbuchauszug, als "Nichtarier" zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich vergeblich.

 

Januar 1938

Noch firmiert Dr. Erich Simon als Verwalter des Hauses.

 

März 1938

Ein arrivierter Mieter im Vorderhaus schickt eine Mängelanzeige wegen Ofenge­stankes in sei­ner Wohnung an die Bauaufsicht: "... Der Hausverwalter, der den Mietvertrag vom 28.4.37 "als Verwalter/Vermieter" unterzeichnet hat, ist Nicht­arier und erklärt, nichts ohne Ge­nehmigung eines Generalbevollmächtigten, der in Bulgarien wohnhaften Hauseigen­tümer Sidi und Israel, namens Jacques Almuly in Wien IV, Taubstummengasse 15, tun zu können. Seine Adresse ist: ... In dem Hinterzimmer links vom Ein­gang steht ein weißer Kachelofen, der aber nicht zu heizen ist, weil er keine Wärme abgibt! ..."

 

28. November 1938

Der Generalbevollmächtigte Jacques Almuly und der Kaufmann Sidi halten sich in Berlin auf - das letzte Mal.

Das Haus hat einen "arischen" Verwalter. Er beantragt beim Amtsgericht einen Auszug aus dem Grundbuch, um die Eigentumsverhältnisse klären zu können.

 

März 1939

Der rechte Laden ist ein Obst- und Gemüseladen. Das Betreiber-Ehepaar bean­tragt die Aufstellung eines Kohlebadeofens in ihrer Ladenwohnung. Die Chroni­stin lernt 38 Jahre später noch die Witwe kennen, die eine Wohnung im Seiten­flügel bezogen hat, in der sie 1990 sterben wird.

 

30. September 1942

übernimmt das Amtsgericht Charlottenburg die "Abwesenheitspflegschaftssache" Sidi, Aktenzeichen 12.VIII.S.14142.

 

Februar 1943

Der Bauaufsicht liegt der Plan des öffentlichen Luftschutzraumes für 130 Perso­nen vor. Er befindet sich im Keller unter dem Aufgang 3 (unter der jetzigen Hauswarts­wohnung). Das Haus verfügte über ca. 50 Wohnungen.

Luftschutzraum 1          27,93 qm          46 Personen

Luftschutzraum 2          50,52 qm          84 Personen

 

1945

Die Balkone im 1. und 2. Hof sind zerstört. Das Haus Stuttgarter Platz 16 wird bei der Behörde als "mittelschwer" zerstört registriert.

 

Januar 1949

Kinder der Alteigentümer sind teilweise israelische Staatsbürger geworden. Die Verwaltung des Hauses ist seit November 1938 unverändert.

 

Juni 1954

Die Wiedergutmachungsämter von Berlin, Martin-Luther-Straße 61-66, führen das Haus Nr. 16 unter dem Aktenzeichen 34 WGA 15.153/JRSO.

 

November 1955

Die linke Parterrewohnung im Aufgang 6 ist feucht, weil die Brandmauer unver­putzt ist. Das Problem besteht bis heute für den gesamten Seitenflügel.

 

November 1955

Das Notdach über dem Aufgang 6, links, soll abgebrochen und das Dach in alter Höhe wiederaufgebaut werden: " ... Im Zusammenhang damit soll der Ausbau der noch nicht wieder hergestellten Wohnung im IV. Stock, früher Wächter, durchgeführt werden. ..." Später soll es sich im die erste Wohnung der Chroni­stin in diesem Haus handeln.

 

August 1956

Der Plan für den Dachstuhl über dem ausgebombten Aufgang 6, links, liegt vor. Er wird nie ausgeführt werden.

 

September 1956

Die stuckierte Fassade des Vorderhauses wird nach dem Bauplan vom 26.9.56 abgeputzt und glatt und grün verputzt.

 

Oktober 1956

Der Bezirksschornsteinfeger bestätigt die ordnungsmäßige Wieder­herstellung der Feuerungsanlagen in der kriegszerstörten Wohnung.

 

Oktober 1960

Mieter im Vorderhaus, 1. Stock, links, reißen wertvolle Kachelöfen ab und installieren Ölöfen.

 

Juli/August 1963

Die Erben der Alteigentümer Sidi und Israel beantragen über einen Berliner Rechtsanwalt beim Amtsgericht Charlottenburg die Umschreibung auf sie als Eigentü­mer des Hauses. In seiner Ant­wort zweifelt das Amtsgericht die Identität der Erben an. Aber ihre Eintragung ins Grundbuch erfolgt am 15. August 1963.

 

September 1965

Der erste Laden des Hauses soll in eine "Lokalität" umgewandelt werden. Ver­geblich.

 

September 1966

Der Betreiber vom S.O.S. im Haus Stuttgarter Platz 13, auch "Ballermann" und "Bürgermeister" genannt, wohnt im Seitenflügel dieses Hauses.

 

Juni 1972

Eine von den Erben der Alteigentümer bestellte Firma übernimmt die Verwaltung des Hauses, die Jahre später lange von der Mietergemeinschaft im Haus beschäftigt werden wird.

 

1974

Ein Mieter im Vorderhaus, 1. Stock, rechts, reißt die wertvollen, Kachelöfen, die mit Holz befeuert werden, ab und baut Ölöfen ein.

 

November/Dezember 1974

Der Senat erfaßt das Haus mit 13 Kindern. Es findet eine Begehung mit dem Resultat statt: "... Spielplatz in ausreichender Größe und in sonniger Lage auf dem relativ großen Innenhof möglich." Per Gesetz muß nachträglich ein Kinder­spielplatz im Hof eingerichtet werden. In der Verfügung wird eine nutzbare Flä­che von mindestens 50 qm, 1 Schaukel, 1 Klettergerüst, 1 Buddelkasten mit jährlicher Erneuerung des Spielsandes und die In­standsetzung der Spielgeräte gefordert. Hunde müssen aus dem Bereich ferngehalten werden.

 

Januar 1975

Die Eigentümer lassen die Verwaltung Widerspruch einreichen: "... 80 % der auf dem Grundstück wohnenden Mieter sind an einem Kinderspielplatz nicht in­teressiert, weil es sich hier vornehmlich um alte Menschen handelt, die sich ... er­heblich gestört fühlen würden ..."

 

August 1975

Die Klage der Eigentümer gegen die Entscheidung des Senats als Widerspruchsbe­hörde liegt beim Verwaltungsgericht.

 

November 1977

Es wird die Umwandlung des Gemüseladens zur Gaststätte beantragt. Der Schankraum soll 42,30 qm groß sein. Spielautomaten, Stehtische, Ablösung für 2 Wageneinstellplätze werden angemeldet.

 

Februar 1978

Die Baugenehmigung Nr. 528 für die Umnutzung des rechten Ladens wird erteilt, in deren Anlage die Betreiber der Gaststätte strengste Wasser-Auflagen bekommen.

 

Mai 1978

Die Chronistin reicht mit zwei anderen Mieterinnen Hausmän­gel an Balkonen und Fassade des Aufganges 6 bei der Bau- und Wohnungsaufsicht (BWA) ein.

 

Juli 1978

Die BWA reagiert wegen der Fassade mit einem Einschreiben an die Verwaltung.

 

Dezember 1978

Die BWA droht mit Ersatzvornahme. Die Verwaltung hat die Fassadenarbeiten aber indessen beheben lassen.

 

Juli 1979

Das Urteil des Verwaltungsgerichtes zum Spielplatz erfolgt. Die Eigentümer ha­ben verloren. Der Spielplatz unter den Kastanien sei zumutbar, nicht aber vor der Woh­nung des alten Hauswarts-Ehepaares. Der Abstand von den Parterre­wohnungen sei einzuhalten. ... Es sei Sache der Eigentümer, Hausfremde und Betrunkene von dem Bereich fernzuhalten. ... Es sei Sache der Eltern, die Ruhe­zeiten zu beachten. Es er­folgt keine Berufung der Eigentümer.

 

Oktober 1979

Die "Mietergemeinschaft Stuttgarter Platz 16" ist gegründet. Sie übersendet der BWA eine Mängelliste, die von 43 Bewohnern des Hauses unterschrieben wird.

 

November 1979

Die Mietergemeinschaft meldet der BWA umfassende Mängel am Haus an, wie z.B. an Fensterlaibungen, Fensterblechen, Treppenaufgängen und an der Haus­durchfahrt.

 

Anfang 1980

Das BWA setzt einen Ortstermin im Haus an. Es erfolgt eine Mängelverfügung, der die Hausverwaltung im Mai 1880 widerspricht.

 

Juni 1980

Die Mieter wenden sich gegen die amtliche Spielplatzgestaltung. Sie wollen das Grün erhalten sehen und den Spielplatz selber bauen.

 

Dezember 1980

Die Mietergemeinschaft Stuttgarter Platz 16 wendet sich in einem Offenen Brief an Bausenator Ristock, SPD, wegen unterlassener Instandset­zung der Westber­liner Bausubstanz. Die Mieterarbeit im Haus begibt sich auf die politische Schiene.

 

Februar 1981

Die BWA stellt anläßlich einer Ortsbesichtigung fest, daß die Mieter mit Einver­ständnis und Unterstützung der Verwaltung den Bau des Spielplatzes begonnen haben.

 

28. Juni 1981

Die Mietergemeinschaft lädt zu einem Informationsfest über den § 31 Bundes­mietengesetz in den Hof des Hauses ein. Die Mieter führen ein selbstverfaßtes Theaterstück über ihr Haus auf.

 

Juni 1981

Die BWA verfügt die Behebung der Mängel an Dachrinnen, Simsen, Fassade, Bal­konen, Müllhaus, Kellern, Kellerlichtschächten, Geländern, Fallrohren ...

 

November 1981

Die BWA stellt fest, daß die Mängel in vollem Umfang weiterbestehen. Die Mie­ter kämpfen mit dem § 31 BMG und klagen.

 

Juli 1982

Es erfolgt ein weiterer Ortstermin durch Behörde und Gericht.

 

September 1982

Die Mieter ziehen ihre Klage gegen die Eigentümer wegen Durchsetzung des Paragra­phen 31 BMG zurück.

 

Juni 1983

Die Spielplatzgestaltung wird mit dem Bau des Sandkastens beendet.

 

Juli 1984

Die Verwaltung läßt die Treppenhäuser instandsetzen und renovieren. Der Senat verfügt die Einstellung der Zwangsbetreibung, die von der BWA eingeleitet wor­den war.

 

7./8. Dezember 1989

Ein Brand in der Wohnung im 3. Stock des Aufganges 6, hinten rechts, weitet sich zu einem Großbrand aus, der über Stunden von zwei Fronten aus bekämpft werden muß. Die Wohnung im 3. Stock, die darüberliegende im 4. Stock, der gesamte rechte Dachstuhl brennen total ab. Weitere 7 bis 8 Wohnungen bis ins Parterre hinunter nehmen durch Rauch, Ruß und Wasser Schaden.

 

Juni 1990

Die Öffentlichkeitsarbeit Chronistin über die mangelnde Beseitigung der Brand­schäden in Aufgang 6 und Hinterhof schlägt sich in der Presse und zögernd anlaufenden Renovierungsarbeiten nieder. Die erkrankte Chronistin übernimmt die Reinigung des ramponierten Aufganges 6 und des Hofes davor, da ein Hauswart nicht mehr tätig wird.

 

1990

Das Haus wird bis 1995 mehrmals verkauft, bisweilen mit hohen Gewinnspan­nen.

 

Ab November 1990

Das durch den Brand zerstörte Dach wird vor­übergehend winterfest gemacht.

Einige Mieter werden ausgekauft, um deren Wohnungen schnell modernisieren und für den vierfachen Mietzins neu vermieten zu können.

Der Kneipe im rechten Laden wird gekündigt, angeblich, um Bierwirtschaften ganz und gar aus dem Haus zu verbannen.

 

Juni 1991

Die neuen Eigentümer reichen das Baugesuch für den Dachausbau des Vorder­hauses mit drei großen Wohnungen bei der BWA ein.

 

Juli 1991

Die alarmierte BWA verlangt vor jeglichem Dachausbau erst die Beseitigung der Brandschäden im Quergebäude.

 

September/November 1991

Endlich wird der Brandmüll entsorgt sowie die beiden ausgebrannten Woh­nungen und der Dachstuhl wieder hergestellt. Diese Wohnungen fallen damit aus der Mietpreisbindung heraus. Schon durch diese Arbeiten nimmt der nörd­liche Grünbereich des Hofes Schaden. Der kleine hintere Hof ist durch Brand­schutt und Sperrmüll, der fensterhoch dort abgeladen und hingeworfen wird, völlig zerstört. Das Haus bewegt sich hart an anarchischen Zuständen entlang.

 

Juni 1992

Der Rechtsanwalt der Mieter wendet sich wegen der angekündigten Vermie­tung der rechten Gaststätte an einen Nachtbar-Betreiber an die Eigentümer.

 

Juli 1992 - Februar 1993

Die Nachbarschaftsinitiative Stuttgarter Platz e.V. wendet sich an Baustadtrat und Bezirksamt wegen der Überla­stung des Stuttgarter Platz durch Gastronomie im allgemeinen und im Haus Stuttgarter Platz 15 im speziellen.

 

April 1993

Die BWA nimmt die wiederhergestellten Wohnungen und Dach im Aufgang 6 ab. Indessen ist die Modernisierung des gesamten Hauses im Gange. Der große Grünbereich wird durch Bauarbeiten und -materialien weitgehend zerstört. Die Chronistin verhindert seine totale Zerstörung.

 

Januar 1995

im Heft Nr. 59 vom Januar 1995 des Charlottenburger Gesundheitsdienstes erscheint ein Artikel "Idylle in der Großstadt" über den Garten im Hof des Hauses Stuttgarter Platz 16.

 

April 1995

Im Zuge des neuen Denkmalschutzgesetzes wird das Vestibül des Hauses auf die Li­ste der Baudenkmäler in Berlin gesetzt. Die Begründung lautet:

"Das Mietwohnhaus Stuttgarter Platz 16 in Berlin-Charlottenburg ist 1893-95 nach den Plänen des Architekten Alfred Schrobsdorff (1861-1940) für den Kauf­mann F.W. Quinckardt gegenüber dem Stadt- und Fernbahnhof Charlottenburg errichtet worden. 1903-04 wurde das Wohnhaus noch um einen Seitenflügel an der westlichen Grund­stücksgrenze mit Quergebäude erweitert. Das Grundstück bildete mit dem des östlich angrenzenden Hauses Schrobsdorff (Nr. 15) eine Hofgemeinschaft. Das Vorderhaus umfaßte 4- und 5-Zimmer-Wohnungen mit Küche, Mädchenzimmer, Bad/WC, die für eine gutbürgerliche, mittelständische Mieterschaft konzipiert waren. Umso stärker überrascht das eigentliche groß­bürgerliche Vestibül und Treppenhaus im Vorderhaus: Über die Freitreppe mit Granitstufen, durch die Hauseingangstür mit schmiedeeisernem Rankenwerk führt eine breite Treppe mit Holzstufen zum Treppenpodest in der Bel-Etage. Das Vestibül zeigt im unteren Bereich stuckierte Seitenwände mit Quade­rung, dar­über eine dreifache Blendarkatur mit flachen Pilastern und Scheinbalustraden auf jeder Seite, schmiedeeiserne Ranken halten die Handläufe der breiten Vestibül­treppe. Die decke des Vestibüls wird von einem reichen Stuckrahmen umzogen. Auch das Treppenhaus vom 1. bis 4. Obergeschoß an der Hofseite mit Trep­penläufen, Ge­ländern und Wohnungseingangstüren ist ein eindrucksvolles Bei­spiel für späthistori­sche Miethausausstattung. Vestibül und Treppenhaus sind ein herausragendes Bei­spiel für die Ausstattung von bürgerlicher Wohnhaus­architektur im späten 19 Jahr­hundert in Berlin."

 

November 1997

Die Untere Denkmalschutzbehörde des Bezirkes verfügt, daß die Betreiber eines "Cafés" ihre Werbeanlage von der Fassade abbauen müssen.

 

Februar 1999

Die Chronistin recherchiert die im Ausland lebenden Erben der Alteigentümer Sidi und Israel und fragt an, ob es zutreffe, daß das Hauswarts-Ehepaar Retzlaff während des Dritten Reiches verfolgte Mitglieder der Eigentümer-Familie in oder unter ihrer Wohnung versteckt habe.

 

9. März 1999

Ein Urenkel der Alteigentümer Sidi und Israel antwortet aus Israel:

"... My grand father and my great grand father bought the building in Stuttgar­ter Platz in the early 20'. My Grandfather was a Bulgarian citizen who was doing bu­siness with Germany and lived for some years in Berlin during the 20'. ... The last time he visited Germany was in 1938. As a bulgarian citizen he had no problem in leaving Germany even during that period.

As far as I know no relatives of us were staying in Germany during the war so I don't think that any relative of mine was hidden in Berlin. I know that my grand­father and grandmother knew the Retzlaff couple back from the years they lived in Berlin (although they didn't live in the same house). I think that the Retzlaff couple was free from rent payment just for "old time sake". I even remember that when we changed the "verwalter" of the building my grandmother wrote the new "verwalter" a letter asking them to keep the old arrangement with the Retzlaff couple. ..."

 

22. Juni 1999

Dr. Hermann Simon vom Centrum Judaicum antwortet der Chronistin auf ihre Recherche nach dem einstigen Verwalter des Hauses, Dr. Simon: "... Ich kann zunächst zu Dr. Erich Simon folgendes mitteilen: Geb. am 29.06.1880 in Berlin. Er war als leitender Sachbearbeiter Mitarbeiter der Reichsvereinigung und ist am 16.6.1943 mit dem 91. Alterstransport nach Theresienstadt deportiert worden. Dr. Erich Simon überlebte und ..."

 

1999

Im letzten Jahrzehnt sind alle 3 Läden des Hauses Nr. 16 in "gastronomische" Lokalitäten im weiteren Sinne umgewandelt worden. Von den drei Lokalitäten des Hauses strahlt kein Lärm mehr in den Hof ab. Der laute, mittlere Laden steht allerdings seit mehr als einem Jahr leer.

 

 

© Copyrights by Ute Becker - Berlin

Veröffentlicht in:

Bruchstücke „Stuttgarter Platz“, Hrsg. Jochens. OMNIS Verlag Berlin, 1999, ISBN 3-933175,59-3

 

 

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